Hoeneß vs. Favre Kellerduell der Gestrauchelten

Das Spiel der Krisenclubs Wolfsburg und Gladbach wird auch zum Treffen von VfL-Manager Dieter Hoeneß mit Borussen-Coach Lucien Favre. Bei Hertha war das Duo erst erfolgreich und dann zerstritten - die Folgen des Zerwürfnisses bekommen beide bis heute zu spüren.

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Hamburg - Lucien Favre hat dem deutschen Fußball das Wort "polyvalent" geschenkt. Übersetzen könnte man das Fremdwort, das Favre als Trainer von Hertha BSC verwendet hat, wohl am ehesten mit der Bedeutung "mehrwertig". Das Spiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach am Freitagabend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist so gesehen eine überaus polyvalente Partie.

Nicht nur, dass zwei Abstiegskandidaten im direkten Duell aufeinandertreffen. Der Spieltag führt auch den gerade erst in die Bundesliga zurückgekehrten Gladbacher Trainer Favre und den Wolfsburger Manager Dieter Hoeneß zusammen, die einst bei Hertha BSC in Berlin gemeinsam den Erfolg fanden und sich genau darüber zerstritten.

Es ist erst zwei Jahre her, da war Hertha auf Champions-League-Kurs, drei Spieltage vor Ende der Saison 2008/2009 war sogar noch die Meisterschaft möglich. Hoeneß war der Manager, Favre der Trainer des Clubs - aber ihr Verhältnis war ausgerechnet in der Phase, als es für den Verein am besten lief, schwer belastet. Von einem tobenden Machtkampf war damals in den Berliner Medien die Rede. Der Schweizer Coach verbat sich Einmischungen des Managers in die sportlichen Belange, Hoeneß und Favre reklamierten den sensationellen Erfolg des Vereins jeweils für sich. Am Ende musste der vermeintlich allmächtige Hoeneß, der 13 Jahre lang im Verein das Sagen hatte, gehen. Favre galt als der neue starke Mann bei der Hertha.

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Sieben Spieltage später in der Nachfolgesaison war auch Favres Zeit in Berlin vorbei. Hertha war beispiellos auf den letzten Platz der Tabelle abgestürzt, der Trainer musste gehen. Friedhelm Funkel übernahm die Berliner, am Ende der Spielzeit stand der Abstieg in die Zweite Liga.

Hoeneß: "Wir haben uns längst ausgesprochen"

Und so treffen sich am Freitagabend nun zwei Gescheiterte zum Krisengipfel im Tabellenkeller. Hoeneß sagt, man habe sich längst ausgesprochen, das Thema sei erledigt. Auch Favre möchte über die Verwerfungen zwischen ihm und seinem damaligen Manager nur noch ungern sprechen. Der 53-jährige Schweizer sei "taktisch einer der besten Trainer, den er kennengelernt" habe, hat Hoeneß seinem früheren Coach noch nachgerufen. Der hatte schon kurz nach seiner eigenen Trennung vom Verein in einer bemerkenswerten Pressekonferenz im Hotel Adlon festgestellt, die eigentliche Ursache für den Niedergang Herthas sei der Abgang von Hoeneß gewesen. Die Journalisten, die damals dabei waren, trauten ihren Ohren nicht.

Das Verhältnis der beiden war immer widersprüchlich. Auf der einen Seite feierte Hoeneß die Verpflichtung des Schweizers als einen seiner größten Transfercoups, auf der anderen Seite nutzte der Manager intern gegenüber Berliner Fußball-Journalisten gerne die Gelegenheit, über seinen Trainer zu lästern, den er außerhalb des Platzes für eher weltfremd hielt.

"Wir haben einen Trainer verpflichtet, der jeden Stein im Verein umdrehen wird", hatte Hoeneß bei der Vorstellung Favres 2007 in Berlin verkündet. Dass der Schweizer dies anschließend tatsächlich tat, war der Anfang vom Ende der Ära Hoeneß. Favre war als Fußballlehrer in Berlin ein Besessener. Einer, der Tag und Nacht sein DVD-Studium betrieb, ein Perfektionist, der es nicht ertragen konnte, wenn andere ihm in sein Metier hineinzureden versuchten. Da Hoeneß jedoch sein Manageramt immer schon so verstand, auch die sportlichen Belange mitzubestimmen, konnte das nicht gutgehen. Mit dieser Strategie betreibt er auch sein neues Amt in Wolfsburg.

Manager wird für die Wolfsburg-Krise verantwortlich gemacht

Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Hertha galt Hoeneß als unumstritten - bis Favre kam. Seitdem hat der Ruf des 58-Jährigen gerade unter den Fans massiv gelitten. In Wolfsburg gelten nicht die glücklosen Trainer Armin Veh, Lorenz-Günther Köstner und Steve McClaren als Hauptverantwortliche für die Wolfsburger Krise. In der Öffentlichkeit wird vor allem Hoeneß für die Misere haftbar gemacht - auch das sind Spätfolgen seiner Demontage in Berlin.

