Hitzlsperger über Homosexualität und Profifußball Wider den Zwang zur Lebenslüge

Thomas Hitzlsperger hat seine Sexualität öffentlich gemacht, der mutige Schritt könnte das Fußball-Geschäft verändern. In einer Videobotschaft hat der 31-Jährige sein Coming-out jetzt erläutert. Was verrät seine Stellungnahme über den Umgang der Fußballprofis miteinander?

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Homosexuelle Leistungssportler wünschen sich eigentlich nichts mehr als Normalität, und doch wurde das Privatleben von Thomas Hitzlsperger in den vergangenen Stunden in Szene gesetzt. Auch vom Management des Sportlers, das immer wieder auf die Freischaltung der Domain thomas-hitzlsperger.de um Mitternacht hinwies. Aber was könnte auch mehr interessieren als eine Stellungnahme des Mannes, der vom DFB-Präsidenten und vom Regierungssprecher gleichermaßen für seinen Mut gelobt wurde?

Wer bis zur Geisterstunde ausharrte, vergaß dann allerdings binnen Sekunden den leichten Groll. Schließlich präsentiert sich Hitzlsperger sowohl in der dort geposteten Stellungnahme als auch in dem etwa fünfminütigen Videointerview so sachlich und überzeugend, dass das Coming-out schnell wieder als das erscheint, was es eigentlich ist: Ein Schritt, der 50 Jahre auf sich warten lassen musste, weil Politiker und Schauspieler dann offenbar doch in fortschrittlicheren Kreisen verkehren als Trainer und Spieler.

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Karriere von Thomas Hitzlsperger: Am glücklichsten in Stuttgart
Mehr als 5500 Bundesliga-Kicker haben seit 1963 in der Branche ihr Brot verdient, es dauerte bis zum 8. Januar 2014, dass sich der erste zu seiner Homosexualität bekannte.

Dabei, das macht Hitzlsperger im Video deutlich, hat der Zeitpunkt seines Outings offenbar weniger mit dem Klima in den Stadien zu tun als mit seiner persönlichen Geschichte. Auf die eingeblendete Frage "Warum haben Sie sich als aktiver Spieler nicht zu ihrer Homosexualität bekannt?" antwortet er: "Natürlich hätte ich das tun können, aber bei mir hat die Bewusstwerdung eben länger gedauert."

Erst als er sich von seiner langjährigen Freundin getrennt habe, habe ihm "gedämmert, dass ich Gefühle für Männer habe und auch mit einem Mann zusammenleben will". Junge Spieler, die sich früher als er selbst "im Klaren sind über ihre Neigungen", hätten nun die Chance, sich zu öffnen, "weil sie sehen, dass man homosexuell sein kann und ein erfolgreicher Profi". Hitzlsperger fände es offenbar gut, wenn sich zeitnah weitere Spieler erklärten und dem Ganzen den Ruch des Sensationellen nähmen, der schlichtweg lächerlich ist.

In der Kabine Witze über "schwule Bälle"

Er selbst behauptet allerdings, er kenne keinen einzigen schwulen Spieler persönlich. Überhaupt schildert er die Welt des Fußballs als reine Leistungsgemeinschaft, in der nie ernsthaft über Privates gesprochen wird. Wenn das stimmt, ist wohl nicht nur Homosexualität ein Tabuthema, sondern auch jeder Stress mit den Kindern.

Allerdings, so Hitzlsperger, habe es in der Kabine durchaus Witzeleien über Schwule gegeben. So seien zu schwach gespielte Pässe als "schwule Bälle" bezeichnet worden. So wie man offenbar problemlos Antisemit sein kann, ohne jemals einem Juden begegnet zu sein, dürfte das Gros der Dumpfbacken, die finden, dass die "Schwuchtel" mal ordentlich schießen sollte, Schwule nur aus Sitcoms kennen.

