Herthas Suche nach Identität "Kniet nieder, wenn die Hauptstadt kommt"

Als Tabellen-Siebzehnter der Fußball-Bundesliga droht Hertha BSC Berlin der Abstieg. Parallel zur sportlichen Talfahrt kämpft der Hauptstadtclub sieben Jahre nach der Rückkehr in die Eliteliga mit einer schweren Identitätskrise.

Von Andreas Kröner


Hertha-Trainer Hans Meyer: Wenigstens ein bisschen Kult für einen farblosen Verein
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Hertha-Trainer Hans Meyer: Wenigstens ein bisschen Kult für einen farblosen Verein

Berlin - Wenn die Anhänger von Hertha BSC Berlin auf Reisen gehen, sind sie vom Flair ihres Reiseziels selten angetan. Langweilig und dröge empfinden die Fans des Hauptstadtclubs Städte wie Bremen oder Freiburg - in Berlin wird eben mehr geboten. Bei Auswärtsspielen singen sie genussvoll: "Kniet nieder, wenn die Hauptstadt kommt." Den Einheimischen muss schließlich klar gemacht werden, welches Kaliber sich heute in der Provinz die Ehre gibt.

Belächelt statt gehasst

Doch im Gegensatz zum FC Bayern, dessen als arrogant verrufene Anhängerschaft in ganz Fußballdeutschland mit besonderem Hass empfangen wird, werden die Berliner Fans für ihre Gesänge derzeit eher belächelt. Der Club aus der 3,4-Millionen-Metropole steht auf dem vorletzten Platz der Bundesligatabelle, fünf Punkte hinter dem 200.000-Seelen-Gemeinde Freiburg, ganze 32 Punkte hinter der 550.000-Einwohner-Stadt Bremen.

Der Abstiegskampf ist dennoch nicht das Metier, in dem sich die stolzen Berliner Zuhause fühlen. Nach den Rückrundensiegen gegen Stuttgart, Freiburg und Hannover schielten die ersten bereits wieder auf einen Uefa-Cup-Platz. "Mit einem Sieg wäre Platz fünf noch drin gewesen", ärgerte sich ein Reporter der euphorischen Berliner Boulevard-Presse nach dem 1:1 gegen den VfL Bochum am letzten Wochenende. Für Kollegen, die es für angemessener halten, angesichts der Tabellensituation allen Augenmerk auf den Klassenerhalt zu legen, hat er nur Verachtung übrig: "Ihr elendigen Pessimisten!"

Baustelle Olympiastadion: Hertha möchte sein wie Berlin - modern, glamourös und international
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Sportlicher Größenwahn ist kein reines Berliner Phänomen. Auch in Hamburg, Dortmund, Wolfsburg oder Hannover klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Doch bei Hertha, die mit dem Ziel Champions League in die Saison gestartet war, geht die sportliche Talfahrt mit einer schwer wiegenden Identitätskrise einher. Hertha möchte modern, glamourös und international sein, Glanz verstrahlen wie andere Hauptstadtclubs - wie Arsenal London, der AS Rom oder Real Madrid - und verkennt, dass sie nicht mal in der Bundesliga Strahlkraft besitzt.

Den alten Charme verloren

Hertha fehlt das Aroma. Bis in die siebziger Jahre haftete der "alten Dame" ein einfaches, schweres Image an. Der Verein aus dem Berliner Arbeiterviertel Wedding trat verlottert und zum Teil konfus auf, aber einen gewissen Charme konnte man ihm nicht absprechen. Heute erinnert allein der Fan-Gesang "Nur nach Hause, gehen wir nicht", zu dem die Fans beim Auflaufen der Mannschaft andächtig ihre Schals schwenken, an die "alte Hertha". Ansonsten hat der "Markenartikel Hertha BSC", von dem Manager Dieter Hoeneß zuweilen doziert, viel an Würze verloren.