Entsprechend unterschiedlich sind auch die Vorzeichen vor dem Abstiegsduell in Wolfsburg: Favre haftet bei der Borussia das Etikett des Heilsbringers an - spätestens, seitdem er bei seinem ersten Einsatz als Gladbacher Cheftrainer gleich den ersten Borussen-Heimsieg der Saison einfuhr. Hoeneß gilt derzeit eher als Seuchenvogel, als einer, der ohne klare Linie hektisch Spieler im halben Dutzend einkauft und abgibt.

Favre hat den Ruf desjenigen, der langfristig etwas aufbaut. Genau diese Fähigkeit wird Hoeneß in Wolfsburg nicht zugetraut. Dass die Abstiegsgefahr in Mönchengladbach faktisch immer noch um einiges dramatischer ist als beim Meister von 2009, dass die Borussia selbst im Siegfall Tabellenletzter bleiben könnte - das spielt in der Außenwahrnehmung derzeit kaum eine Rolle. Der Trend spricht gegen Wolfsburg und seinen täglich trauriger dreinblickenden Interimscoach Pierre Littbarski.

Die beiden Kontrahenten aus Berliner Tagen haben sich vor dem Spiel Mühe gegeben, die persönliche Note des sportlichen Aufeinandertreffens herunterzuspielen. Die Partie werde nicht von den Herren Hoeneß und Favre entschieden, sondern von den 22 Akteuren auf dem Platz, hat der VfL-Manager verkündet. Und Favre, befragt, was ihm das Wiedersehen mit Hoeneß bedeute, hat lediglich mitgeteilt: "Das wird sicherlich ein sehr interessantes und spezielles Spiel." Ein äußerst polyvalenter Satz.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
bürgerschreck 25.02.2011
1. Der kleine Hoeneß...
Zitat von sysopDas Spiel der Krisenclubs Wolfsburg und Gladbach wird auch zum Treffen von VfL-Manager Dieter Hoeneß mit Borussen-Coach Lucien Favre. Bei Hertha war das Duo erst erfolgreich und dann zerstritten - die Folgen des Zerwürfnisses bekommen beide bis heute zu spüren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,747668,00.html
...wird es nie schaffen aus dem Schatten seines Bruders zu treten. Erst hat er als Manager die Hertha an die Wand gefahren, jetzt Wolfsburg. Wohin zieht die Seuche als nächstes?
flower power 25.02.2011
2. Der Hoeneß, Dieter
war bestimmt ein unbequemer Gegenspieler und Brechstangenstürmer, aber als Manager? Seine Entscheidungen sind einfach nicht durchdacht und reif. Da fehlt die Abgleichung der Parameter, der signifikante Weg zum Erfolg. Das ist alles backe , backe Kuche. Favre gewinnt das Match mit seinen Tiefebene-Fohlen.
rick_james 25.02.2011
3. ich möchte doch bitten
dass es für mich schon von bedeutung ist, "dass die Borussia selbst im Siegfall Tabellenletzter bleiben würde" - denn diese Aussage ist schlict falsch! FALLS die Borussia gewinnen sollte, hat sie 3 Punkte mehr als Stuttgart und solange diese Geschlagenen nicht am WOchenende gewinnen, sind wir faktisch nicht mehr Letzter. ist ja ganz schöner Artikel, aber dieser kleine Fakt ist für viele Fans sicherlich nicht ganz unwichtig als ob das hier nur ein duell favre vs hoeneß ist, und ein verein eh abgeschlagen letzter ist und bleibt... so nich, jungs ;)
Roßtäuscher 25.02.2011
4. Im Kellerduell der Gescheiterten
Zitat von sysopDas Spiel der Krisenclubs Wolfsburg und Gladbach wird auch zum Treffen von VfL-Manager Dieter Hoeneß mit Borussen-Coach Lucien Favre. Bei Hertha war das Duo erst erfolgreich und dann zerstritten - die Folgen des Zerwürfnisses bekommen beide bis heute zu spüren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,747668,00.html
Man kann Lucien Favre nur die Daumen drücken, dass die Borussia gegen Wolfsburg gewinnt und den VfL-Manager Dieter Hoeneß alt aussehen lässt. Geht es dort bergab, wo dieser Manager auftaucht? Scheinbar.
sirtightalot 25.02.2011
5. könnte - nicht würde
Zitat von rick_jamesdass es für mich schon von bedeutung ist, "dass die Borussia selbst im Siegfall Tabellenletzter bleiben würde" - denn diese Aussage ist schlict falsch! FALLS die Borussia gewinnen sollte, hat sie 3 Punkte mehr als Stuttgart und solange diese Geschlagenen nicht am WOchenende gewinnen, sind wir faktisch nicht mehr Letzter. ist ja ganz schöner Artikel, aber dieser kleine Fakt ist für viele Fans sicherlich nicht ganz unwichtig als ob das hier nur ein duell favre vs hoeneß ist, und ein verein eh abgeschlagen letzter ist und bleibt... so nich, jungs ;)
[QUOTE=rick_james;7247747]dass es für mich schon von bedeutung ist, "dass die Borussia selbst im Siegfall Tabellenletzter bleiben würde" - denn diese Aussage ist schlict falsch! Diese Aussage ist schlicht falsch - im Text steht nämlich "dass die Borussia selbst im Siegfall Tabellenletzter bleiben könnte" und dieser Konjunktiv steht für den Fall, dass auch Stuttgart gewinnt.
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