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Hertha BSC: Hauptstadtclub auf Provinztour

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Hertha in der 2. Liga Kampf gegen die Katastrophe

Für Hertha BSC schien der Abstieg in die Zweite Liga nur ein Betriebsunfall, der schnell repariert wird. Dann kamen die ersten Niederlagen. Jetzt kämpft der Club gegen die Krise - dabei ist er auf den direkten Aufstieg dringend angewiesen.

Hertha BSC hat dieser Tage ein Brot mit dem Namen des Vereins präsentiert. Die Hertha-Backware ist laut Eigenwerbung ein "Powerbrot nach alter Tradition in bester Handwerkskunst". Was der Hauptstadtverein seit Wochen in der Zweiten Bundesliga anbietet, ist denn allerdings eher Handwerk als Kunst und von Powerfußball weit entfernt. Trotz des derzeit zweiten Tabellenplatzes und der Möglichkeit, den Spitzenreiter FC Augsburg im direkten Duell am Samstag (13 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu stürzen, bleibt für Hertha nach 13 Jahren Erstligafußball die Erkenntnis: Die Zweite Liga ist ein hartes Brot.

Statt gegen den FC Bayern geht es für die Berliner seit diesem Sommer gegen 1860 München, statt Schalke 04 wartet Ingolstadt 04. Schwer zu verdauen für Fans und Verantwortliche, deren Ansprüche gerne hoch über der Wirklichkeit schweben. Der langjährige Manager Dieter Hoeneß träumte den nie erfüllten Traum, mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu spazieren; der vor kurzem verstorbene langjährige Präsident Wolfgang Holst versprach den Herthanern auf jeder Mitgliederversammlung aufs Neue glänzende Zeiten. Der Meistertitel als Minimum. Noch vor zwei Jahren galt die Champions League unter dem Trainer-Feingeist Lucien Favre als Option, danach folgte der Absturz in die Zweitklassigkeit.

Viel gelernt hat die Hertha daraus offenbar nicht. Vor dem Gastspiel des FC Erzgebirge Aue im Olympiastadion am vergangenen Sonntag ließ der Club Ankündigungsplakate drucken, auf denen über den Aufsteiger gehöhnt wurde: "Wir haben mehr Fans als ihr Einwohner." Für Hertha-Manager Michael Preetz ein "ganz normales Plakat, andere Vereine machen so etwas auch". Das Etikett "Bayern München der Zweiten Liga" hat Preetz der Hertha selbst zu Saisonbeginn aufgeklebt. Als der Verein vor zwei Wochen auf den fünften Platz der Tabelle abgerutscht war, war man tatsächlich in einer ähnlichen Lage wie der diesjährige FC Bayern eine Etage höher.

Auch der Trainer hat FC-Bayern-Erfahrung

Mit Markus Babbel hat man im Sommer einen Trainer mit viel FC-Bayern-Erfahrung verpflichtet. Babbel, der als Spieler in München Titel auf Titel gewann, ist ein unaufgeregter Coach, besonnen in der Ansprache, ruhig im Ton. Zumindest mit dieser Eigenschaft reiht er sich in die Serie seiner Vorgänger Favre und Friedhelm Funkel ein. Im Gegensatz zu Funkel allerdings, der so lange stoische Durchhalteparolen wiederholte, bis die Hertha tatsächlich abgestiegen war, wird Babbel immer noch zugetraut, in Berlin etwas aufzubauen.

Der Bayer war so ziemlich der einzige im Hertha-Dunstkreis, der sich stets gegen den Vergleich mit dem FC Bayern gewehrt hat und zur Vorsicht vor zu viel Aufstiegsgewissheit mahnte. Es gehört zu den Regeln der Branche, dass ausgerechnet seine Arbeit als erstes in Frage gestellt wurde, als in den Vorwochen genau das eintraf, vor dem Babbel stets gewarnt hatte.

Hertha hatte im Oktober den Platz eingenommen, der ihr nach ihrem Selbstbild alleinig zustand: die Tabellenführung. Mit einem Kader, in der Spieler wie Christian Lell und Peter Niemeyer stehen. Beide haben mit ihren alten Vereinen FC Bayern und Werder Bremen schon in der Champions League gespielt. Das Olympiastadion war zu Saisonbeginn teilweise besser gefüllt als zur Erstligazeit. Die Fans sangen schon wieder ihr "Hey, was geht ab, wir holen die Meisterschaft", wenn der Karlsruher SC oder Rot-Weiß Oberhausen besiegt worden war.

Die ersten zehn Spieltage der Saison blieb die Hertha ungeschlagen, alles ging seinen Gang. Dann verloren die Berliner erst in Paderborn, dann in Osnabrück, anschließend auch das Heimspiel gegen Duisburg. Punktlos in Paderborn - eine größere Demütigung mag sich ein Hertha-Anhänger kaum ausmalen.

1860 München als warnendes Beispiel

Mit dem 2:0-Heimsieg gegen Aue, das dadurch die Tabellenführung eingebüßt hat, ist die Berliner Zweitligawelt erst einmal wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Hertha ist von Platz fünf auf Platz zwei geklettert, mit einem Erfolg in Augsburg würde man die Hinrunde als Herbstmeister abschließen.

Wobei die Partie gegen Aue eine Visitenkarte für die Qualität im deutschen Unterhaus darstellte. Ein kreuzbiederer Gast aus dem Erzgebirge, mit ein paar stämmigen, aber fußballerisch limitierten Defensivspielern stellte sich in Berlin vor. Ein Kollege auf der Pressetribüne murmelte: "Wer in dieser Liga, wo ein Team wie Aue Tabellenführer ist, nicht aufsteigt, hat es auch wirklich nicht verdient." Auf der anderen Seite stand eine Hertha, die zwar ein paar technische Finessen offenbarte, aber auch sehr viel spielerische Einfallslosigkeit.

Hertha ist zum Aufsteigen verurteilt. Der Verein, der aus den Jahren der Völlerei des Dieter Hoeneß einen gewaltigen Schuldenberg mit sich herumschleppt, kann sich einen so teuren Kader wie den jetzigen nur ein einziges Zweitligajahr lang erlauben: Spieler wie Mittelfeldregisseur Raffael oder Mittelstürmer Adrian Ramos sind Großverdiener. Ramos haben sie mühsam beknien können, trotz des Abstiegs in Berlin zu bleiben. Ein weiteres Jahr gegen Ingolstadt und Aachen würde er sich allerdings nicht bieten lassen.

Bei Hertha haben sie das abschreckende Beispiel des TSV 1860 München vor Augen. Auch die Sechziger hielten sich für ein natürliches Mitglied der Ersten Bundesliga, jetzt dümpeln die Löwen bereits im siebten Jahr im Mittelmaß der Zweiten Liga herum, immer ganz nah am finanziellen Kollaps.

In Berlin haben sie es derzeit noch selbst in der Hand, es besser zu machen. Aber das funktioniert nur über den sofortigen Wiederaufstieg, alles andere wäre für den Club eine Katastrophe.

Das nächste halbe Jahr entscheidet darüber, ob die Hauptstadt irgendwann noch einmal Erstligafußball zu sehen bekommt.

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