kicker.tv

Hoffenheim-Manager Müller "Tim Wiese ist nicht unser Sündenbock"

1899 Hoffenheim droht der Abstieg - trotzdem will sich TSG-Manager Müller vor dem Spiel gegen Schlusslicht Greuther Fürth noch nicht mit der zweiten Liga beschäftigen. Im Interview spricht er über die Nachwuchsarbeit, Fehler in der Vergangenheit und die Moral seiner Profis.

In Hoffenheim läuft derzeit kaum etwas wie es soll, sportlich wie zwischenmenschlich. Die TSG steht auf dem 17 Tabellenplatz, fünf Punkte hinter dem Relegationsrang und nur zwei Punkte vor Schlusslicht Greuther Fürth, gegen das es am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ins Kellerduell geht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Müller, wenn Sie das Spiel gegen Fürth verlieren, können Sie für die zweite Liga planen, oder?

Andreas Müller: Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht. Es reicht, wenn im Umfeld eine Resignation herrscht, die ich nicht nachvollziehen kann. Es liegen noch zehn Spiele vor uns.

SPIEGEL ONLINE: Die Verbannung von Tim Wiese aus dem Profikader dürfte die Lage nicht gerade entspannt haben, oder?

Müller: Tim ist nicht der Sündenbock für unsere Situation. Aber die Entscheidung ist so gefallen, weil das nun schon die zweite Geschichte nach Karneval war. Irgendwann ist es zu viel.

Fotostrecke

Andreas Müller: Karriere bei Schalke, Hoffnung in Hoffenheim

Foto: Andreas Rentz/ Bongarts/Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Hoffenheims langjähriger Trainer, Ralf Rangnick, kritisiert, der Verein hat zuletzt nur noch auf teure Stars wie Wiese gebaut, statt weiter auf junge Talente zu setzen. Er sagt, ein Abstieg könnte sogar eine Chance für einen Neuanfang sein.

Müller: Ich habe damals als Manager Ralf als Trainer nach Schalke geholt, Sie können mir also glauben, dass ich eine hohe Meinung von ihm habe. Aber da erlaube ich mir doch den Hinweis, dass auch unter seiner Ägide viele teure Spieler verpflichtet wurden, und nicht jeder von denen ist eingeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Und Rangnicks Argument mit dem Abstieg?

Müller: Nein, ich kann an einem Abstieg nichts Positives erkennen. Weder wirtschaftlich noch sportlich, noch für unser Image.

SPIEGEL ONLINE: Bundesweit würde sich das Mitleid sowieso in Grenzen halten, wenn Hoffenheim absteigt.

Müller: Von unseren Fans bekommen wir viel Unterstützung. Egal, ob Sie hier zum Bäcker oder zur Tankstelle gehen, alle sprechen uns Mut zu. Aber es stimmt schon: Wir ernten gerade viel Hohn und Schadenfreude. Meist allerdings von Leuten, die uns noch nie wohlgesonnen waren.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Müller: Bei uns lief es lange wie am Schnürchen. Es war ein Problem, wie dann mit dem Erfolg umgegangen wurde. Es gilt jetzt eine Mannschaft zu formen, die malocht. Wir brauchen Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren und Bodenhaftung haben. Darauf haben wir beispielsweise bei den Wintertransfers geachtet.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Fehler der Vergangenheit scheinen nachzuwirken. Ihr ehemaliger Torwart Tom Starke hat im Interview mit der "Rhein Neckar Zeitung" erzählt, wer seinen Weggang und den Kauf von Tim Wiese forciert habe: "Es war letztlich die Entscheidung von zwei Personen, nicht vom Trainer." Deutlicher wurde noch nie ausgesprochen, dass im Sommer nicht Markus Babbel, sondern Spielerberater die Fäden in den Händen hielten.

Müller: Keiner kann von sich behaupten, dass er fehlerfrei ist. Ich war im Sommer noch nicht hier und kann nicht sagen, wie der Verein damals strukturiert war. Ich kann aber sagen, dass ich und Trainer Marco Kurz sehr vertrauensvoll mit der Geschäftsführung und den Gesellschaftern um Dietmar Hopp zusammenarbeiten. Ich genieße da volle Rückendeckung für meine Vorschläge.

SPIEGEL ONLINE: Es entscheidet also die sportliche Leitung, welcher Spieler geholt und welcher abgegeben wird?

Müller: Selbstverständlich. Ich glaube auch nicht, dass das mal anders war.

SPIEGEL ONLINE: War Markus Babbel mit der Doppelfunktion als Trainer und Manager überfordert?

Müller: Markus hat sich bemüht, beide Funktionen nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Aber ganz allgemein - unabhängig von Hoffenheim - gesprochen, ist es sicher gut, wenn ein Trainer Trainer ist. Und ein Manager Manager. Wir müssen jetzt alles tun, um die Klasse zu halten, dann können wir hier mit den vorhandenen Strukturen etwas entwickeln, das Bestand hat. Der Verein muss ein Konzept vorgeben, das von den Profis bis zum untersten Ausbildungsjahrgang gelebt wird.

SPIEGEL ONLINE: Klingt gut.

Müller: Es nützt uns jetzt aber erst mal nichts, wenn etwas gut klingt. Wir müssen handeln, statt zu reden, und die Punkte holen. Wir müssen in Fürth gewinnen!

SPIEGEL ONLINE: Hoffenheim betreibt eine Nachwuchsarbeit, die von Fachleuten gelobt wird und sehr viel Geld kostet. Aber bisher hat es noch kein Talent in die erste Mannschaft geschafft. Spielen Sie darauf an?

Müller: Da argumentiert mancher unserer Kritiker zu naiv. Ich habe auf Schalke einige Spieler in die erste Mannschaft geholt, darunter auch aktuelle Nationalspieler. Ich glaube, ich habe also durchaus ein Gefühl dafür, wann der richtige Zeitpunkt ist, die Jungen ins kalte Wasser zu werfen. Da wollte man vielleicht in der Vergangenheit zu früh zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Bisher war noch keiner so weit?

Müller: Es bringt nichts, einen jungen Menschen zu früh ins Team zu holen und dann nach ein, zwei schlechten Spielen wieder zu degradieren. Auf der Geschäftsstelle sagen sie ja auch: Müller, du bist jetzt der vierte Manager, der uns immer wieder sagt, dass wir Geduld brauchen. Aber so ist es nun mal. In den Geburtsjahrgängen 1994 und 1995 sind aber einige, denen ich den Sprung in der erste Liga zutraue.

SPIEGEL ONLINE: Und natürlich in die zweite Liga.

Müller: Wir werden sehen, wie die Mannschaft in Fürth auftritt. Ich bin überzeugt, sie schafft es.

Das Interview führte Christoph Ruf