Höhenkick in Bolivien Kampf um Kopfschmerzen, Übelkeit und Atemnot

Die Höhenluft im Stadion Hernando Siles in La Paz lehrte schon vielen Stars das Fürchten. Atmen fällt schwer, jeder Schritt tut weh. Nun hat die Fifa internationale Spiele in der Arena verboten. Bolivien will dies nicht akzeptieren - und geht in die Offensive.
Von Knut Henkel

La Paz - "Ein Hoch auf den Sport in der Höhe", prangt in dicken Lettern in den Kurven des Estadio Hernando Siles. Die in den Landesfarben Boliviens gestrichene Arena bietet rund 50.000 Zuschauern Platz, liegt auf einer Höhe von 3637 Metern im Stadtteil Miraflores von La Paz und ist ein Stück nationales Kulturgut. Die Selección, das bolivianische Nationalteam, hat hier regelmäßig ihre Spiele bestritten. Doch damit ist es vorbei.

Die Fifa setzt seit dem 14. März dieses Jahres für Spiele in Höhenlagen über 3000 Meter eine Akklimatisierungszeit von zwei Wochen zwingend voraus. In einem international ausgerichteten Terminkalender ein Ausschlusskriterium für das Stadion in La Paz. Die bolivianischen Fans sind wütend, doch der Zorn richtet sich nicht nur gegen den Dachverband des Weltfußballs. "Pelé und seine Landsleute sollen aufhören zu stänkern und die Bedingungen in La Paz genauso akzeptieren wie wir die im schwül-heißen Belo Horizonte", schimpft ein schlaksiger Mann und parkt sein Taxi gegenüber von der imposanten Betonschüssel.

Die brasilianische Nationalmannschaft ist nicht sonderlich beliebt in Bolivien. In der Betonschüssel haben sich bereits Pelé, Ronaldo und Roberto Carlos nach Luft ringend über den Rasen gequält: "Es war schrecklich, ich konnte nicht atmen. Ich rannte und bewegte mich kaum", sagte Ronaldo nach dem 3:1-Sieg im Juni 1997. Der Erfolg bedeutete für die Seleção zwar den Gewinn der Südamerikameisterschaft, doch den Umständen konnten Brasiliens Kicker kaum etwas abgewinnen. Irregulär sind die Bedingungen in La Paz aus brasilianischer Sicht schon seit 1993. Damals, am 25. Juli, verloren die stolzen Brasilianer ihr erstes Spiel in einer WM-Qualifikation - 0:2. Der Sieg über die Fußballgroßmacht ebnete den Weg zur ersten und bisher einzigen erfolgreichen WM-Qualifikation in Boliviens Geschichte.

Bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA musste das Team zwar schon in der Vorrunde die Segel streichen, doch seitdem haben die Brasilianer immer wieder versucht, die ungeliebten Spiele in großer Höhe wegen vermeintlicher gesundheitlicher Folgen zu meiden. 1995 erfolgte die erste Initiative Brasiliens. Der Verband witterte Wettbewerbsverzerrung, weil man in der dünnen Höhenluft einen Vorteil für die bolivianische Equipe sah.

Maradona unterstützt den bolivianischen Verband

Mit einer internationalen Kampagne und dem Argument, dass jedes Land das Recht habe, die Spielorte souverän anzusetzen, konterte Bolivien den Versuch, die Höhenkicks auf den Fifa-Index zu setzen. Zwölf Jahre später waren es wieder brasilianische Offizielle, die Protest gegen eine Partie in der lateinamerikanischen Champions League, der Copa Libertadores, zwischen dem brasilianischen Spitzenclub Flamengo und dem bolivianischen Verein Real Potosí, einlegten.

Die Spieler von Flamengo klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit und Atemnot und hatten sich nach dem Spiel die bereitstehenden Sauerstoffmasken übergestülpt. Umgehend erhielten Flamengos Funktionäre Unterstützung von Brasiliens Idol Pelé, der sich vehement gegen Profi-Fußball in großer Höhe aussprach. Ihm gegenüber, an der Seite des bolivianischen Präsidenten Evo Morales, stand ein anderes Idol – Diego Armando Maradona. Der folgte der Einladung von Morales und nahm am 16. März an einem Prominentenkick im Estadio Hernando Siles teil, um gegen das harte Fifa-Urteil zu protestieren. "Wir haben gezeigt, dass man in diesem Stadion rennen kann", sagte der 47-Jährige, der in der Partie drei Tore geschossen hatte.

Das bestreiten auch Sportärzte wie Robert C. Roach nicht. Der Spezialist für Höhenmedizin von der Universität Colorado schreibt, dass hohe Temperaturen die Athleten vor wesentlich größere Probleme als die Höhe stellen. Neben diesem Argument beruft sich Boliviens oberster Fußballfan Morales auf die nationale Souveränität. "Das Fifa-Urteil richtet sich nicht nur gegen Bolivien sondern gegen die Universalität des Sports", kritisierte der Staatschef beim Kick im Hernando Siles.

Bolivien kündigt Klage vor der Uno an

Vergangenes Wochenende hat Morales den Gang zu den Vereinten Nationen angekündigt. "Bolivien bereitet eine Klage wegen Diskriminierung und Ausgrenzung bei den Vereinten Nationen vor", sagte er und kritisierte vor allem Fifa-Präsident Joseph Blatter scharf: "Dies ist eine Aggression, Provokation und Einschüchterung seitens des Fifa-Präsidenten gegen unser Land und Südamerika. Ich fühle, dass es eine Diktatur im Fußball-Weltverband gibt." Die Entscheidung der Fifa sei eine "Aggression gegen alle Familien und menschlichen Wesen, die in der Höhe leben", sagte Morales.

Der Präsident hatte schon auf 6000 Metern Höhe gegen den Ball getreten, um Blatter zu überzeugen, dass selbst Sport in dieser Höhe kein Risiko für die Kicker darstelle. Bisher ohne Erfolg, weshalb der bolivianische Fußballverband eine Klage gegen die Fifa vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne nachschob. Die Klage könnte auch für die lateinamerikanische Champions League richtungweisend sein. Gleich fünf Spitzenclubs aus Brasilien haben nämlich angekündigt, nicht mehr in Stadien jenseits von 2750 Meter anzutreten. Für das Estadio Hernando Siles verheißt das nichts Gutes.

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