Hoffenheim-Pleite in Mainz Notlandung der Überflieger

Rasantes Tempo, forsches Pressing, reihenweise Chancen: Hoffenheim zeigte gegen Mainz eine starke Leistung - und verlor trotzdem. Die von Coach Ralf Rangnick befürchtete Überheblichkeit bescherte seinem Team eine Niederlage, die dem Überflieger die nötige Erdung bringen könnte.

Hoffenheims Ibisevic: Entsetzen nach der Niederlage in Mainz
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Hoffenheims Ibisevic: Entsetzen nach der Niederlage in Mainz

Von Marco Plein, Mainz


Am späten Samstagmittag flog ein rosafarbener Luftballon durch das Mainzer Fußballstadion am Bruchweg. Von seiner eigenen Leichtigkeit getragen schwebte er sorglos ein paar Meter nach rechts, ein paar nach links, ein bisschen nach oben und wieder nach unten. Allerdings dauerte es nur wenige Sekunden, dann war schon Schluss damit. Ein kleiner Luftstoß hob den Ballon an die Außenlinie, und dort nahm ihn der Mainzer Stadionsprecher in seine Pranken, das Spiel war vorbei. Kurz darauf lagen sich rund 20.000 Menschen vor Freude in den Armen und rieben sich verwundert die Augen. Mainz 05 hatte tatsächlich 2:1 gegen 1899 Hoffenheim gewonnen - die Gäste spielten in Mainz etwa so, wie der kleine Ballon durch die Luft flog: von ihrer Leichtigkeit beflügelt, ein bisschen kopflos, schön anzuschauen, und hinterher war alles umsonst.

Fünf Pflichtspielsiege (inklusive DFB-Pokal) hatten die Hoffenheimer vor der Partie gegen den Aufsteiger aus Mainz angesammelt - eine stolze Bilanz. Spätestens nach dem lockeren 5:1 über Hertha BSC Berlin war von der Wiedergeburt des rasanten Kraichgauer Fußballs die Rede - "und dann so was. Das kann man eigentlich gar nicht erklären", sagte Verteidiger Marvin Compper. "Ich weiß auch nicht, was mit uns auswärts los ist. Aber ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Wir werden in den Himmel gelobt, aber zum Fußball gehört mehr, als ein Spiel nur zu kontrollieren."

Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick hatte seine Überfliegermannschaft des Monats September zuvor extra noch gewarnt - "der Grat zwischen Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit und zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung ist schmal". Später blieb ihm nichts anderes übrig, als zu sagen: "Es hatte nichts mit Selbstüberschätzung zu tun, sondern es war eine Mentalitätsfrage. Wir waren einfach nicht bereit, dagegenzuhalten. Das ist alles."

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Samstagsspiele: Pfiffe in München, Torflut in Hannover
In Mainz, das ja in dieser Saison schon zu Hause gegen Bayern München und Berlin gewonnen sowie gegen Leverkusen unentschieden gespielt hatte, mussten sich die Gäste ärgern, "dass nicht die bessere, sondern die leidenschaftlichere Mannschaft gewonnen hat", wie Torwart Timo Hildebrand feststellte. "Es zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Auswärtsspiele. Am Anfang sind wir einfach nicht mit dem Kopf bei der Sache. Wir sind natürlich die bessere Mannschaft im Vergleich mit den Mainzern, aber die dürfen sich jetzt aufgrund ihrer Leidenschaft über den Sieg freuen."

Taktisch clevere Mainzer

Dass den bis auf Tabellenplatz fünf hinaufgekletterten Rheinhessen die beiden frühen Tore - ein traumhafter Spannstoß des Österreichers Andreas Ivanschitz (6.) sowie ein kurioser Kopfballtreffer durch Mittelstürmer Aristide Bancé (11.) - in die Karten spielten, war "Gold wert", wie Mainz-05-Verteidiger Zsolt Löw, der einst mit Hoffenheim von der Regionalliga bis in die Bundesliga marschiert war, später erklärte. Fortan nämlich konnten sich die von Trainer Thomas Tuchel "taktisch sehr clever aufgestellten" 05er, so lobte sie ihr Schlussmann Heinz Müller, dicht gestaffelt vor dem eigenen Tor versammeln und zusehen, wie ein nett kontrollierter (aber nicht gefährlicher) Vorstoß der Gäste nach dem anderen verpuffte. "Mit Aggressivität, Leidenschaft, Mut und Willen hat es geklappt", sagte Torschütze Ivanschitz, dem der Überraschungssieg über Hoffenheim nach der Nichtnominierung für Österreichs Nationalelf sichtlich gut tat. "Anders kann man gegen solch eine starke Mannschaft wie Hoffenheim wohl auch nicht gewinnen."

