Aufarbeitung der Hillsborough-Tragödie Hoffen auf die späte Gerechtigkeit

Es war eine der größten Katastrophen im Fußball: 1989 starben 96 Liverpool-Fans auf einer überfüllten Tribüne in Sheffield. Nun könnten die Verantwortlichen von damals vor Gericht kommen. Ein Untersuchungsbericht wirft Polizei und Rettungskräften schweres Versagen vor.

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Es waren erschütternde Szenen, live übertragen im Fernsehen. Beim englischen Pokal-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest am 15. April 1989 wurden Kinder, Frauen und Männer auf einer überfüllten Tribüne im Hillsborough-Stadion von Sheffield zu Tode gedrückt. Insgesamt 96 Liverpool-Fans starben an jenem Tag, es war die größte Tragödie im englischen Fußball.

23 Jahre später sollen die Verantwortlichen nun zur Rechenschaft gezogen werden. In einem 395-seitigen Bericht kam die unabhängige Hillsborough-Untersuchungskommission diese Woche zu dem Schluss, dass Polizei und Rettungskräfte schwere Fehler gemacht und hinterher ihr Versagen systematisch vertuscht hätten.

Der schockierende Bericht ruft die Justiz auf den Plan. Der englische Generalstaatsanwalt Dominic Grieve will in den kommenden Wochen über eine mögliche Neuaufnahme strafrechtlicher Ermittlungen entscheiden. In London wird erwartet, dass er den Fall neu aufrollt. Es führe kein Weg daran vorbei, sagte der frühere Justizminister Lord Falconer, der die Opferfamilien juristisch berät.

Bisher galten betrunkene Hooligans als Auslöser der Katastrophe

Als offizielle Todesursache hatte der Gerichtsmediziner damals "Unfall" festgestellt. Die Angehörigen der Opfer wollen nun erreichen, dass dies in "fahrlässige Tötung" umgewandelt wird und Polizisten zur Rechenschaft gezogen werden. Auch sollen Beamte für die Fälschung von Zeugenaussagen belangt werden.

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Hillsborough-Tragödie: Kerzen, Trauer, Wut
Die Scham im englischen Establishment ist groß. Viele hatten bislang die offizielle Version der Ereignisse geglaubt, die die South Yorkshire Police in den Tagen nach der Tragödie verbreitet hatte. Demzufolge waren betrunkene Hooligans ohne Eintrittskarten auf die Stehplatz-Tribüne gedrängt und hatten sich gegenseitig zu Tode gequetscht. Damals waren die Tribünen noch mit hohen Metallgittern umzäunt, so dass es kein Entrinnen gab.

In Wirklichkeit, das zeigt die Auswertung von 450.000 Seiten Beweismaterial, hat die Polizei die Zuschauer in die Todesfalle gelotst und sie auch dann nicht herausgelassen, als die Gefahr klar wurde. Der Bericht hält explizit fest, dass die Fans die Tragödie weder verursacht noch dazu beigetragen hätten.

Vernichtende Kritik wird an dem Einsatz der Rettungskräfte geübt. 41 der 96 Opfer hätten gerettet werden können, steht in dem Bericht. Weder Polizei noch Rettungsdienste riefen die höchste Alarmstufe aus, stattdessen wurde die Lage durch Kommunikationspannen und Fehlentscheidungen verschlimmert.

116 von 164 Polizei-Aussagen wurden nachträglich geschönt

Damit nicht genug: In den Tagen danach begann die Polizei eine konzertierte Verleumdungskampagne. Die betrunkenen, aggressiven Liverpooler Fans seien selbst schuld gewesen, steckten die Beamten der Presse - und schufen so einen Mythos, der zwei Jahrzehnte lang halten sollte. Alle Proteste von Augenzeugen halfen nichts: Das Bild des Liverpooler Hooligans dominierte fortan die Medien.

Die vielen Pannen beim Rettungseinsatz hingegen wurden von der Polizei vertuscht. 116 von 164 Aussagen von Beamten wurden nachträglich geschönt, jegliche Kritik entfernt. Auch die Augenzeugenberichte von Rettungskräften wurden sorgfältig gesäubert.

Die systematische Geschichtsklitterung blieb ohne Folgen, bis der "Guardian" 2009 über die gefälschten Zeugenaussagen der Polizisten berichtete. Die damalige Labour-Regierung setzte die Untersuchungskommission ein, deren Bericht nun die ganze Wahrheit zutage förderte.

Seit Mittwoch werden die Opferfamilien mit Entschuldigungen überhäuft. Im Unterhaus entschuldigte sich Premierminister David Cameron im Namen des ganzen Landes für die "doppelte Ungerechtigkeit" - die Tragödie selbst und die kollektive Vertuschung hinterher. Selbst Londons Bürgermeister Boris Johnson entschuldigte sich für einen fankritischen Leitartikel im Magazin "Spectator", dessen Chefredakteur er damals war.

Die Entschuldigungen dürften jedoch nicht das letzte Wort sein, mahnte die konservative "Times". Der Generalstaatsanwalt und der High Court müssten ebenfalls tätig werden. Auch Vizepremier Nick Clegg sprach sich für strafrechtliche Ermittlungen aus.

Ins Visier gerät nun Norman Bettison, 56, der einzige hochrangige Polizeibeamte von damals, der noch im Dienst ist. Er ist inzwischen Polizeichef von West Yorkshire. Politiker und Angehörige der Opfer fordern seinen Rücktritt. Doch Bettison bleibt bei seiner Version, nie Zeugenaussagen gefälscht oder dies angeordnet zu haben. In einem Statement teilte er mit: "Ich habe nichts zu verbergen."



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iradei 14.09.2012
1. optional
Fields of Anfield Road Outside the Shankly Gates I heard a Kopite calling Shankly they have taken you away But you left a great eleven Before you went to heaven Now it's glory round the Fields of Anfield Road R.I.P.
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