Heynckes' Rücktritt Der gescheiterte Ehrenmann

Er hatte sich viel vorgenommen, wollte allen zeigen, dass er nicht zum alten Eisen gehört. Heute hat Jupp Heynckes, 61, als Gladbacher Trainer aufgegeben - weil seine Art als Ehrenmann nicht mehr in die Bundesliga passt.

Von Christoph Biermann


Selbst die Ermutigungen des einzigen Bundesligatrainers, der noch älter ist als Jupp Heynckes, 61, vermochten ihn nicht mehr umzustimmen. Nach dem grauen 0:0 gestern Abend gegen den 1. FC Nürnberg hatte Hans Meyer, 64, seinen Gladbacher Kollegen noch in den Arm genommen, ihm kleine Scherze ins Ohr geflüstert und aufmunternd auf die Schulter geklopft. Doch schon da machte es den Eindruck, als hätte Heynckes längst beschlossen, dass für ihn bei der Borussia Schluss sein soll. Erstaunlich befreit hatte er gewirkt, und auf die Frage eines Reporters der Boulevardzeitung "Express", ob er am Samstag in Bielefeld noch auf der Bank des Tabellen-16. sitzen würde, geantwortet: "Wenn Sie weiter so eine Schmutzkampagne fahren, werde ich mir das noch überlegen."

Er hat es sich überlegt, und in seiner persönlichen Geschichtsschreibung wird Jupp Heynckes die Rückkehr zu seiner Borussia als eine Episode vermerken, die nicht zuletzt an der Niedertracht der Medien gescheitert ist. Schon seit Wochen hatte er mit einigen Reportern nicht mehr gesprochen, von denen er sich respektlos behandelt fühlte. Das kann man verstehen, denn Heynckes ist ein Trainer, der trotz seiner vielen Erfolge – mit Real Madrid gewann er 1998 die Champions League, die Bayern führte er 1989 und 1990 zur Deutschen Meisterschaft - normalerweise mit jedermann respektvoll umgeht. Und zwar nicht nur mit dem Vereinsvorstand, sondern auch mit dem Platzwart. So ist es auch keine Floskel, wenn ihn Gladbachs Vorsitzender Rolf Königs als "absoluten Ehrenmann" verabschiedet. In der im eigenen Art habe ihm Heynckes, so Königs, die Schlüssel des Dienstautos mit den Worten auf den Tisch gelegt: `Der Wagen ist gewaschen und vollgetankt!" Ehrenvoll verzichtete der Coach auf seine Bezüge aus einem noch 16 Monate laufenden Vertrag.

Die Heimkehr des verdienten Spielers und Trainers zu seinem alten Club ist aber nicht nur die Geschichte eines Ehrenmannes, der an der Niedertracht der Welt scheiterte. Wie schon bei Schalke 04 wird niemand Heynckes fachliche Fehler vorweisen können. Die Mannschaft war fit und taktisch zumeist richtig gut eingestellt, doch auf der anderen Seite wirkten weder die Gladbacher noch die Schalker unter seiner Führung mitreißend.

Heynckes hat lange in Spanien gearbeitet, wo die "Mister" genannten Trainer per se Respektspersonen sind. Ihr Wort ist Gesetz, so lange sie die Spieler fachlich überzeugen. In der Bundesliga jedoch ist das anders, die Profis sind kritischer, manchmal mäkeliger und müssen begeistert werden. Das ist ihm zweimal nicht gelungen. Heynckes ist aber nicht zu alt für den Trainerjob, wie man glauben könnte, vermutlich ist Deutschland nur nicht das richtige Land für einen Coach wie ihn. So frisch Heynckes mitunter wirkt, könnte er daher in Südeuropa durchaus noch einmal als Trainer auftauchen.

Dass Heynckes gerade nach dem Besuch einer von Hans Meyer trainierten Mannschaft zurücktrat, hatte etwas zutiefst Symbolisches. Fast vier Jahre ist es her, seit Meyer die Borussia verließ und immer noch hinterlässt er bei den Anhängern des Clubs eine Art Phantomschmerz. Ob Ewald Lienen, Holger Fach, Dick Advocaat, Horst Köppel oder Jupp Heynckes - keiner seiner nun schon fünf Nachfolger konnte den zwischen wirtschaftlicher Prosperität und sportlicher Malaise gespaltenen Club in der Bundesliga wirklich stabilisieren.

