Herzog-Interview "Österreich schießt sich gern selbst ins Knie"

Deutschland muss in die EM-Qualifikation, Österreich ist 2008 wie die Schweiz als Gastgeber automatisch dabei. Mit "11 Freunde" spricht Andreas Herzog, Assistent des Nationaltrainers Josef Hickersberger, über euphorische Österreicher, Naturburschen und Lothar Matthäus.


Frage: Herr Herzog, als Jürgen Klinsmann 2004 seinen Job als deutscher Bundestrainer antrat, verkündete er forsch, Weltmeister werden zu wollen. Will Österreich bei der EM im eigenen Land auch den Titel holen?

Herzog: Schön wär's. Nein, wir wollen die Gruppenphase überstehen. Schließlich spielst du bei einer EM gleich gegen große Nationen. Wenn du Pech hast, bekommst du Teams vom Kaliber Italien zugelost. Dann kommt es darauf an, dass du einen guten Start erwischst.

Frage: Um sich dann von der Euphorie tragen zu lassen?

Herzog: In Österreich läuft das so. Wenn wir verlieren, sagen die meisten: Wir haben es eh gewusst. Wenn wir aber gewinnen, steht das ganze Land hinter dir. Das ist das Schöne: Du kannst irrsinnig schnell eine Begeisterung entfachen. Der Österreicher will sich begeistern lassen.

Frage: Die Entwicklung der Nationalelf in den letzten Jahren wirkt wie ein hilfloses Herumwerkeln. Woran leidet die Nationalelf?

Herzog: Die Mischung hat schon seit Jahren nicht mehr gestimmt. Es hört sich vielleicht ein bisschen brutal an, aber es verhält sich so: Seit zehn Jahren hat Wien keinen guten Fußballer mehr herausgebracht. Die Wiener waren immer die großen Techniker, der Prohaska, auch meine Wenigkeit, wir waren keine Kampfmaschinen, wir haben die Kombinationen, das Scheiberlspiel, gepflegt.

Frage: Warum waren die Wiener Spieler so kreativ?

Herzog: Wir waren Städter und auf dem Platz eher gemütlich. Die Salzburger, die Steirer waren dagegen eher Naturburschen. Die haben auch ganz gut Fußball spielen können, aber waren noch viel härter. Wenn wir zusammen gespielt haben, hat die Mischung gepasst.

Frage: Und nun fehlt die Wiener Inspiration?

Herzog: Seit den achtziger Jahren ist nicht nur in Wien in der Nachwuchsarbeit herumgeschludert worden. Wir haben uns lange damit herausgeredet, dass wir weniger Einwohner haben als England oder Deutschland. Aber das Argument zieht nicht mehr, schaut euch die Holländer an, die haben noch weniger Einwohner.

Frage: Manche österreichsche Clubs scheinen sich der historischen Mission EM 2008 noch nicht bewusst zu sein. Bisweilen steht etwa in der Startaufstellung von Red Bull Salzburg kein einziger Österreicher.

Ex-Nationalspieler Herzog (Mitte): "Keine Probleme mit Matthäus"
AP

Ex-Nationalspieler Herzog (Mitte): "Keine Probleme mit Matthäus"

Herzog: Für die Bundesliga ist das Salzburger Experiment, wenn es langfristig angelegt ist, vielleicht ganz interessant, für die Nationalmannschaft weniger. Weil bei Salzburg tatsächlich nur Legionäre spielen.

Frage: Die alte Klage also: Legionäre behindern Talente?

Herzog: Nein, nicht nur. Es ist doch so: Wenn gute Ausländer in der Bundesliga spielen, nützt uns das, weil die jungen Spieler sich verbessern können. Aber oft wird wahllos eingekauft, und die einheimischen Talente bekommen keine Chance. Das ist eine Katastrophe. Denn wir haben in Österreich nur etwa zehn richtig gute Talente von 18 bis 22 Jahren.

Frage: Haben Sie ein Beispiel?

Herzog: Nimm nur Marc Janko von Salzburg. Der hat in der letzten Saison für Mödling 13 Tore gemacht, ist dann gewechselt und sitzt jetzt die ganze Zeit auf der Bank. Man schießt sich in Österreich gern selbst ins Knie.

Frage: Wie klappt es mit Salzburg? Ihre Beziehung zu Co-Trainer Lothar Matthäus gilt als gestört.

Herzog: Ich habe keine Probleme mit dem Lothar, er vielleicht mit mir. Ich habe unter ihm ja noch bei Rapid Wien gespielt, und seither denkt er, ich hätte absichtlich schlecht gespielt, damit er als Trainer rausfliegt. So ein Unfug. Hätte ich Probleme mit ihm gehabt, hätte ich ihm das ins Gesicht gesagt.

Frage: Zurück zu den Talenten: Setzt sich Qualität nicht am Ende doch durch?

Herzog: Da kommen wir gleich zur nächsten Katastrophe. Die jungen österreichischen Spieler sind teilweise teurer als die Legionäre. Es kann doch nicht sein, dass sich ein 18-Jähriger, der gerade dreimal unfallfrei aufs Tor geschossen hat, gleich für Samuel Eto'o hält. Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht.

Frage: Welchen Wert haben österreichische Talente auf dem internationalen Markt?

Herzog: Wenn ein Land bei keiner WM und EM dabei ist, sinkt der Marktwert. Wir haben ein paar richtige Talente in Österreich. Hätten die einen tschechischen Pass, wären sie längst ein paar Millionen Euro wert.

Frage: Sie arbeiten als Josef Hickersbergers Assistent, waren für zwei Spiele selbst aushilfsweise der Nationaltrainer. Ein Job, der Sie reizt?

Herzog: Natürlich ist mein Fernziel, einmal als Nationaltrainer zu arbeiten. Jetzt käme der Job für mich zu früh. Ich bin noch viel zu nahe an der Mannschaft dran. Ich bin froh, dass ich als Assistent arbeiten und nebenher ohne große Hatz den Trainerkurs machen kann.

Frage: Mit den meisten aktuellen Nationalspielern haben Sie noch zusammengespielt, wie schwierig war der Wechsel?

Herzog: Eine Frage der Gewöhnung. Ich kann jetzt nicht den unnahbaren Trainer mimen, das würde nicht funktionieren.

Frage: Sie hatten in Ihrer Karriere viele Trainer. Wer hat Sie besonders geprägt?

Herzog: Otto Rehhagel. Die große Bremer Mannschaft um Dieter Eilts und Wynton Rufer hat er geformt. Von seiner Art, mit Spielern umzugehen, sie zu motivieren, kann man sich viel abschauen. Und ich bewundere Arsene Wenger vom FC Arsenal. Ich saß neulich neben ihm im Fernsehstudio. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so reflektiert über Fußball redet. Dagegen wirkt alles, was du selbst sagst, auch wenn es klug ist, wie der reine Blödsinn.

Die Fragen stellten Philipp Köster und Tim Jürgens



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