Hitzfeld "Ich hab mich nicht gedrückt"

Bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer tritt der DFB auf der Stelle. Bislang hat sich kein ernsthafter Kandidat bereit erklärt, das schwierige Amt zu übernehmen. Bayern-Manager Uli Hoeneß macht Ottmar Hitzfeld wegen seiner Absage Vorwürfe.


Hitzfeld und Hoeneß: "Ich bin ein bisschen enttäuscht"
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Hitzfeld und Hoeneß: "Ich bin ein bisschen enttäuscht"

Berlin - "Ich bin ein bisschen enttäuscht von Ottmar, weil wir zwar einerseits unser Ego haben, aber andererseits auch eine gewisse Verpflichtung unserem Land gegenüber", sagte Hoeneß. Vor allem, weil die bevorstehende Weltmeisterschaft ein "enormes Signal für unser Land" sein könne. Er sei "völlig schockiert" von Hitzfelds Absage gewesen. "Wir haben am Abend und in der Nacht alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn umzustimmen." Hitzfeld steht bei den Bayern noch auf der Gehaltsliste.

Hitzfeld wiederum wehrt sich gegen den Vorwurf, ihm sei die Aufgabe beim Deutschen Fußball-Bund zu schwierig. "Wenn man jetzt schreibt, ich hätte mich gedrückt, ist das Quatsch, denn ich habe immer schwierige Aufgaben übernommen", sagte der 55-jährige Fußball-Lehrer im DSF. "Ich habe mehr Druck gespürt als Freude - und das ist keine gute Voraussetzung", nannte Hitzfeld nochmals den Hauptgrund für seine Absage. Über einen angeblichen Vorvertrag mit Manchester United sagte der ehemalige Bayern-Coach: "Natürlich habe ich schon viele Angebote gehabt, auch von Manchester. Aber ich habe zurzeit überhaupt keinen Kontakt zu Manchester United."

Er habe vor der Entscheidung einige schlaflose Nächte gehabt, berichtete Hitzfeld. "Es war sicherlich schwer für mich - auch weil mich Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und auch Michael Meier nochmal angerufen haben. Aber die Entscheidung ist gefallen, ich habe mich dazu entschieden und dazu muss man auch stehen", sagte der Erfolgstrainer. Das Herz habe dafür gesprochen, die Nachfolge von Rudi Völler zu übernehmen. "Aber die Vernunft hat gesagt, es geht nicht. Der Bundestrainer-Job ist ein Traumjob - aber dieser Traum ist jetzt geplatzt."

Hoeneß wiederum erklärte die die Bundestrainer-Suche zur nationalen Aufgabe und nahm DFB-Boss Gerhard Mayer-Vorfelder in Schutz. "Die Trainerfindung ist von Mayer-Vorfelder korrekt vonstatten gegangen. Er hatte sich auf einen Kandidaten konzentriert. Das haben wir auch immer so gemacht. Ich muss ehrlich sagen, nach unserem Erkenntnisstand hat sich MV total korrekt verhalten", sagte Hoeneß.

Hoeneß schließt Rehhagel nicht aus

"Vielleicht hat er mal mit Daum gesprochen. Aber nachdem er mit Ottmar gesprochen hat, hat er gesagt: Ottmar, du bist mein Mann, wir wollen dich alle haben", sagte der Bayern-Manager. "Mayer-Vorfelder hat Ottmar Hitzfeld sämtliche goldenen Brücken gebaut, die man bauen kann."

Hoeneß appellierte an die Entscheidungsträger im deutschen Fußball, zusammen zu arbeiten. "Jetzt sind wir alle aufgerufen, gemeinsam darüber nachzudenken, was eine gute Lösung ist. Ich muss ehrlich sagen, ich habe keine Patentlösung", sagte der Bayern-Manager. "Ich habe große Sorge um den deutschen Fußball." Angesichts der EM-Begeisterung sei es eine wichtige Erkenntnis, "dass wir die Nationalmannschaft nicht stiefmütterlich behandeln dürfen".

Man müsse in aller Ruhe "ein paar Tage nachdenken, sich Mitte, Ende nächster Woche treffen und noch mal in Ruhe diskutieren", forderte Hoeneß. "Es geht darum, für Deutschland, für das wichtigste Fußball-Ereignis seit 30 Jahren die richtige Entscheidung zu treffen", sagte er. "Das ist wie beim Boxen, der nächste Schlag muss sitzen." Man habe zur Not bis Ende August Zeit. Sogar den bei Bayern gescheiterten Otto Rehhagel schloss er nicht aus: "Nach dem, was der in Griechenland geleistet hat, sollte man auch das diskutieren."

"Elefantenrunde" in Lissabon

Offiziell sollte erst am Montag wieder über Kandidaten für die Völler-Nachfolge geredet werden, doch bei einer "Elefantenrunde" berieten sich die obersten DFB-Funktionäre schon am Freitag in Lissabon. In einem Hotel in der portugiesischen Hauptstadt diskutierten Mayer-Vorfelder sowie die Präsidiumsmitglieder Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger mehrere Stunden über eine möglichst schnelle Lösung für das Amt des Bundestrainers und das Führungschaos im Verband.



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