Viel zu viele Neuanfänge hat es in den vergangenen Jahren gegeben, immer neue Konzepte mit vielen Richtungswechseln, die viel zu viele Transfers nach sich gezogen haben. Ein ungeduldiges Präsidium hat dazu beigetragen, dass auch das Publikum schnell die Nerven verliert. Jetzt wird vermutlich Jos Luhukay, der im Winter als Co-Trainer und zweifellos auch als möglicher Retter nach Gladbach kam, die Aufgabe übernehmen, im unerwarteten Abstiegskampf doch erfolgreich zu sein. Er wird sich dabei jedoch nicht nur als Fachmann beweisen müssen, sondern auch als ein Trainer, der die leidenschaftliche Seite in der Gladbacher Mannschaft findet. So es sie denn gibt.



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Seite 1
effem25, 31.01.2007
1.
Da der Trainer ja seiner Pflichten entbunden worden ist, geht es jetzt nach dem Motto: neues Spiel, neues Glück. Gladbach spielt zwar gegen den Abstieg, wird es dann aber gerade noch schaffen.
edv3000 31.01.2007
2.
---Zitat von effem25--- Da der Trainer ja seiner Pflichten entbunden worden ist ---Zitatende--- wer sagt das?
Gast100100, 31.01.2007
3.
Gladbachs Problem ist die fehlende sportliche Kompetenz in der Führungsebene. Die Transferpolitik der letzten Jahre ist die reinste Geldvernichtung. Warum wird eigentlich ein Peter Pander der das zu verantworten hat nicht näher beleuchtet. Der einzige Trainer der unter seiner Regie etwas länger arbeiten durfte hieß Wolfgang Wolf. Dann begann in WOB das Chaos was nun in MG herrscht. Bevor Pander ins Fußballgeschäft kam war er im Wolfsburger Eishockey tätig. Der damalige Zweitligist ging um 1995 in Konkurs.
edv3000 31.01.2007
4.
---Zitat von Gast100100--- Warum wird eigentlich ein Peter Pander der das zu verantworten hat nicht näher beleuchtet ---Zitatende--- das wird schwerlichst geschehen. fakt dürfte aber sein, dass ein überdurchschnittlich guter trainer mit einer durchschnittlichen mannschaft zurecht kommen muss. hoffentlich hält er noch drei bis vier spiele durch... mit sechs bis acht punkten sieht die welt dann wieder anders aus...
juergene_mg 31.01.2007
5. Borussia MG: Amateure in der Chefetage
Als langjähriger Anhänger kann man nur noch schreien; seit Monaten; Jupp Heynckes ist bestimmt ein netter Kerl, er war ein super Stürmer, er war sogar ein toller Trainer und auch ein Erfolgreicher, doch seit Jahren steht fest, daß er nicht mehr in die Bundesliga passt. Spätestens nach dem Auswärtsspiel in Frankfurt in der Hinrunde und den anschließenden Kommentaren des Jupp in den Medien war sonnenklar welch große Fehlentscheidung die Vereinsführung getroffen hatte. Die Experimente des Trainers waren/sind so katastrophal, daß Spieler wie z.B. der sonst weit überdurchschnittliche (Bundesliganiveau) Torwart, anfangen gravierende Fehler zu machen. Es kommt nicht darauf an, blindlings Spieler einzukaufen, die ein scheinbar günstiges Preis/Leistungsverhältnis haben. Gesucht sind Typen, die in ihren Rollen spielen können und einen Charakter haben, der diesem Mannschaftssport mindestens 34 Spiele pro Saison gerecht wird. Jede(r) Mannschaft/Verein gerät mal in eine Krise; was hier im Borussenpark seit einiger Zeit geschieht, war und ist vermeidbar. Unglaublich - schlimmer geht's nimmer
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