Hertha-Jugendarbeit Lohnende Investitionen

Kevin-Prince Boateng spielt in England, Bruder Jerome beim HSV. Ashkan Dejagah ist in Wolfsburg, Christopher Schorch bei Real Madrid. Die vier haben die Nachwuchsabteilung von Hertha BSC durchlaufen und im Sommer Berlin verlassen. Ihre Nachfolger stehen schon bereit.

Von


Berlin - Frank Vogel ist seit sieben Jahren bei der Hertha. Er kennt Kevin-Prince und Jerome Boateng ebenso seit ihrer Jugend wie Ashkan Dejagah. Der Amateur- und Jugendkoordinator des Hauptstadtclubs war nicht besonders glücklich, als sie im Sommer des Geldes wegen unbedingt weg wollten. Nachkarten will Vogel nicht mehr: "Wenn ein Spieler vom Kopf her nicht mehr einzufangen ist, dann ist es besser, man gibt ihn ab." Für die Boateng-Brüder, Dejagah und Schorch gab es immerhin ein üppiges Schmerzensgeld: Zusammen brachten die vier dem Verein rund zehn Millionen Euro ein. Das Geld kann der Club gut gebrauchen, die Hertha drücken derzeit Verbindlichkeiten in Höhe von gut 45 Millionen Euro. Jährlich rund 4,5 Millionen Euro lässt sich der Hauptstadtclub seine Jugendakademie kosten, aus der Schorch hervorging. Selten zahlt sich die Investition so direkt aus wie in diesem Sommer: Meist gehen Spieler ablösefrei. Vogel ist dennoch stolz auf seine Bilanz. Seit 2000 haben 19 Spieler aus der Hertha-Jugend den Sprung in die Bundesliga geschafft.

Von der U7 bis zur U23 gibt es eine Mannschaft pro Jahrgang. 200 Nachwuchstalente kicken im Hertha-Dress. 13 von ihnen kommen von weit außerhalb Berlins und wohnen im vereinseigenen Internat auf dem Olympiagelände. Höchstens ein oder zwei Spieler pro Altersstufe schaffen es in den Profikader. Die Auswahl ist hart, der Aufstieg aber möglich. Nicht jeder Bundesligaclub vergibt so viele Plätze an Jugendspieler wie die Hertha. Im Kader 2007/2008 stehen neun Spieler, die aus der eigenen Talentförderung hervorgegangen sind.

Kontinuität, Geduld und sehr gute athletische Voraussetzungen braucht laut Vogel jeder, der Profi werden will. Doch wichtiger sei der Wille: "Man muss immer am eigenen Limit spielen und vor allem trainieren. Wer mit 17 meint, er hat schon was erreicht, der ist im Kopf falsch gepolt und wird seinen Platz früher oder später wieder verlieren" – Talent hin oder her.

Den Kopf des Spielers erreichen: Hertha hat die Lektion aus der jüngsten Vergangenheit gelernt. Eine Kooperation mit der Poelchau-Oberschule in Charlottenburg wurde ausgebaut. Für 40 Jugendspieler bietet Hertha seit diesem Sommer am Nachmittag eine Betreuung auf dem Olympiagelände an: Hausaufgabenhilfe, sportgerechte Ernährung oder auch Play-Station-Zocken im Gemeinschaftsraum.

Hauptziel Bodenhaftung

Gestandene Profis aus der Bundesligamannschaft übernehmen Patenschaften für die nachrückende Generation. Zwei- bis dreimal im Monat kümmern sie sich um ihre potentiellen Nachfolger. Hauptziel: Bodenhaftung sicherstellen.

Garantien für eine positive charakterliche Entwicklung der Spieler gibt es trotzdem nicht. Bei manchem reicht der Einfluss des Vereins über die fußballerische Ausbildung nicht hinaus. "Man ist kein Wundertäter. Nicht in jeden Kopf geht das, was man ihm beibringen will, auch hinein", sagt Vogel.

Über Spielerberater regt sich Vogel ganz besonders auf. Die bauen den Talenten früh Luftschlösser vom großen Geld - um selber mit abzukassieren, versteht sich. Schon ab der U15 tauchen bundesweit Berater bei den Nachwuchsturnieren auf. Vogel erlebt ein Hauen und Stechen um die zukünftigen jungen Fußball-Millionäre: "Dabei wird es erst im Herrenbereich wirklich interessant." Oft flüstern diese externen Betreuer ihren Schutzbefohlenen ein, bei Problemen lieber den Verein zu wechseln, als sich durchzubeißen.

Unbedingt in der Hauptstadt durchbeißen will sich Daniel Ujazdowski. Der 16-Jährige ist im Sommer aus Magdeburg nach Berlin gewechselt und bewohnt seitdem ein Zimmer im Hertha-Internat. Angefangen hat der offensive Techniker bei Lok Stendal. Ein kontinuierlicher Aufstieg, der in Berlin in die Bundesliga führen soll: "Fußball war schon immer mein Traum. Immer!" Klar habe er registriert, wie viele Jugendspieler bei Hertha den Sprung schaffen: "Das war ein Grund, hierher zu wechseln."

Wer sich mit Daniel unterhält, erlebt einen höflichen und für sein Alter erstaunlich disziplinierten, reflektierten und sehr professionellen jungen Fußballer. Daniel will eher dem portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo nacheifern als Kevin-Prince Boateng. Dass er abheben oder sich vom großen Geld den Kopf verdrehen lassen könnte, kann man sich kaum vorstellen. Die neue junge Garde der Hertha hat ein anderes Gesicht als ihre Vorgänger.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung war davon die Rede, dass die Boateng-Brüder, Dejagah und Schorch im Jugendinternat der Hertha ausgebildet wurden. Dies ist nicht richtig, sondern gilt nur für Schorch. Die drei anderen Spieler stammen aus der Nachwuchsabteilung des Clubs.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.