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Hertha BSC: Hauptstadtclub plant Wiederaufstieg

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Hertha vor dem Aufstieg Die Hauptstadt wird erstklassig

Nach dem Sieg beim direkten Verfolger VfL Bochum ist Zweitliga-Tabellenführer Hertha BSC so gut wie aufgestiegen. Nach nur einem Jahr Abstinenz bekommt die Hauptstadt damit wieder Erstligafußball geboten. Dem Verein hat der Abstieg durchaus gut getan.

Für Oliver Reck wird Berlin in diesen Wochen zur Partyzone. Der frühere Keeper von Werder Bremen ist mittlerweile als Torwarttrainer beim Zweitligisten MSV Duisburg gelandet - dem Verein, der überraschend in das Pokal-Endspiel am 20. Mai in der Hauptstadt vorgedrungen ist. Eine Niederlage gegen den favorisierten Finalgegner Schalke 04 dürfte Reck dabei verschmerzen. Dann feiert er eben Aufstieg: Sein Stiefsohn ist Pierre-Michel Lasogga, die große Stürmer-Hoffnung bei Duisburgs Ligakonkurrent Hertha BSC. Nach dem souveränen 2:0-Auswärtserfolg beim Verfolger VfL Bochum am Montag steht Lasoggas Team ganz dicht vor der Heimkehr in die Fußball-Bundesliga.

Fünf Spieltage vor Schluss steht die Hertha relativ ungefährdet auf Platz eins der Tabelle, der Abstand zum Relegationsplatz drei beträgt nun schon sieben Punkte, gar neun Punkte Vorsprung sind es auf Platz vier; das Restprogramm mit den nächsten zwei Heimgegnern VfL Osnabrück und 1860 München ist auch nicht besonders furchteinfößend. Alles spricht derzeit dafür, das Hertha nach nur einem Jahr in der Zweitklassigkeit dahin zurückkehrt, wohin ein Hauptstadtverein auch gehört. "Jetzt schielen wir mit einem Auge Richtung erste Liga", sagt Sportdirektor Michael Preetz.

Dass der Verein nach einem Besorgnis erregenden Durchhänger zum Ende der Hinrunde sich ab sofort relativ gelassen an die Planungen der Erstligasaison machen kann, hat er zu einem Großteil einem 19-jährigen Jungspund im Angriff zu verdanken. Beim Hinrundenspiel gegen Bochum stellte Trainer Markus Babbel erstmals Lasogga in die Startelf - der zahlte das Vertrauen gleich mit zwei Treffern zurück. Insgesamt hat er jetzt zehnmal in 20 Spielen getroffen. Die Berliner Presse überschlägt sich mit Superlativen. Nie darf dabei der Hinweis fehlen, dass bisher kein Hertha-Offensivmann in der jüngeren Vereinsgeschichte solch eine Torquote aufweist wie Lasogga. Kein Preetz, kein Marcelinho, kein Marko Pantelic.

Fans und Verantwortliche haben gelernt

Es hat in dem Verein in den vergangenen Monaten ein bemerkenswerter Stimmungswechsel eingesetzt. Wurde zu Saisonbeginn der sofortige Wiederaufstieg als selbstverständlich vorausgesetzt, haben Vereinsverantwortliche und Fans aus den trüben Vorstellungen im Spätherbst gelernt. Seitdem herrscht verordnete Bodenständigkeit. Das Team musste offenbar erst durch eine handfeste sportliche Krise hindurch gehen, um die Herausforderung Zweite Liga tatsächlich anzunehmen. Im Club ist man in dieser schwierigen Phase ruhig geblieben, selbst als das Team zwischenzeitlich aus den Aufstiegsplätzen herausgerutscht war. Die Position des Trainers blieb auch in dieser heiklen Situation unangetastet.

Ein Stück Demut ist seither in Berlin eingekehrt. Das Zweitligajahr hat dem Verein gut getan - wie es ohnehin schon manchem Team durchaus genützt hat, einmal abzusteigen, um dann gestärkt durch Erfolgserlebnisse in der Zweitklassigkeit auch in der Bundesliga einen Neustart vorzunehmen. Hertha wirkt geerdet, ist zudem in der Stadt beliebter als in vielen Bundesligajahren. Der zuweilen unangenehm wirkende Höhendrang der Vergangenheit, verkörpert durch den langjährigen Manager Dieter Hoeneß, ist gewichen. Mittlerweile haben 70.000 Berliner Lust, sich ein Heimspiel gegen den SC Paderborn anzusehen - selbst wenn das Publikum mit allerhand Marketingtricks zum Stadiongang animiert wurde. Unter anderem gab es Hertha-Tickets beim Supermarkt-Einkauf obendrauf. Auch so lässt sich das Olympiastadion füllen.

Personalplanungen für die Bundesliga laufen schon an

Statt nach dem ungefährdeten Sieg bei den Bochumern, die zuvor immerhin 15 Spiele nacheinander unbesiegt geblieben waren, in Großspurigkeit zu verfallen, sagt Babbel lediglich: "Jetzt müssen wir in den kommenden Spielen den Sack zumachen." Über Wochen hatte der Trainer seinen Spielern mehr oder weniger untersagt, an den Aufstieg nur zu denken. Jetzt zumindest gönnte sich der 38-Jährige ein bisschen Genugtuung: Man habe "den wichtigsten Konkurrenten auf Abstand gehalten".

Offiziell warten die Hertha-Verantwortlichen höflicherweise noch ab, zu früh den Aufstieg zu feiern, der Blick jedoch geht längst voraus. Ex-Nationalspieler Benjamin Lauth von 1860 München, Frankfurts Kapitän Patrick Ochs oder Bayern-Spieler Andreas Ottl werden als mögliche Verstärkungen für den Aufstiegsfall gehandelt. Der Kader weist jetzt bereits Qualität auf, hat mit Kapitän Andre Mijatovic, mit Adrian Ramos, Patrick Ebert, Christian Lell, Peter Niemeyer oder dem Brasilianer Raffael genügend bundesligaerfahrene Leute.

Dennoch finge auch ein Aufsteiger Hertha in der Bundesliga wieder ganz unten an. Dass der Verein zuvor 14 Jahre ununterbrochen der Eliteliga angehört hatte, dass er vor gerade einmal zwei Jahren unter Trainer Lucien Favre noch von der Deutschen Meisterschaft träumen konnte, das alles zählt gar nichts mehr. Hertha muss sich in der ersten Liga wieder hinten anstellen. Hinter Freiburg, hinter Hoffenheim oder Kaiserslautern.

Klassenerhalt ist das natürliche Ziel jedes Neulings. Hertha BSC macht da keine Ausnahme. Dies allen in der Hauptstadt auch dann klarzumachen, wenn es gegen Bayern München oder Borussia Dortmund erste Achtungserfolge zu feiern gibt - das dürfte das Meisterstück von Babbel und Preetz werden.

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