FC Bayern verabschiedet Hoeneß Die Uli-Show

"Das war's noch nicht": Auch bei seinem vorerst letzten öffentlichen Auftritt als Leitfigur des FC Bayern dominiert Uli Hoeneß die Szene. Bei der Jahreshauptversammlung kündigt er sein Comeback an - und schimpft sich seine Wut von der Seele.

Von Sebastian Winter, München


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Es ist ein freundlicher, aber keineswegs euphorischer Empfang in der Münchner Basketball-Halle. "Du bist der beste Mann", rufen manche der 1593 Besucher Uli Hoeneß zu, doch die Sprechchöre versiegen schnell. Ein langjähriger Bayern-Fan sagt auf der Tribüne: "Ich finde es scheiße, dass er da ist." Dass also Hoeneß, seit Mitte März verurteilter Steuerbetrüger und Ex-Präsident, an diesem Freitagabend an der außerordentlichen Mitgliederversammlung des FC Bayern München teilnimmt.

Doch am Ende, nachdem Hoeneß die Bühne betreten hat, ist der Abend wieder so wie schon bei der Jahreshauptversammlung des Clubs im November: eine One-Man-Show.

Eigentlich sollte die außerordentliche Mitgliederversammlung der Bayern die Stunde von Karl Hopfner sein, dem neu gewählten Präsidenten. 99,6 Prozent der Stimmen bekommt Hopfner, der Finanzfachmann und langjährige FC-Bayern-Funktionär, ein Traumergebnis. Doch der 61-Jährige, der souverän wirkt, aber nicht unbedingt ein Freund großer Bühnen und Worte ist, lässt schnell erkennen, wem er das Spielfeld überlässt: "Mir persönlich wäre es lieber gewesen, er würde hier stehen. Uli Hoeneß war und ist Visionär, Kopf, oft auch Herz und immer Seele des FC Bayern München."

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Hoeneß auf der Mitgliederversammlung: Abschied auf Zeit
"Plötzlich war ich ein Arschloch, ein Schwein"

Hoeneß wirkt gerührt, als er sich von seinem Platz in der ersten Reihe erhebt, um den Mitgliedern zu danken. Er scheint dann zu überlegen, ob er noch eine Rede halten soll. Doch dann geht Hoeneß entschlossen ans Pult. Und er nutzt seinen vielleicht letzten öffentlichen Auftritt vor dem Gang ins Gefängnis für eine Generalabrechnung mit seinen Kritikern.

Er geißelt die Häme, die in den vergangenen vierzehn Monaten auf ihn und seine Familie niedergeprasselt sei, rügt die Medien: "Plötzlich war ich ein Arschloch, ein Schwein, ein Mann, der den Leuten Geld aus der Tasche zieht." Außerdem habe er in den letzten Monaten etwas Neues an sich entdeckt: "Hass. Und Hass ist kein guter Ratgeber und Wegbegleiter", sagt Hoeneß.

Er spricht jetzt sehr laut, schreit fast ins Mikrofon. Und am Ende kündigt er an, zurückzukommen nach der Verbüßung seiner Haftstrafe, in welcher Funktion auch immer: "Wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war's noch nicht." Minutenlang applaudieren nun die Mitglieder.

"Zwischen den FC Bayern und Guardiola passt kein Blatt Papier"

Drei Tage nach dem bitteren Champions-League-Aus gegen Real Madrid verteidigt Hoeneß nicht nur sich selbst, sondern auch die Mannschaft: "Der Rückschlag am Dienstag ist menschlich und normal, wir haben trotzdem wieder eine sehr, sehr gute Saison gespielt", sagt der 62-Jährige - und bekommt Unterstützung von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge: "Mannschaft und Trainer müssen Kübel an Häme ertragen, die auf ihnen ausgeschüttet werden. Ich finde dieses Motzen zum Kotzen. Zwischen den FC Bayern und Pep Guardiola passt kein Blatt Papier."

Der FC Bayern hat mittlerweile 235.000 Mitglieder, bald hält er in dieser Hinsicht einen Weltrekord. 2014 wird der Club wieder seinen Umsatz und Gewinn steigern, wie Rummenigge ankündigt. Außerdem verlängert Manuel Neuer seinen Vertrag bis 2019. Das sind gute Nachrichten, doch sie gehen fast unter in der Hoeneß-Show.

Nach Hoeneß kommt Hopfner - und das Mikro funktioniert nicht

Zudem ist der Verein in einer kleinen sportlichen Krise, das Pokalfinale gegen Dortmund entscheidet darüber, ob diese Saison noch als erfolgreich zu werten ist. Hoeneß hat nun ein letztes Mal versucht, eine emotionale Wegmarke zu setzen.

Es ist bezeichnend, dass Hopfner nach der Hoeneß-Rede mit einer technischen Panne kämpft, das Mikrofon funktioniert nicht. Und man wird den Eindruck nicht los, dass der neue mächtige Mann, der dieses Amt nie übernehmen wollte, nur eine Interimslösung ist - womöglich für Hoeneß: Denn der Club änderte die Satzung und verkürzte die Amtszeit des neuen Präsidiums auf zweieinhalb Jahre - aus organisatorischen Gründen, wie Hopfner beteuert.

