Hildebrand-Wechsel zum FC Schalke Letzte Chance für den Querulanten

Timo Hildebrand ist zurück in der Bundesliga: Nach Monaten ohne Job unterschreibt der ehemalige Nationaltorhüter einen Vertrag beim FC Schalke 04. Nun kämpft der als schwierig verrufene Profi um einen Stammplatz - und hofft auf eine dringend nötige Image-Politur.

dapd

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Es gab eine Zeit, da umgab Timo Hildebrand die Aura des Unüberwindbaren. Zwischen 2002 und 2004 wehrte der damalige Torhüter des VfB Stuttgart die Bälle in beeindruckender Regelmäßigkeit ab. Der heute 32-Jährige blieb 884 Minuten ohne Gegentor und brach damit sogar einen Bundesliga-Rekord. Er galt im Nationalteam als Nachfolger von Oliver Kahn, hatte eine blendende Zukunft vor sich.

Das alles liegt eine gefühlte Ewigkeit zurück. Zuletzt war Hildebrand vier Monate arbeitslos, sein bisher letztes Pflichtspiel absolvierte er vor einem Jahr. Er galt als Profi auf dem Abstellgleis.

Nun ist diese Phase, die Hildebrand "als schwierig für den eigenen Kopf" bezeichnete, vorbei. Der ehemalige Nationalspieler wird neuer Torwart bei Schalke 04, kehrt zurück auf die Bühne der Bundesliga. "Vorbehaltlich der medizinischen Untersuchung und kleineren Vertragsdetails, werden wir Timo Hildebrand bis zum 30.06.2012 unter Vertrag nehmen", sagte Horst Heldt einen Tag nach dem Euroleague-Erfolg gegen Lankarna am Flughafen, kurz vor der Rückreise aus Zypern.

Die Schalker standen bei der Personalie selbst unter Druck. Nach Ralf Fährmanns Kreuzbandriss war die Torhüterposition in Gelsenkirchen unterbesetzt, den Ersatztorhütern Lars Unerstall und Matthias Schober wird vereinsintern nicht die Qualität und Konstanz zugesprochen, um sowohl in der Bundesliga als auch im Europapokal bestehen zu können.

"Ein sehr guter Torhüter"

"Timo hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er ein sehr guter Torhüter ist. Wir haben volles Vertrauen zu ihm", sagte Horst Heldt. Der setzte bereits in Stuttgart auf den siebenfachen Nationalspieler, wurde gemeinsam mit ihm 2007 Deutscher Meister. "Seitdem telefonieren wir regelmäßig miteinander", sagte Heldt.

Er gibt Hildebrand nun die Chance, die der Profi selbst kaum noch für möglich gehalten hätte. Denn zuletzt ging es mit seiner Karriere steil bergab. Da war zunächst der Auslandsaufenthalt beim FC Valencia. Zum spanischen Erstligisten war er nach monatelangen Vertragsverhandlungen mit dem VfB Stuttgart gewechselt. Bei dem Top-Club konnte Hildebrand sich nie wirklich durchsetzen und wurde 2008 ausgebootet. "Ich habe die Bundesliga sehr vermisst", sagte er, nachdem ihn die TSG Hoffenheim aus dem spanischen Exil zurück nach Deutschland geholt hatte.

Hildebrand wurde bei den Kraichgauern Stammtorwart, faustete und parierte sich wieder zurück in den Kreis der Bundesliga-Keeper. Doch dann eckte er erneut an. Immer wieder gab es Streitereien mit dem Trainer und Kollegen. Der Keeper kritisierte viel, meckerte über die Leistungen von Mitspielern. "Im Nachhinein hätte ich die Situation wahrscheinlich etwas gelassener sehen müssen", sagte Hildebrand später. Für die Sinsheimer war er da schon untragbar geworden, sie verlängerten seinen 2010 auslaufenden Vertrag nicht.

Das Image des Torwarts war ramponiert, er galt nach den Hoffenheimer Eskapaden als unvermittelbar und wurde vereinslos. Einen Ausweg sah er in einem erneuten Engagement im Ausland. Doch anders als in Spanien, wo er zumindest noch ab und zu im Tor stehen durfte, wurde seine Zeit bei Sporting Lissabon zur reinen Bildungsreise. Gegen die Nummer zwei der portugiesischen Nationalmannschaft, Rui Patricio, konnte er sich nie durchsetzen und beschloss bereits im Winter: "Ich werde meinen Vertrag hier nicht verlängern. Ich möchte zurück in die Bundesliga."