Reihenweise Chancen für Hoffenheim - aber nur der Anschlusstreffer

Zwar kamen die Gäste durch ihren einzigen nicht in knallbunten Schuhen agierenden Feldspieler, Linksverteidiger Andreas Ibertsberger, noch zum späten Anschlusstor (87.), doch die Fahrlässigkeit, mit der Chinedu Obasi, Demba Ba und die eingewechselten Maicosuel und Marco Terrazzino reihenweise Chancen ausließen, trieb Rangnick Zornesröte ins Gesicht. "Dass wir die Spiele kontrollieren, das wissen wir mittlerweile. Jetzt geht es mal darum, auswärts eine bessere Einstellung zu finden", knurrte Timo Hildebrand, den es nicht gerade erfreuen wird, dass seine Elf in zwei Wochen, nach der Länderspielpause, schon wieder auswärts antreten muss - und zwar bei Werder Bremen.

Dann werden sie wieder in ihrem fest einstudierten und schön anzuschauenden 4-3-3-System agieren, nach vorne mit möglichst kurzen Ballbesitzzeiten, rasantem Tempo und vielen spielerischen Ideen (vor allem dank Carlos Eduardo) - und in der Verteidigung mit forschem Pressing, frühen Ballgewinnen und daraus entstehender kluger Spieleröffnung (vor allem dank Luiz Gustavo). Keine Frage, die Hoffenheimer sind auf dem richtigen Weg, ihre bestechende Form und Sicherheit aus der Hinserie vor einem Jahr wiederzufinden. "Natürlich macht es Spaß, wenn man dominiert", sagte Compper. "Noch mehr Spaß macht es aber, wenn man damit auch gewinnt."

