Hertha-Krach um Babbel Berliner Amateur-Theater

Beim Bundesliga-Aufsteiger Hertha BSC herrscht das Chaos: Coach Markus Babbel und die Vereinsführung bezichtigen sich gegenseitig der Lüge. Die Ablösung des Trainers scheint beschlossen, obwohl er in Berlin gute Arbeit geleistet hat. Aber um den Sport geht es nur noch am Rande.

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Hamburg/Berlin - Möglicherweise wird Markus Babbel auch in der Rückrunde Hertha BSC trainieren. Eventuell wird der Coach aber auch schon zum Jahresende abgelöst. Momentan weiß das keiner so genau. Man wird den Verdacht nicht los, dass auch die Verantwortlichen in Berlin nicht so ganz darüber im Bilde sind, wie es mit dem Verein weitergeht. Zu sehr widersprechen sich die Beteiligten in Berlin derzeit. Und zwar annähernd im Minutentakt. Mittlerweile bezichtigen sich beide Seiten der Lüge.

Babbel behauptet, er habe den Vorstand schon vor Wochen über seine Wechselabsichten zum Saisonende informiert. Manager Michael Preetz will aber erst vor Tagen davon erfahren haben. Präsident Werner Gegenbauer nennt den Trainer einen "Lügenbaron". Wer lügt, wer die Wahrheit sagt - das ist alles nur noch schwer zu entwirren.

Wenn Babbel allerdings tatsächlich in der kommenden Woche gehen sollte, wäre dies wahrscheinlich die bizarrste und unnötigste Trainerablösung in der Bundesliga seit Jahren.

Sportlich-fachlich gibt es keinen Grund für einen Wechsel. Babbel hat Hertha nach dem Abstieg unverzüglich zurück ins Oberhaus geführt, die Mannschaft hat hier als Aufsteiger in der Hinrunde 20 Punkte gesammelt, das ist mehr als ordentlich. Das Team steht auf Platz elf, mit nur zwei Zählern Rückstand auf Rang sieben. Ambitionierte Vereine wie der Hamburger SV, der VfL Wolfsburg und der 1. FC Nürnberg liegen in der Tabelle hinter der Hertha. Die Mannschaft hat am Samstag in Hoffenheim gekämpft, hat sich das späte 1:1-Unentschieden durch Einsatz und Leidenschaft verdient. Zumal das Team lange in Unterzahl spielte. Keiner konnte danach sagen, dass der Trainer seine Truppe nicht mehr motivieren könne.

Alle Beteiligten haben zur Missstimmung beigetragen

Trotzdem wird seit Tagen nur noch der Zeitpunkt von Babbels Abgang diskutiert. Mit Michael Skibbe steht für die Berliner Medien sogar der Nachfolger schon fest. Und so sehr sich der Trainer und die Verantwortlichen um Manager Michael Preetz bemühten zu dementieren, was zu dementieren geht: Sie konnten die Anti-Babbel-Stimmung in der Öffentlichkeit nicht mehr eindämmen. Und sie sind selbst schuld daran.

Babbel selbst hat wochenlang zu der Frage, ob er in Berlin bleiben wolle, geschwiegen. Er hat dies auf eine derart ungeschickte Art und Weise getan, dass beim Publikum der Eindruck entstehen musste, hier will jemand den Club in jedem Fall verlassen. Statt der Mannschaft und dem Verein jedoch klar zu sagen, dass er am Ende der Spielzeit gehen werde, druckste er herum, verwies auf eine Entscheidung irgendwann nach Weihnachten und speiste damit Tag für Tag die Spekulationen um seine Zukunft. Erst am Samstag offenbarte sich der Coach: "Ich habe erklärt, meinen Vertrag zu erfüllen, dass ich mich danach aber verändern will." Eine solche Aussage vier Wochen früher - und in Berlin hätte es deutlich weniger Aufregung gegeben.

Auf der anderen Seite trug auch Manager Preetz durch eine amateurhafte Außendarstellung massiv dazu bei, dass es auf den Sportseiten der Berliner Zeitungen bald nur noch das Thema Babbel gab. Preetz sorgte dafür, dass der Trainer auf der Mitgliederversammlung im November kein Rederecht erhielt. Er ließ es zu, dass die Medien offen über ein Zerwürfnis zwischen Babbel und ihm spekulierten. Selbst als in den Springer-Medien der Hauptstadt, die Babbel ohnehin nie besonders freundlich gesonnen waren, schon die Ablösung als gesichert vermeldet wurde, kam kein offenes Wort von Preetz.

Skibbe müsste aus seinem Vertrag herausgekauft werden

Es ist in der Bundesliga kein ungewöhnlicher Vorgang, dass ein Trainer seinen Wechsel vorzeitig verkündet. Es gibt Mannschaften, die darauf mit einem Leistungsabfall reagieren - wie der FC St. Pauli nach dem angekündigten Abschied von Holger Stanislawski. Andere haben ihr Niveau unbeeindruckt gehalten wie das Wolfsburger Meisterteam 2009, nachdem der Wechsel von Trainer Felix Magath zum FC Schalke vorzeitig publik wurde. Es gibt in der Bundesliga keinen Automatismus der "lame duck", des Trainers, der seinen Abgang frühzeitig verkündet und dann nicht mehr in der Lage ist, das eigene Team auf die vereinbarten Saisonziele auszurichten.

