Hollands Trainer van Gaal Architekt des Clockwork Oranje

Louis van Gaal gilt als arrogant, selbstgefällig und unsensibel. Doch der Erfolg im Elfmeter-Krimi gegen Costa Rica zeigt die Klasse von Hollands Trainer: Der Halbfinal-Einzug ist vor allem sein Verdienst.

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Aus Salvador da Bahia berichtet


Louis van Gaal platzt manchmal fast vor Geltungsbewusstsein. Selbst wenn er bescheiden wirken will, verkehren sich die Antworten dann ins Gegenteil. So auch bei der Pressekonferenz nach dem Elfmeter-Krimi gegen Costa Rica. Van Gaal war gefragt worden, ob er Genugtuung empfinde. Und antwortete statt mit einem schlichten Nein vielsagend: "Das habe ich nicht nötig." Einem Louis van Gaal, sollte das heißen, ist es egal, was die Leute von ihm denken. Er weiß ja, dass er der Beste ist.

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Heft 28/2014
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Ganz gleichgültig ist es ihm natürlich nicht, was Fans und Journalisten von ihm halten. Damit bloß niemand seinen Einfluss unterschätzt, hob van Gaal hervor: "Wir haben intensiv Elfmeter trainiert. Wir haben auch Costa Ricas Strafstöße studiert und trainiert. Ich bin ein bisschen stolz, dass das alles so geklappt hat. Die Taktik war ein großer Erfolg."

Als Louis van Gaal diese Sätze sagte, mit dieser gerunzelten Stirn, der Boxernase und dem Blick, der töten kann, wusste man wieder, warum van Gaal auch in Deutschland wohl nie mehr die Beliebtheitswerte von Günter Jauch bekommen wird. "Feierbiest" hin oder her.

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Allerdings wird es Zeit, dass der Trainer als das wahrgenommen wird, was er ist: der Architekt dieser erfolgreichen holländischen Mannschaft und einer der besten Trainer Europas.

Im Grunde reicht tatsächlich ein Blick auf die Taktik: Im 3-4-3-System, das nach Ballverlust zu einem 5-2-3 wird, ist jeder Spieler auf der Position eingesetzt, in der er für die Mannschaft am wertvollsten ist: Dirk Kuyt, eigentlich ein Stürmer, attackiert dann schon mal am eigenen Strafraum den aufgerückten Linksverteidiger. Warum? Weil er es kann, und weil es danach wieder schnell nach vorne geht.

Krul wusste Bescheid, Cillessen nicht

In den Niederlanden musste er sich lange kritisieren lassen, weil er das heilige 4-3-3-System geopfert hatte. Erst allmählich beginnt man dort, van Gaal zu vertrauen. Die Fans sehen natürlich auch, dass da eine Mannschaft auf dem Platz ist, die funktioniert und die - auch das gehört zur Handschrift van Gaals - ihre Kräfte meisterhaft dosieren kann.

Wie gegen Mexiko legten die Niederlande auch in Salvador nach 80 Minuten erst richtig los, Arjen Robben ("Ich habe mich selbst gewundert, wo ich die Kraft hergenommen habe") war nicht der einzige, der danach noch mal 40 Minuten Vollgas geben konnte. In einer Phase, in der bei Costa Rica die Kräfte schwanden, wurde die Partie so immer mehr zu einem Anrennen auf das Tor von Keylor Navas.

Und dann war da natürlich noch der Wechsel in der 119. Minute: Natürlich gehört Glück dazu, wenn man den vermeintlich besseren Elfmeter-Killer einwechselt. Doch van Gaal, der erst in der 76. Minute den ersten und in der 106. Minute den zweiten Wechsel machte, hat auf die Möglichkeit, Tim Krul einzuwechseln, von Beginn an hingearbeitet - und das bei einem Spiel, in dem sein Team genug Chancen hatte, um drei Partien zu entscheiden. Die Auswechslung war zudem durchaus ein Risiko, das die Selbstgewissheit des Trainers widerspielte: Denn wenn es schiefgegangen wäre und Krul keinen Elfmeter gehalten hätte, hätte van Gaal sich lächerlich gemacht.

Der Coach achtete bei seinem Coup auf die Details: Stammkeeper Cillessen wusste nichts und gönnte sich deshalb bei seiner Auswechslung einen Wutausbruch, für den er sich sofort danach entschuldigte. Es galt schließlich, dessen Motivation hochzuhalten. Ersatzmann Krul war hingegen in die Pläne eingeweiht: Er sollte 119 Minuten auf die vielleicht wichtigsten Minuten seiner Laufbahn hinfiebern. Auch hier war van Gaals Plan also voll aufgegangen.

Als alles vorbei war, wurde Dirk Kuyt noch nach seiner Meinung zum Trainer gefragt. Man merkte dem Blondschopf an, dass er die Gelegenheit gerne nutzen wollte, um mal ein paar Dinge klarzustellen: "Es ist nicht leicht, eine solche Mannschaft zusammenzustellen und sie auf jeden Gegner so gut vorzubereiten. Van Gaal ist mit seiner Erfahrung der perfekte Trainer dafür. Er hat schließlich in vielen Ländern gezeigt, was man in diesem Job braucht."

Unter anderem auch in Deutschland, auch wenn er das ausgerechnet bei dem Verein tat, bei dem er Josep Guardiola den Weg bereitete. Aber beim FC Bayern will das heute keiner mehr so recht wahrhaben.

insgesamt 165 Beiträge
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bapon1 06.07.2014
1. mal nicht übertreiben
120 min lang kein tor geschossen. Dann im elfmeterschiessen glück gehabt. Das ist am Ende bestenfalls schlitzohrig in der Not. Mehr war da nicht.
Phil2302 06.07.2014
2.
Warum ist ein 0:0 nach 120 Minuten gegen Costa Rica jetzt so eine großartige Leistung des Trainers? Und machen wir uns nichts vor, beim Elfmeterschießen gehört soviel Glück dazu, das hätte auch anders ausgehen können.
megamekerer 06.07.2014
3. Deutschland - Holland
Costa Rica war zähe Gegner aber Holland war etwas besser, zweiter Torwart hat gut gehalten, und sein Verhalten war keinfalls unfair, die Costa Ricaner Könnten ja auch Tricks anwenden. Ich freue mich auf die Begegnung Deutschland - Holland und dass Deutschland gewinnt.
paul1baum 06.07.2014
4. Genie?
van Gaal, der die Niederländische Mannschaft 120 Minuten lang, ohne Finesse gegen die starke Abwehr von Costa Rica hat anrennen lassen, lässt sich in meinen Augen nur schwer als Taktikgenie bezeichnen.
basiliusvonstreithofen 06.07.2014
5. Ich fand es unanständig...
... dass der niederländische Torwart so groß ist (geschätzt 2,02m) und die die Spieler einschl. Torwart aus Costa Rico so klein sind. Das war das Entscheidende bei diesem Elfmeterschießen. Der Torwart von Costa Rico erahnte die Ecke, kam aber wegen der Mindergröße nicht an den Ball ran. Ich bin der Meinung, die FIFA sollte die Größe der Spieler begrenzen. Es ist bei dem jetzigen Zustand unfair.
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