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12. Juni 2000, 15:49 Uhr

Holland - Tschechien

Elftal und seine zwei Engelchen

Nach dem Sieg über Tschechien moserte Hollands lebende Legende Johan Cruyff über Versager im Mittelfeld: "Wir haben richtig Massel gehabt."

Edgar Davids diskutiert mit Collina
AP

Edgar Davids diskutiert mit Collina

Amsterdam - "Oranjeland" atmete tief durch, und Frank Rijkaard glaubte sogar an himmlischen Beistand. "Heute haben zwei Engelchen bei uns auf dem Tor gesessen", meinte der Bondscoach nach dem glücklichen 1:0 (0:0)-Erfolg von EM-Gastgeber Niederlande gegen Tschechien. Hollands Fußball-Idol Johan Cruyff brachte aber auf den Punkt, bei wem sich die "Elftal" eigentlich für den Auftaktsieg bedanken musste: "Schickt dem Schiedsrichter einen Strauß Blumen. So einen Elfmeter gibt man nicht. Das ist Unsinn."

Tschechiens Trainer Jozef Chovanec sprach im Rückblick auf die 89. Minute in der AmsterdamArena sogar offen von einem Skandal. Der italienische Schiedsrichter Pierluigi Collina zeigte auf den Elfmeterpunkt, nachdem ihm der Schalker Jiri Nemec Ronald de Boer im Strafraum am Trikot gezupft hatte. Eine nach den Regeln wohl korrekte, aber extrem harte Entscheidung. "So etwas passiert jedes Mal im Strafraum, da müsste man bei jedem Eckball Elfmeter pfeifen", schimpfte Pavel Kuka vom VfB Stuttgart.

Hollands Kapitän Frank de Boer war es egal, er nutzte die familien-interne "Vorarbeit" seines Zwillingsbruders Ronald, verwandelte den Strafstoß eiskalt und bewahrte den Top-Favoriten vor einer Enttäuschung. "Heute brauchten wir viel Glück, ich hoffe, dass das in den nächsten Spielen nicht mehr nötig ist", meinte Clarence Seedorf, der wie andere holländische Superstars äußerst schwach spielte.

Das Rijkaard-Team schien unter der Last der riesigen Erwartungshaltung eines ganzen Landes zusammenzubrechen. "Viele in der Mannschaft sind mit dem Druck nicht fertig geworden, vor allem Seedorf, Cocu und Davids", meinte Cruyff und nahm damit die gesamte Mittelfeldreihe aufs Korn: "Wir haben heute richtig Massel gehabt."

Gleich zweimal trafen die im zweiten Durchgang immer stärker werdenden Tschechen nur Latte oder Pfosten des Tores von Edwin van der Sar. "Wir haben heute viele Dinge falsch gemacht", gab Edgar Davids zu. Warum die Niederländer völlig die Kontrolle über das Spiel oder den überragenden Tschechen Pavel Nedved verloren hatten, dafür hatte kaum jemand eine Erklärung. "Wir haben einfach die Geduld verloren", meinte Seedorf. Die Angst vor dem Versagen, die die Aktionen lähmte, war im Stadion fast greifbar. "Nach den beiden Lattentreffern sind wir richtig nervös geworden", analysierte Artur Numan, Teamkollege von Jörg Albertz bei den Glasgow Rangers, der vielleicht von der Ersatzbank den besseren Überblick als seine Kollegen hatte.

"Ich finde, man muss auch mal auf das Ergebnis schauen", meinte Dennis Bergkamp und hakte das Spiel schnell ab. Im zweiten Vorrundenspiel gegen Dänemark haben die Niederländer am kommenden Freitag in Rotterdam die Chance, vorzeitig den Einzug ins Viertelfinale klar zu machen. Das Spitzenspiel gegen Weltmeister Frankreich zum Vorundenabschluss könnte dann schon zum Schaulaufen werden.

Abgeschrieben haben auch die Tschechen das Viertelfinale noch nicht, auch wenn es sicher einige Tage dauern wird, Wut und Enttäuschung, auch über den Platzverweis gegen den bereits ausgewechselten Radek Latal kurz vor Schluss, zu verdauen. "Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben auf diese Weise ein Spiel verloren", meinte Nedved mit Tränen in den Augen. "Es ist sehr schwer, so etwas überhaupt zu verkraften", ergänzte Kuka.

Zumindest können sich die Tschechen nach der hervorragenden Vorstellung in Amsterdam auf den Rückhalt ihrer Fans, die ihr Team noch lange nach dem Schlusspfiff feierten, und Zuspruch aus der Heimat verlassen. Dort verband sich der Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit gleich mit der Aufmunterung für die nächsten Aufgaben gegen Frankreich und Dänemark. "Collina schneidet Tschechien die Kehle durch", titelte die Zeitung Blesk: "Aber das macht nichts. Wir kommen trotzdem weiter."

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