Babbel werde als künftiger Trainer bei Schalke 04 gehandelt, heißt es. Schalke-Sportdirektor Horst Heldt, ein alter Freund und Weggefährte Babbels, hat das flugs und mit der denkbar arglosesten Miene dementiert. Er hat darauf hingewiesen, dass man mit Huub Stevens ja bereits einen erfolgreichen Coach habe und es gar keinen Grund gebe, diese Situation zur neuen Spielzeit zu verändern. Auch die Meldung, der Verein habe in Stevens Vertrag eine Klausel hineinschreiben lassen, die eine vorzeitige Kündigung möglich mache, bestätigte er nicht: "Ich kommentiere keine Inhalte von Verträgen."

Heldt hat in der Vorsaison auch stets tapfer betont, man habe keinerlei Absicht, sich von Magath zu trennen. So lange, bis es dann passierte. Zuvor war Heldt auch beim VfB Stuttgart als Sportdirektor im Wort gewesen, über Nacht und Nebel war er dann Richtung Schalke verschwunden.

Seitdem ist auch bei treuherzigsten Stellungnahmen Vorsicht geboten.

Eine weiterer Akt im Possenspiel wird in der Türkei geschrieben: Der vermeintliche Babbel-Nachfolger Skibbe trainiert dort derzeit noch den Erstligisten Eskisehirspor. Hertha soll bereit sein, den früheren Coach von Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt aus dessen Vertrag herauszukaufen. Dagegen teilte der Vizepräsident des türkischen Clubs am Samstag mit, Skibbe sei fest entschlossen, seine Arbeit beim zurzeit Viertplatzierten der türkischen Liga fortzuführen.

Hertha spielt am kommenden Mittwoch noch um den Einzug ins DFB-Pokal-Viertelfinale. Es kommt der 1. FC Kaiserslautern (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), die Aussichten, erstmals seit vielen Jahren in die Runde der besten acht einzuziehen, sind nicht schlecht. Der Ausgang der Partie ist ungefähr so offen wie die Frage, wer dann bei Hertha auf der Bank sitzen wird.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Surgeon_ 18.12.2011
1. Alle haben Schuld ??
Die Schuld liegt doch wohl ganz klar bei Mr Babbel ! Der babbelt nämlich nur und lügt, dass sich die Balken biegen !
icke1261 18.12.2011
2. selbst Schuld
Babbel haut sich eine schlechte Kerbe in seine Biographie. Ein solch unzuverlaessiger Trainer tut keinem Klub gut. Seine Arbeit bei Hertha war gut,- fuer ihn aber wohl nur ein Sprungbrett... Irgendwann wird er bei Bayern verheizt und tritt dann irgendwo im Sueden gegen aehnliche Strategen wie Matheus an, viel Spass dabei... Habe fertig.
cancun771 18.12.2011
3. Was für ein Heldt
Schalke-Fans hatten ja noch nie viel für Horst Heldt übrig. Sollte sich irgendwann rausstellen, dass der in dieser Situation tatsächlich insgeheim bereits an Huub Stevens' Stuhl sägt, dann kann er sich in Gelsenkirchen jedenfalls nicht mehr blicken lassen.
Haligalli 18.12.2011
4. Hertha-Vereinsführung - Reif für die 3. Liga
Zitat von icke1261Babbel haut sich eine schlechte Kerbe in seine Biographie. Ein solch unzuverlaessiger Trainer tut keinem Klub gut. Seine Arbeit bei Hertha war gut,- fuer ihn aber wohl nur ein Sprungbrett... Irgendwann wird er bei Bayern verheizt und tritt dann irgendwo im Sueden gegen aehnliche Strategen wie Matheus an, viel Spass dabei... Habe fertig.
Recht hat Markus Babbel - wenn er Berlin den Rücken kehrt. Hertha hat mit Pretz den falschen Mann als Manager -einen Nichtskönner - einer der den Kopf nicht zu Denken benützt. Wie war das nochmal mit Favre - das gleiche Theater. Aber so ist das in Berlin! Große Fresse uns nischt dahinter. Immer die andern sind Schuld. Wenn die gebratenen Tauben nich in Mundhöhe und nicht ohne Knochen daher fliegen, haben die verwöhnten Hauptstädter immer was zu meckern. Gegenbauer muss die Notbremse ziehen und Pretz im hohen Bogen hinaus werfen
Talan068 18.12.2011
5. Nr. 3
Der Abgang von Dieter Hoeneß war schon unschön, daß konnte ich aber gut nachvollziehen, schließlich hat der ähnlich Geldsummen bewegt wie sein Bruder, nur ohne Erfolg. Auch bei Favre dachte ich noch, der Favre spinnt. Ja und jetzt der Babbel, wiede ist der an allem Schuld? Das wäre dann die Nr. 3, aber vieleicht liegt es doch an Preetz und Gegenbauer. Oje, Babbel soll Stevens ablösen? Das wäre dann nach Rangnick (1.Amtszeit) Slomka, die Nr. 3 die trotz erfolgreicher Arbeit gehen muß. Bisher bin ich recht zufrieden mit Held, aber manchmal ist weniger mehr, wie die vollkommen überflüssige Verpflichtung von Hildebrand zeigt.
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