Dass Flügelstürmer Giuseppe - genannt "Billy" - Reina, der im Februar von der Dortmunder Auswechselbank an die Spree wechselte, innerhalb von drei Spielen zum Publikumsliebling avancierte, ist nicht nur ein Armutszeugnis für die Hinrunden-Elf, sondern verdeutlicht das Berliner Image-Dilemma. Reina ist alles andere als ein Überspieler: Er kann besser sprinten als flanken, hat mehr Temperament als Übersicht. Doch die Hertha-Fans würdigen jede Aktion des 31-Jährigen mit langgezogenen "Billlyyy"-Rufen - auch wenn er sich in einem aussichtslosen Dribbling gegen fünf Gegenspieler verheddert.

Reina, der nach dem Hauptschulabschluss bei seinem Onkel in der Pizzeria jobbte und bis zu seinem 13. Lebensjahr nur auf der Straße Fußball spielte, verkörpert den einfachen Charme eines Arbeiterclubs, von dem sich Hertha vor Jahren losgesagt hat. Seitdem haben sich Spielertypen wie Reina rar gemacht: Allein Andreas - genannt "Zecke" - Neuendorf steht noch für Identifikation und Maloche. Spieler wie der Brasilianer Marcelinho hingegen, die verpflichtet wurden, um dem Club ein exotisches Flair einzuhauchen, werden von den Anhängern eher toleriert statt bewundert. Seine Landsmänner Alex Alves und Luizao haben Berlin bereits frustriert wieder verlassen.

Wowereit for president

Neuzugang Giuseppe Reina: Armutszeugnis für die Hinrunden-Elf
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Neuzugang Giuseppe Reina: Armutszeugnis für die Hinrunden-Elf

"Meine liebe Hertha BSC", schrieb Franz Josef Wagner im Dezember 2003 in "Bild", "angenommen, ich wäre ein Arzt und würde mein Stethoskop auf dein Herz setzen und horchen - dein Herzschlag ist kaum noch vernehmbar." Der Briefeschreiber schlug Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit als Hertha-Präsident vor. Statt Wowereit verpflichtete Manager Hoeneß Hans Meyer als neuen Trainer für den glücklosen Huub Stevens. Der Trainer mit dem Gespür für medienwirksame Auftritte hatte seine Trainerlaufbahn eigentlich im Sommer bereits beendet und sich als Kommentator dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) angeschlossen. Nun versucht er Hertha vor dem Abstieg zu retten und verleiht dem Club zumindest bis Sommer ein wenig Farbe.

Meyer ist ein Meister des Understatements. Nach einem Bundesligaspiel doziert er fast eine Viertelstunde, während die meisten seiner Kollegen den lästigen Fragen mit abgedroschenen Fußballfloskeln entgegnen. Meyer liebt das Spiel mit der Öffentlichkeit. Er hat einen Sprachrhythmus wie ein Dichter. Manchmal spricht er von sich in der dritten Person, auf jede Frage hat er eine Gegenfrage parat. Dank seines schauspielerischen Talents und dem Glauben an die eigene intellektuelle Überlegenheit haben Meyer-Interviews inzwischen Kultstatus erlangt - wenigstens ein bisschen Kult für einen farblosen Verein. Doch Meyers Vertrag läuft nur bis zum 30. Juni. Dann ist er 250.000 Euro (im Abstiegsfall) beziehungsweise 500.000 Euro (bei Klassenerhalt) reicher, kehrt zum DSF zurück und lässt einen profillosen Verein zurück.

Das verflixte siebte Jahr

Im siebten Jahr nach der Rückkehr in die Bundesliga leidet die Hertha an Wachstumsstörungen. Nach dem Aufstieg 1997 hatte sich der "schlafende Riese" stetig weiterentwickelt. Doch nach fünf Europacup-Teilnahmen in Folge scheint sich der Verein von seinen hochgesteckten Zielen zu verabschieden. "In drei bis fünf Jahren hat Hertha den FC Bayern eingeholt", hatte Präsident Berd Schiphorst im Dezember 2000 großspurig angekündigt. Davon sind die Berliner meilenweit entfernt - nicht nur aus sportlicher Sicht.



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