Bis Mittwochvormittag hätte wohl das Gros von ihnen einige Dutzend andere Namen vor dem Hitzlspergers genannt, wenn mal wieder darüber spekuliert worden wäre, welcher Spieler denn nun schwul sei. Aber "Hitz, the hammer", der Mann mit dem Torpedo-Schuss? Der doch nicht.

"Distanzlose Fragerei nach meiner Sexualität"

Am Ende des Filmes wird dann auch noch einmal deutlich, warum Hitzlsperger sein Coming-out so terminiert hat, dass eine maximale mediale Aufmerksamkeit gewährleistet ist. Da wären zum einen die Olympischen Spiele in Sotschi, in Wladimirs Putins homophobem Russland.

Da wäre die Tatsache, dass offenbar immer wieder einzelne Journalisten mit "distanzloser Fragerei nach meiner Sexualität und nach der anderer Fußballer" genervt haben. Die zwinge "Schwächere zur Lebenslüge". Und da wäre ein Schlusswort, das zur Kampfansage an die Neandertaler innerhalb und außerhalb der Stadien gerät: "Es ist für meine Familie und mein Umfeld unwichtig, dass ich über Homosexualität spreche, es ist nur wichtig für die Leute, die homophob sind, andere ausgrenzen aufgrund ihrer Sexualität. Und die sollen wissen: Sie haben jetzt einen Gegner mehr."

insgesamt 595 Beiträge
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heinzjürgenneu 09.01.2014
1. Lebenslüge
Oh Gott! Haben wir keine anderen Themen?
washington.mayfair 09.01.2014
2.
Zitat von sysopREUTERSThomas Hitzlsperger hat seine Sexualität öffentlich gemacht, der mutige Schritt könnte das Fußball-Geschäft verändern. In einer Videobotschaft hat der 31-Jährige sein Coming-out jetzt erläutert. Was verrät seine Stellungnahme über den Umgang der Fußball-Profis miteinander? http://www.spiegel.de/sport/fussball/hitzlsperger-und-sein-coming-out-homosexualitaet-im-fussball-a-942544.html
Das Coming-out ist OK aber auch keine so große Sache mehr, der Rest ist einfach Geschäft.
DJ Doena 09.01.2014
3.
Weiß jemand von euch, ob ich gay oder straight bin? Interessiert euch das überhaupt? Siehste. Ab wann interessiert mich die Sexualität meines Gegenübers? Ab dem Moment, wo ich sexuelles Interesse an dieser Person habe. Und keinen µ vorher.
denkdochmal 09.01.2014
4. Ich frage mich...
Zitat von sysopREUTERSThomas Hitzlsperger hat seine Sexualität öffentlich gemacht, der mutige Schritt könnte das Fußball-Geschäft verändern. In einer Videobotschaft hat der 31-Jährige sein Coming-out jetzt erläutert. Was verrät seine Stellungnahme über den Umgang der Fußball-Profis miteinander? http://www.spiegel.de/sport/fussball/hitzlsperger-und-sein-coming-out-homosexualitaet-im-fussball-a-942544.html
wer oder was "die Allgemeinheit" berechtigt, sich in rechtskonforme sexuelle Orientierung einzumischen. Die Freiheit der sexuellen Orientierung ist ein wesentlicher Bestandteil der Freiheit, die einem demokratischen Rechtsstaat abverlangt werden muß. Die rechtlichen Voraussetzungen darf man in D als weitestgehend erfüllt ansehen, "lediglich" einige selbsternannte "Juroren/innen" haben das noch nicht begriffen. Das zu ändern, dazu kann/muß eine freiheitliche Presse ihren Beitrag leisten.
kilroy-was-here 09.01.2014
5. Ist schon interessant
verfolgt man die Medien, wollen jetzt viele schwul sein... "Schwul ist schick". Ohne Homophobie möchte ich meinen (dürfen): es ist wie mit der Religion. Ist Privatsache und gehört nicht in die Öffentlichkeit. Jeder soll glauben (dürfen) woran er will, und meinetwegen schwul sein...
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