Hoffenheimer Stadion "Gänsehaut und Tränen"

Die TSG Hoffenheim war eine der positiven Überraschungen der vergangenen Saison. Im Interview mit "11 FREUNDE" spricht Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus über den langen Weg zum eigenen Stadion, Diskussionen mit den Fans und alte Steine in der neuen Spielstätte.

Frage: Herr Rotthaus, wie stressig war die Zeit vor der Einweihung im Januar 2009?

Rotthaus: Diese 20 Monate waren für uns alle das Härteste, aber auch das Schönste, was wir in unserem Arbeitsleben erfahren durften. Wir haben frühmorgens angefangen. Und ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem wir vor ein Uhr nachts das Büro verlassen hätten, insbesondere zum Schluss der Bauphase.

Hoffenheimer Fans: Werbefreie Bereiche für die Banner

Hoffenheimer Fans: Werbefreie Bereiche für die Banner

Foto: Getty Images

Frage: Wie muss man sich den Planungsprozess eines solchen Stadions vorstellen?

Rotthaus: Wir haben alles selbst entscheiden dürfen, vom Elektrokasten bis zur Rasenheizung. Die Architekten haben uns ihre Ideen vorgelegt und wir haben sie dann mit dem gesamten Team und einzelnen Abteilungen unseren Vorstellungen angepasst. Wir waren aktiv in die Entscheidungsprozesse involviert.

Frage: Was war mit TSG-Sponsor Dietmar Hopp?

Rotthaus: Dietmar Hopp hat uns in diesem Punkt unglaubliches Vertrauen entgegengebracht und einmalige Freiheiten gegeben. Wir waren also keine Dienstleister, die ihre Aufgaben abarbeiten mussten, sondern wir durften im Stadionbau unsere Ideen einbringen. So kann jeder, der am Bau der Arena beteiligt war, seinen Enkeln erzählen, dass er Stein für Stein mitgearbeitet hat.

Frage: Das Dach der Arena gilt als ganz besondere Konstruktion. Es wird als "schwebende Wolke" beschrieben.

Rotthaus: Das Dach ist in der Stadionfassade verankert und trägt sich selbst. Das ist zwar architektonisch kein Weltwunder, aber in dieser Form gibt es das nirgendwo anders. Dieser Teil war leider auch der kostenintensivste. Für uns war aber klar, dass wir kein Stadion bauen, in dem die Sicht der Zuschauer durch Pfeiler beeinträchtigt wird.

Frage: In der Arena gibt es rund ein Drittel Stehplätze. Ein Zugeständnis an die originären Fußballfans?

Rotthaus: Ich treffe mich regelmäßig mit unseren treuen Fans, nur so kriegt man etwas von den Bedürfnissen der Zuschauer mit. Das liegt uns am Herzen.

Frage: Und was wollen die Fans?

Rotthaus: Wir haben zum Beispiel extra werbefreie Bereiche bereitgestellt, in denen die Fans ihre Banner problemlos aufhängen können. Im Bauch der Südtribüne haben wir eine Fankneipe eingerichtet, außerdem gibt es eine Fanwerkstatt, in der die Supporter ihre Choreografien vorbereiten und ihre Utensilien lagern können.

Frage: Das Stadion hat ein Fassungsvermögen von 30.000 Zuschauern. Reicht diese Zahl aus in Hinblick auf den langfristigen Plan des Vereins, sich im internationalen Fußball zu etablieren?

Rotthaus: Eine pragmatische Antwort: Wir durften nicht größer bauen. Wir haben unseren Bebauungsplan vorgelegt und die Behörden haben entschieden, dass ein Stadion mit 40.000 oder 50.000 Zuschauern allein aus verkehrstechnischer Sicht nicht zulässig ist.

Frage: Sie haben zehn Monate nach einem Standort gesucht. Unter anderem waren Heidelberg und Walldorf im Gespräch.

Rotthaus: Eigentlich war die Entscheidung für Heidelberg bereits gefallen. Doch im Nachhinein bin ich sehr froh, dass das Stadion in Sinsheim steht. Das ist wesentlich authentischer. Dietmar Hopp ist nur eine Minute vom Stadion entfernt groß geworden, 1899 Hoffenheim ist sein Heimatverein.

Frage: Der Verein spielte jahrelang erfolgreich im Dietmar-Hopp-Stadion. Haben Sie einen Glücksbringer aus dem alten Stadion mit ins neue genommen?

Rotthaus: Wir haben ein großes Stück Rasen in die neue Arena verpflanzt. Zudem wurde ein Stein aus dem Dietmar-Hopp-Stadion ins Gemäuer des neuen Stadions gearbeitet. Ein bisschen Aberglaube muss erlaubt sein, auch wenn er sich bisher noch nicht hundertprozentig ausgezahlt hat.

Frage: Gab es im Laufe des rasanten Stadionneubaus Momente, in denen Sie gezweifelt haben?

Rotthaus: Es gab eine Schrecksekunde: Am Gründonnerstag 2008 hat die Firma, die unser Stahldach produzieren sollte, Konkurs angemeldet. Herr Hopp rief schockiert an, denn nur eine Woche später sollte das Dach montiert werden. Da habe ich vor meinem inneren Auge schon alles zusammenbrechen sehen. Zum Glück haben wir es dann zusammen mit einer Übergangsfirma geschafft.

Frage: Bisher waren die Spiele in der Arena eher durchwachsen. Welches Match ist Ihnen dennoch in Erinnerung geblieben?

Rotthaus: Das Spiel gegen den VfL Bochum am 11. April. Wir haben zwar 0:3 verloren, aber das war Nebensache.

Frage: Warum?

Rotthaus: Das Spiel wurde von einem Todesfall in der Fangemeinde überschattet. Die Fans haben in Gedenken an ihren Freund in den ersten zehn Minuten komplett geschwiegen.

Frage: Wie waren die Reaktionen?

Rotthaus: Alle im Stadion hatten da eine Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ab der 10. Minute haben die Fans dann Vollgas gegeben. Das war der Moment, in dem wir alle wussten, dass wir in der Arena angekommen sind.

Die Fragen stellte Benjamin Kuhlhoff
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