Zur nächsten Wahl im Herbst 2016 wäre Hoeneß - bei guter Führung - womöglich wieder ein freier Mann. "Ich bin bis 2016 gewählt. Was danach passiert, weiß ich nicht. Ich werde aber sicher nicht gegen Uli Hoeneß antreten", sagte Hopfner. Für eine Rückkehr stehen Hoeneß alle Türen offen, das haben die Verantwortlichen immer betont.

Hoeneß schreibt noch schnell ein paar Autogramme, bevor er abtritt. "Ich gehe mit ruhigem Gewissen", hatte Hoeneß zuvor in seiner Rede betont. Und doch ist es nur ein Abschied auf Zeit. Er wird zurückkommen. Auch, weil ein solch würdeloses Ende für Uli Hoeneß nicht akzeptabel ist.

insgesamt 302 Beiträge
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Seite 1
Diskutierender 03.05.2014
1. Opfer der Steuerhölle
Zitat von sysopDPA"Das war's noch nicht": Auch bei seinem vorerst letzten öffentlichen Auftritt als Leitfigur des FC Bayern dominiert Uli Hoeneß die Szene. Bei der Jahreshauptversammlung kündigt er sein Comeback an - und schimpft sich seine Wut von der Seele. http://www.spiegel.de/sport/fussball/hoeness-fc-bayern-boss-koennte-zurueckkehren-a-967337.html
Traurig, wie Uli Hoeness zum wohl prominentesten Justizopfer der Deutschen Nachkriegsgeschichte wurde. Dieser Satz von Uli Hoeness wird sich mir einprägen: "Plötzlich war ich ein Arschloch, ein Schwein, ein Mann, der den Leuten Geld aus der Tasche zieht." Den Bürgern das Geld aus der Tasche ziehen wohl eher die Politiker, die den Bürger immer mehr ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, um mit diesem Geld Bankster, Lobbyisten und Verteilungsorgien zu bezahlen, während für Infrastruktur, Bildung und Wissenschaft kein Geld da ist. Nicht Uli Hoeness ist ein Schwein, sondern die Dreistigkeit Deutscher Politiker stinkt zum Himmel. Entsprechend sehe ich inzwischen Steuerhinterziehung in Deutschland als Notwehr an. Übrigens habe ich mich vor vier Jahren ganz legal der Steuerhölle Deutschland entzogen und zahle heute ca. 30% Steuern und Abgaben, während es vorher in Deutschland nahezu 50% waren. Aber das Land, in dem ich jetzt lebe, hat auch diesen EU- und Euro-Irrsinn nicht mitgemacht.
ruewe 03.05.2014
2.
Uli Hoeness gefällt mir: einfach geradeaus. Kannst hoffentlich bald wiederkommen. Und heute (Sonnabend, den 3. Mai 2014) machen deine Jungs erst einmal diesen nervigen HSV mindestens einen Kopf kürzer. Herzliche Grüsse aus Hamburg-St. Georg
cutter73 03.05.2014
3. optional
Die vor kurzer Zeit angeblich noch vorhandene Reue des Herrn H. scheint ja schnell verpufft zu sein. Aber sehr bemerkenswert, dass ein jemand vor Antritt einer Haftstrafe noch eine Abschiedsshow bekommt und in manchen Köpfen wohl schon die Vorbereitungen für die Wiedersehensfeier geplant werden.
george2013 03.05.2014
4.
Tja, Ihr spießigen "Rechtsstaatler", jetzt wisst Ihr Bescheid: Einen Messias wie unseren Uli verurteilt man nicht. Und die bayerische Justiz wird nach der eindrucksvollen "Mia san mia"-Demonstration gestern beim FC Bayern mit Sicherheit eine Lex-Hoeneß schaffen: Eine Woche lang muss der Herr zum Mittagessen nach Landsberg in den Knast. Danach wird das Urteil aufgehoben und umgewandelt in "groben Unfug". Weil Hoeneß so blöd war, sich erwischen zu lassen. Am Ende stehen dann 40 Stunden Sozialarbeit - als Chauffeur für den Bayern-Platzwart.
pr8kerl 03.05.2014
5. Höhen und Tiefen - ist doch eigentlich normal
Das Urteil gegen Hoeneß scheint korrekt und fair zu sein. Die Steuerschuld wird Hoeneß hoffentlich begleichen. Leider spielt der FC Bayern seit der vorzeitigen Meisterschaft nicht mehr so souverän. Aber bis dahin waren es in Pflichtspielen 35 Siege und nur eine Niederlage. Ist da Häme berechtigt? Vor einem Jahr wurde Barcelona in zwei Spielen mit 7:0 platt gemacht, jetzt traf es den FC Bayern gegen Real Madrid mit fünf Gegentoren. Die Luft ist halt raus, ist das so schlimm? Klar haben sie ihre Chance in Madrid nicht genutzt, klar waren sie ohne Martinez viel zu offensiv im Rückspiel, natürlich bringt nur Ballbesitz garnichts. Aber ich finde wir Bayern-Fans hatten eine geile Zeit für ein Jahr, wir sollten dankbar sein.
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