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Matyaz 04.08.2009
1. Was für eine gewagte Prognose!
Tolle Prognose: man nehme alle Aufsteiger sowie die 2 schlechtplatziertesten Bundeligisten der letzten Saison, die noch die Klasse halten konnten -und komplett sind die Abstiegskandidaten. Dass Nürnberg und Freiburg eingespielte und spielstarke Mannschaften sind bleibt da ebenso unberücksichtigt wie der stattliche Gladbacher Etat, der immer noch den ein oder anderen Noteinkauf zulässt, sollte es brenzlig werden. Meiner Meinung nach werden neben Mainz und Bochum eher Vereine wie Hannover,Frankfurt, Köln oder gar Berlin erhebliche Probleme mit dem Klassenerhalt haben.
frubi 04.08.2009
2.
Zitat von MatyazTolle Prognose: man nehme alle Aufsteiger sowie die 2 schlechtplatziertesten Bundeligisten der letzten Saison, die noch die Klasse halten konnten -und komplett sind die Abstiegskandidaten. Dass Nürnberg und Freiburg eingespielte und spielstarke Mannschaften sind bleibt da ebenso unberücksichtigt wie der stattliche Gladbacher Etat, der immer noch den ein oder anderen Noteinkauf zulässt, sollte es brenzlig werden. Meiner Meinung nach werden neben Mainz und Bochum eher Vereine wie Hannover,Frankfurt, Köln oder gar Berlin erhebliche Probleme mit dem Klassenerhalt haben.
Frankfurt und Hannover sind bei mir auch die ersten Kandidaten für eine Trainerentlassung. Ich hoffe zwar, dass so viele Trainer wie möglich im Amt bleiben aber man kennt ja das beliebte Trainerhopping. Skibbe und Hecking sind definitv die schwächsten Trainer. Viele schwerer ist die Frage: Wer wird der neue "Spieler der Saison"?? Wenn Carlos Eduardo seinen Nerven ein bisschen besser im Griff hat könnte er den Platz von Diego einnehmen. Özil könnte ebenfalls einschlagen. Aber ansonsten fällt mir aussser Ribery keiner mehr ein, der dieses Jahr richtig einschlagen könnte. Spannend wird der Kampf um die Plätze zur WM 2010. Für mich stehen bisher nur 5-7 Spieler fest. Der Rest kann sich noch Grundlegend ändern. Wie entwickeln sich unsere U21 Europameister? Werden Marin und Özil das neue Mittelfeld-Traumpaar?
yoshitsune 04.08.2009
3. SGE wird nicht absteigen
Ich glaube kaum, dass die Eintracht absteigen wird. Der Derby-Pokal-Erfolg wird fuer genuegend Aufwind bis zum Ende der Saison reichen. Wobei man aber ja auch aus leidvoller Erfahrung weiss, dass eine stark beginnende Eintracht meistens zum Ende der Saison zum Katastrophalen tendiert. Sagte der Eintracht-Fan. ;-)
Tail on the Donkey 04.08.2009
4.
Tja, da kann ich mir meinen Beitrag ja fast sparen: Hannover, Frankfurt und Köln sind auch bei mir ganz heiße Kandidaten auf einen Ausflug in die Zweitklassigkeit. Was Mainz angeht, nun, da scheinen Prognosen selbst von 12 Uhr bis Mittag zu weit gegriffen, zwischen gesichertem Mittelfeld und "am 11.11. bereits rechnerisch abgestiegen" erscheint alles möglich. Bochum seh ich auch stark gefährdet, Nürnberg und Freiburg haben dagegen das Potenzial, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Da die Saison ja nun unmittelbar vor der Tür steht und die wesentlichen Transferentscheidungen durch sein dürften, könnte sich das Ganze am Ende so darstellen: 1. München (akzeptabler Start, in der Rückrunde nicht zu stoppen) 2. Hamburg (es kommen leichtere Aufgaben als Düsseldorf) 3. Stuttgart (die Osteuropa-Fraktion schlägt voll ein) 4. Bremen (Wundertüte, allerdings diesmal mit direkter int. Quali) 5. Dortmund (auf dem Weg nach oben) 6. Wolfsburg (Niveau der letzten Saison kann nicht ganz gehalten werden) 7. Schalke (Altintop schießt zu viele Freistöße) 8. Leverkusen (kann ehrlich gesagt auch 2ter werden) 9. Hoffenheim (kennt die eigentlich noch jemand? Und was ist Rangnick?) 10. Nürnberg (die spielen einen tollen Kombinationsfußball) 11. Berlin (mehr ist kaum drin) 12. Gladbach (die Verstärkungen sehen auf den ersten Blick tauglich aus) 13. Freiburg (gemeinsam mit Nürnberg auf jeden Fall Buli-tauglich) 14. Frankfurt (hier wirds dagegen ganz eng) 15. Köln (Poldi wird sogar einschlagen, am Rest allerdings haperts) 16. Mainz (irgendwas von 14-18, Tendenz Abstiegskampf pur) 17. Hannover (ich hab da ne verdammt miese Saison im Urin) 18. Bochum (die Unabsteigbaren sind mal wieder dran) Irrtümer um 1-2 Positionen nicht ausgeschlossen, allerdings sei der Kreis der Titelanwärter mit den ersten 2, der int. Plätze mit einschließlich Wolfsburg + Leverkusen und der Abstiegskandidaten ab Frankfurt umrissen. Und jetz wird's Zeit, dass' endlich wieder los geht! :-)
Toradac 04.08.2009
5. In erster Linie erwarte ich...
Zitat von sysopMission Titelverteidigung in Wolfsburg, das Magath-System auf Schalke und die verstärkten Bayern: Was erwarten Sie von der neuen Bundesliga-Saison? Wer holt den Titel? Wer steigt ab? Diskutieren Sie mit.
...eine spannende Saison, auch wenn mir klar ist, daß die letzte kaum zu wiederholen sein wird. Titelfavoriten sind für mich der FC Bayern (schon fast ein Naturgesetz), der Vfl Wolfsburg (der es geschafft hat, seine Meistermannschaft zusammenzuhalten und sogar noch zu verstärken), der Hamburger SV (der m.E. gut eingekauft hat) sowie eine Überraschungsmannschaft (könnte in diesem Jahr Leverkusen oder Werder Bremen sein). Um die internationalen Startplätze kämpfen außerdem noch der VfB Stuttgart, Schalke (wenn Magath einschlägt), Hoffenheim und vielleicht auch noch Borussia Dortmund. Die "Weder-Fisch-noch-Fleisch-Franktion", bei der nach oben nichts geht und die mit dem Abstieg nicht viel zu tun haben, besteht aus Köln, Hertha, Nürnberg und Frankfurt. Außer Nürnberg (die ich für sehr spielstark halte) haben naturgemäß die Aufsteiger die größten Probleme, den Abstieg zu verhindern, bei Mainz wird es durch den gestrigen Trainerwechsel noch verschlimmert, Freiburg schätze ich etwas stärker ein, aber auch die müssen sich strecken. Auf Hannover und den Vfl Bochum kommt eine ganz schwere Saison zu, beide müssen ebenfalls bis zum Ende zittern. Am wenigsten kann ich in dieser Saison Mönchengladbach einschätzen, entweder früh im gesicherten Mittelfeld oder aber auch kämpfen bis zum Schluß um den Klassenerhalt. Lassen wir uns überraschen - Freitag geht's endlich wieder los!
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