Auswärtsfahrt nach Braunschweig 96-Fans protestieren gegen Zwang zur Bus-Anreise

Es wäre ein Novum im deutschen Fußball: Hannover 96 will seinen Fans vor dem Auswärtsspiel in Braunschweig nur dann Tickets aushändigen, wenn diese mit einem speziellen Bus anreisen. Die Anhänger formieren sich zum Protest, ein Einspruch vor Gericht scheint aussichtsreich.
96-Fans: "Vorgehen erscheint uns zutiefst problematisch"

96-Fans: "Vorgehen erscheint uns zutiefst problematisch"

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Hamburg - HSV gegen Bremen? Dortmund gegen Schalke? Nein! Für viele Fußballfans aus Niedersachsen ist das Duell zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig das einzig wahre Derby, es ist der Gipfel der Rivalität. Das Hinrundenspiel war die erste Begegnung der beiden Teams in der Bundesliga seit 1976, die Anhänger beider Clubs zündeten Bengalos und Leuchtraketen im Stadion, doch die befürchteten schweren Krawalle blieben aus.

Trotzdem möchte Hannover vor dem Rückspiel am 6. April (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) nichts riskieren - und teilte Anfang März mit, die 2100 Auswärtskarten nur unter einer Bedingung auszugeben: Jeder 96-Fan, auch Inhaber einer Auswärtsdauerkarte, müssen mit einem vom Verein organisierten Bus anreisen. Darauf habe sich Hannover "mit dem Niedersächsischen Innenministerium, der Polizei und dem gastgebenden Club Eintracht Braunschweig" geeinigt, heißt es auf der Internetseite des Vereins.

Es sei "klar, dass die Nachfrage das Angebot an Tickets für 96-Fans deutlich übersteigen wird. Aus diesem Grund wird Hannover 96 diese Tickets in Verbindung mit einer Busfahrkarte unter seinen Dauerkarteninhabern und Mitgliedern verlosen", erklärte der Club. Erst im Bus selbst sollen die Anhänger ihr Ticket erhalten, auch die 200 Inhaber einer Auswärtsdauerkarte. Nur wer viel Geld für ein VIP-Ticket ausgibt, darf individuell anreisen.

Hannovers Fans laufen Sturm gegen die Maßnahme, die in den Niederlanden bereits praktiziert wurde und deshalb auch "Holländisches Modell" heißt. Sie fühlen sich ihrer mit der Dauerkarte erworbenen Rechte beraubt. Die Initiativen IG Unsere Kurve und Pro Fans haben deshalb einen offenen Brief an Fanbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und etliche niedersächsische Politiker geschickt, unter ihnen auch Ministerpräsident Stefan Weil. Sie schreiben: "Dieses Vorgehen erscheint uns zutiefst problematisch und in Teilen verfassungswidrig." Es verletze auf unverhältnismäßige Art "das Recht jedes betroffenen Bürgers auf Reisefreiheit".

Vorgehen nicht mit Hannovers Fanbeauftragen abgesprochen

Die Initiatoren weisen darauf hin, dass es beim Hinspiel zu "lediglich fünf Festnahmen" gekommen sei und sich selbst die Polizei mit den Worten habe zitieren lassen: "Unser Konzept ist aufgegangen, wir konnten ein Aufeinandertreffen unterbinden." Auch sei das Vorgehen Hannovers nicht mit den Fanbeauftragen besprochen worden.

Der Hannoveraner Anwalt Andreas Hüttl hat ebenfalls den Kampf gegen die Ticketvergabe aufgenommen. Er vertritt einen 96-Auswärtsdauerkarten-Inhaber, der eine Klage gegen den Verein eingereicht hat, weil er einem seiner beiden Kinder eine solche Busreise aus gesundheitlichen Gründen nicht zumuten könne.

An diesem Mittwochmorgen verhandelte das Amtsgericht Hannover den Fall, kam laut Hüttl jedoch noch zu keinem abschließenden Ergebnis. "Die Verkündung ist für den 31. März geplant", sagte der Jurist SPIEGEL ONLINE, "aber wir sind zuversichtlich, dass unserem Antrag auf einstweilige Verfügung stattgegeben wird". Demnach habe die Richterin zu verstehen gegeben, dass sie der Fan-Sicht im Grundsatz zustimme. Der Verkäufer, in diesem Fall Hannover 96, habe eine vertragsrechtliche Verpflichtung zur Ausgabe der verkauften Ware.

Der Verein, der sich bei der Verhandlung anwaltlich vertreten ließ, hat laut Hüttl nun fünf Tage Zeit, um sich zu überlegen, ob er nicht doch eine andere Regelung finden wolle. "Ansonsten müssen sie wohl mit einem Grundsatzurteil rechnen", sagte der Anwalt. In Hannover wollte man sich auf Anfrage hin zunächst nicht zu der Verhandlung äußern. Man müsse sich zunächst beraten, zudem handele es sich laut Pressesprecher Alex Jacob "um ein schwebendes Verfahren".

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Club mit seinen Fans anlegt: So hatte sich Hannovers Präsident Martin Kind in der Vergangenheit dafür eingesetzt, Strafen, die der Verein wegen des Abbrennens von Pyrotechnik zahlen muss, auf Fans umzulegen. Kurz zuvor hatte er angedroht, Ultra-Anhängern keine Tickets mehr zu verkaufen.

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