Hoffenheim-Mäzen Jubelzwang für Hopp

Dietmar Hopp kann sich einen Traum erfüllen, den wohl jeder Fußballfan hat: den eigenen Club erfolgreich zu machen. Dazu darf man ihn beglückwünschen, applaudieren muss man ihm aber nicht. Dennnoch ist es richtig, dass Hopp sich gegen idiotische Transparente wehrt.

Seit ein jugendlicher Dummkopf am vergangenen Sonntag beim Spiel von Borussia Dortmund in Mannheim ein Transparent mit dem Bild von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp im Fadenkreuz hochhielt, hat eine aufgeregte Debatte mit erstaunlichem Ausgang stattgefunden. Nach einer Woche weitgehend einmütiger Kommentare ist der Eindruck entstanden, dass in Deutschland nun Jubelzwang für Hopp besteht. "Kein anderer tut der Liga so gut", befand der "Express". Der "Kölner Stadt-Anzeiger" sagte streng, dass "die Ursache der Attacken auf Hopp sehr, sehr finster ist." Und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hieß es, Hoffenheim sei das "Feindbild der Gestrigen". Wer also zu den Heutigen gehören will, sollte Hopps Club gut finden.

Nun liegt es zweifellos weit außerhalb dessen, was fußballtypische Schmähkultur ist, einen Mann öffentlich ins Visier zu nehmen und in Anlehnung an den Hollywood-Film "Terminator" auch noch mit der Unterschrift "Hasta la vista Hopp" zu versehen. Schließlich ist es ein entscheidender Unterschied, ob man auf diese Weise ein gegnerisches Vereinsabzeichen oder einen Menschen attackiert. Daher ist es auch nachvollziehbar und richtig, dass Hopp diesen Fall angezeigt hat.

Dass der Club oder sein Mäzen deshalb in den Stadien unter ein Beleidigungsverbot gestellt werden sollen, ist hingegen absurd. Schließlich könnten auch Uli Hoeneß und der FC Bayern beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) darüber Klage führen, dass sie sich bei Auswärtsspielen ständig Unflätigkeiten anhören müssen. So spricht es wohl für Hopps gute Verbindungen, dass der DFB am Dienstag mitteilte, er würde künftige Pöbeleien gegen Hopp ahnden.

Außerdem steht inzwischen jeder unter dem Verdacht, der das Projekt Hoffenheim kritisiert und dabei auf dessen bemerkenswerte finanzielle Unterfütterung hinweist. Dabei hat dieses Projekt in den vergangenen 15 Monaten gerade deshalb so viel Tempo aufgenommen, weil 1899 Hoffenheim auf seinem Durchmarsch von der Dritten in die Erste Liga bei den Personalinvestitionen nur von einem Club in Deutschland noch übertroffen worden ist - dem FC Bayern.

Das ist legitim und kein neues Problem, denn die Geschichte des deutschen Fußballs ist eine ungleicher Chancen. Schon der Aufstieg von Ruhrgebietsclubs wie Borussia Dortmund und Rot-Weiß Essen in den fünfziger Jahren von Provinzclubs zu Deutschen Meistern wurde nur möglich, weil die Region damals die wirtschaftsstärkste in Deutschland war. Der FC Bayern konnte seinen Vorstoß in die internationale Spitze Anfang der siebziger Jahre stabilisieren, weil er dazu die Einnahmen aus dem damals hochmodernen Olympiastadion hatte, das mit Steuermitteln gebaut worden war. Der Konkurrent jener Tage, Borussia Mönchengladbach, verlor hingegen in seinem Bökelberg-Stadion den Anschluss.

Dass sich gerade die jugendlichen Fans von Borussia Dortmund zu den Rächern der Schwachen aufspielen, ist besonders absurd. Denn noch vor ein paar Jahren sangen ihre älteren Brüder: "Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf." Das war zu einer Zeit, als sich der BVB dank dramatischer Überschuldung seine Meistertitel sicherte, obwohl er fast insolvent war.

Selbst als Fußball-Patriarch ist Hopp beileibe keine singuläre Figur. Ohne Klaus Steilmann und die Millionen aus seinem längst untergegangenen Textilimperium hätte es den Bundesligisten Wattenscheid 09 nie gegeben. Und Fortuna Köln war ohne Hans "Jean" Löring nicht einmal als Zweitligist überlebensfähig gewesen.

Michael Meier, der als Manager des 1. FC Köln immer für eine steile These gut ist, hatte zuletzt gefordert, der Lokalrivale aus Leverkusen solle aus Gründen der Chancengleichheit auf Teile seiner Fernsehgelder verzichten, er hätte schließlich den Bayer-Konzern im Rücken. Würde man dieser Logik folgen, müssten die Kölner ihrerseits Transferzahlungen an Bielefeld oder Cottbus leisten, weil die öffentliche Hand dort keine schicken WM-Stadien gebaut hat.

Man könnte endlos mit der Aufzählung solcher Ungleichheiten weitermachen, aber nur weil es sie schon lange gibt, werden sie nicht erfreulicher. Sie stören einen Wettbewerb, bei dem man nicht vorher schon ahnt, wie am Ende der Saison die Tabelle wieder aussehen wird. Dietmar Hopp hat dieser Tage in einem Interview mit dem "Kicker" gesagt, dass seine Mannschaft "praktisch unverändert gegenüber der Zweitligasaison spielt". Praktisch unverändert bedeutet, dass er mal eben 3,3 Millionen Euro für den Außenverteidiger Andreas Beck ausgegeben hat. Das liegt weit meilenweit jenseits der Transferrekorde von Clubs wie Bochum oder Bielefeld.

Hopp hat gegen keine Regularien verstoßen, und man darf ihm zugutehalten, dass er sein Geld schlauer hat ausgeben lassen als viele andere. Die Mannschaft von Cheftrainer Ralf Rangnick spielt Fußball, wie man ihn gerne sieht, und in der Region wird er bestens angenommen. Aber all das macht die Anwesenheit Hoffenheims nicht zu einem Projekt im Dienste der Menschheit oder zu einem, das dem Besten des Fußballs dient.

Es sorgt dafür, dass die Menschen im Rhein-Neckar-Gebiet Bundesliga-Fußball schauen dürfen und dafür in der Lausitz oder in Ostwestfalen bald nicht mehr. Und es dient Dietmar Hopp, der sich den Traum erfüllen kann, wie ihn wohl jeder Fußballfan hat: den eigenen Club erfolgreich zu machen. Dazu darf man ihn beglückwünschen, applaudieren muss man ihm aber nicht.

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