Hitzfelds Amtsantritt Comeback mit Klickkonzert

Es war der erste Tag beim neuen und alten Arbeitgeber - da musste sich Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld wieder an manches gewöhnen: Eigenartige Geräusche gehören ebenso dazu wie ein Manager, der deutlich machte, dass für ihn nur Erfolge zählen.

Von Klaus Raab, München


Manche Berufe sind mit einem bestimmten Geräusch verbunden. Der Zahnarzt mit dem Bohrgeräusch, zum Beispiel. Oder der Schneider mit dem Rattern einer Nähmaschine. Der Beruf des Cheftrainers beim FC Bayern München ist mit dem Klicken von Kameraauslösern verbunden, und als Ottmar Hitzfeld am Mittag von Manager Uli Hoeneß der Öffentlichkeit offiziell als Nachfolger von Felix Magath vorgestellt wurde, gab es einen Moment, in dem das besonders deutlich wurde.

Kontrolliert bis in die Haarspitzen stand Hitzfeld, Spitzname "Der General", hinter dem Rednertisch im Presseraum und dozierte über seine Rückkehr. Nach einer Weile hob er die Hand, um Gesagtes zu unterstreichen - und in diesem Moment drückten alle Fotografen, die sich in dem kleinen Raum drängelten, gleichzeitig den Auslöser. Für einen Augenblick war das Klicken lauter als Hitzfelds Stimme, so dass er kurz stockte – und dann plötzlich gelöst lachte. "Schönes Konzert", sagte er grinsend. In diesem Augenblick war Ottmar Hitzfeld nicht nur offiziell, sondern auch gefühlt wieder Trainer des FC Bayern – mit allem, was dazu gehört. Laut Hitzfeld gehören dazu: Ehre, mit jungen Spielern flachsen, Analyse, hohe Ansprüche – und große öffentliche Aufmerksamkeit.

Außerdem natürlich: das Mannschaftstraining. Am Nachmittag leitete er es erstmals, hielt sich dabei stets in der Gegend des Mittelkreises auf und ließ zwei Mannschaften gegeneinander spielen, deren Zusammensetzung möglicherweise Rückschlüsse auf die Aufstellung für das Bundesligaspiel in Nürnberg zulässt: Podolski, Ottl, Karimi, Santa Cruz und Scholl standen in der einen Mannschaft; die Stammspieler und Owen Hargreaves in der anderen. Viel mehr an sportlichen Details zeichnete sich allerdings nicht ab.

72 Monate leitete Hitzfeld schon einmal ununterbrochen in München das Training, von Juli 1998 bis Ende Juni 2004, so lang hielt es - am Stück - sonst kein Trainer bei den Bayern aus. Er hat dort in dieser Zeit mit seinen Spielern einen Sack voller Trophäen, darunter die prestigeträchtigste gewonnen – den silbernen Blumenkübel, den der Champions-League-Sieger erhält. Aber am Ende, sagte Manager Uli Hoeneß, der neben ihm stand, sei Ottmar Hitzfeld "ausgebrannt und müde" gewesen. Hitzfeld trug einen maßanfertigungsgenau sitzenden schwarzen Anzug in der Pressekonferenz; der unterste Knopf des Jacketts war – wie jeder Stilratgeber es vorschreibt – geöffnet; dazu eine blaue Krawatte. Er sah gebügelt, perfekt und nur um den Mund herum leicht gegerbt aus wie immer - also wie immer, selbst in seinen ausgebrannten Momenten. Aber Hoeneß sagte, anders als 2004 sei er nun wieder "wie das blühende Leben". Hitzfeld fügte knapp hinzu: "Die Pause hat mir sicherlich gut getan." Mit besonderer Betonung auf dem Wort "Pause".

Denn sowohl Hoeneß als auch Hitzfeld bemühten sich sehr, nicht einen neuen Trainer zu präsentieren – sondern den mit neuer Frische ausgestatteten alten. Magath folgte Hitzfeld, Hitzfeld folgt nun Magath. Und sagte: "Ich habe das Gefühl, dass ich nie weg war." Ist das ein gutes Zeichen?

Später, nach dem Mannschaftstraining am Nachmittag, ergänzte er seine Aussage: "Ich habe das Gefühl, dass ich nach Hause zurückgekommen bin." Uli Hoeneß sagte, er freue sich, "unseren Ottmar Hitzfeld hier vorstellen zu dürfen. Wir sind ja auch eine Familie, und wir haben von vornherein gesagt: Wenn wir diesen Schritt machen, brauchen wir einen Trainer, der die Verhältnisse hier kennt." Ottmar Hitzfeld sei der einzige gewesen, den man am Vortag während der Krisensitzung des Vorstands angerufen habe. "Er ist für uns berechenbar, wir sind für ihn berechenbar. Da besteht großes Vertrauen."

So gesehen war Hitzfeld aus Sicht der Bayern-Bosse wohl immer eine Art Stand-by-Trainer. Wohl dem, der einen solchen Namen in der Hinterhand weiß - oder zumindest wähnt. Nach Udo Lattek, Franz Beckenbauer und Giovanni Trapattoni übernimmt Hitzfeld als vierter Trainer in der Bundesligageschichte der Münchner diese Position zum zweiten Mal. Und wie Beckenbauer in der Rückrunde 1996, so soll auch Hitzfeld als Retter agieren. Beckenbauer hatte damals, kurz vor dem Uefa-Cup-Finale gegen Bordeaux, Otto Rehhagel, der mit der Vereinführung im Clinch lag, abgelöst.

Hitzfelds Vertrag läuft zunächst bis zum Saisonende – wobei Uli Hoeneß nicht ausschloss, dass er danach verlängert würde. Allerdings muss man davon ausgehen, dass die weitere Besetzung der begehrten Stelle davon abhängt, was der FC Bayern in dieser Saison noch erreichen kann. "Die Meisterschaft ist aus meiner Sicht noch machbar", sagte Hoeneß – auch wenn Schalke und Bremen sehr konstant spielten.

Gerade weil Schalke und Bremen echte Konkurrenz sind, könnte Hitzfeld schaffen, was ihm schon zweimal gelang: nicht einfach nur Meister zu werden. Sondern den Titel am letzten Spieltag zu erobern, wie 2000, als Leverkusen als Erster noch in Unterhaching verlor. Oder noch besser: in den letzten zwei Minuten, wie 2001, als Bayern noch gegen Hamburg traf und Schalke 04 zum "Meister der Herzen" machte. Über einen Mangel an Druck jedenfalls wird sich Hitzfeld nicht beschweren können. "Es ist ein Traum, aus so einer Konstellation mit acht Punkten Rückstand das noch zu schaffen", gab Hoeneß die Richtung für.

Für Ottmar Hitzfeld hieße das: am Ende auch das andere Geräusch zu hören, das den Beruf des Cheftrainers beim FC Bayern München zumeist ausmacht – den gewohnten Jubel bei der Meisterfeier.



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