Im Europapokal nicht einsetzbar

Der Hamburger SV, Hertha BSC Berlin und Bayer Leverkusen dachten über eine Verpflichtung des inzwischen auch aus der Nationalmannschaft verbannten Hildebrands nach. "Aber irgendwie hat alles nicht so gepasst", sagte der Keeper. Sein Ruf, ein Querulant mit dem Wunsch nach marktunüblichen Verträgen zu sein, schreckte viele Interessenten offenbar weiterhin ab. Sogar sein einstiger Förderer, der ehemalige Schalke-Coach Ralf Rangnick, legte sein Veto gegen die Verpflichtung Hildebrands ein und entschloss sich lieber, Fährmann zurück nach Gelsenkirchen zu holen.

Während dieser versuchte auf Schalke die großen Fußstapfen von Manuel Neuer auszufüllen, trainierte Hildebrand bei Clubs wie Manchester City zur Probe. Aber auch da gab es keinen Vertrag, zuletzt hielt er sich bei Zweitligist Eintracht Frankfurt fit. "Wir wissen, dass er in einer guten körperlichen Verfassung ist. Timo ist sehr erfolgsorientiert, sehr teamfähig und in einem sehr guten Torwart-Alter", so Heldt. Am Donnerstagabend fädelte er den Deal endgültig ein.

Hildebrand ist bereits am Freitagmorgen nach Gelsenkirchen gereist, absolvierte dort am Vormittag den medizinischen Test. "Wir müssen jetzt die bürokratischen Fragen klären. Lissabon muss Timo auf die Transferliste setzen, damit er für Schalke einsetzbar wird", sagt Hildebrands Berater Jörg Neblung SPIEGEL ONLINE. Damit kommt ein Einsatz am Sonntag gegen Bayer Leverkusen nicht in Frage, da die Unterlagen bis dahin noch nicht bei den Verbänden eingetroffen sein werden. Auch im Europapokal wird der neue Keeper noch nicht spielen dürfen. Da die offizielle Meldefrist für die internationalen Partien dieses Jahres bereits abgelaufen ist, wird entweder Unerstall oder Schober bei den ausstehenden drei Schalker Europacup-Begegnungen 2011 das Tor hüten.

Für Hildebrand ist die Verpflichtung auf Schalke "sensationell, eine Riesenchance", doch er weiß auch, dass es eine seiner letzten Chancen sein könnte. Er muss vor allem seinen Ruf aufpolieren, um in der Bundesliga wieder Anschluss zu finden. Bei Schalke kündigte man zwar an, dass Fährmann nach seiner Verletzung wieder die Nummer eins werde, aber auch Hildebrand ist sich darüber im Klaren, dass solche Aussagen nach ein paar guten Paraden von ihm kaum noch etwas zählen werden.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Koltschak 21.10.2011
1. Ein hervorragender Fang
Wohl noch immer einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste. Er wird sich bei Schalke durchsetzen. Ansonsten muss er zu Wolfsburg und Magath. Der Glückliche wird auch mit Hildebrand fertig. Schade, dass er seine Karriere verbockt hat. Schlechte Berater oder schlechter Charakter? Was ich eher nicht glaube, das Zweite. Gut für Schalke und gut für Hildebrand.
derlabbecker 21.10.2011
2. dachte der ist vereinslos....
.... erklärt mit mal bitte einer warum sein alter Verein den auf die Transferliste setzen muss? Wenn er keinen Vertrag hat kann er doch machen und hingehen wo er will...
mfuks 21.10.2011
3. ...
Ich hoffe sehr, dass er die Chance wahrnimmt und in diese zuletzt so homogene und junge Truppe keine Unruhe reinbringt.
KiezKauz 21.10.2011
4. Querulant ...
oder "Timo ist sehr erfolgsorientiert, sehr teamfähig" ... bin sehr gespannt ob schlakke mit der Verpflichtung oder der Artikel mit seiner Überschrift recht behält. Wäre für die 5Jahreswertung gut, wenn Schalke da noch was reißt. Viel Glück !
tomymind, 21.10.2011
5. mal langsam
Zitat von KoltschakWohl noch immer einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste. Er wird sich bei Schalke durchsetzen. Ansonsten muss er zu Wolfsburg und Magath. Der Glückliche wird auch mit Hildebrand fertig. Schade, dass er seine Karriere verbockt hat. Schlechte Berater oder schlechter Charakter? Was ich eher nicht glaube, das Zweite. Gut für Schalke und gut für Hildebrand.
"Schlechte Berater"? Wie alt ist Hildebrand? Konnte selbst entscheiden, aber Arroganz ist kein guter Ratgeber. Und so toll war er auch nicht, hat einige Haltbare versemmelt, wurde des öfteren von der Abwehr gerettet.
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