Hollands Fußball-Stammtisch Advocaats Abneigung gegen Mecki Messer

Als Rudi Völler noch DFB-Teamchef war, schimpfte er auf die "Gurus und Ex-Gurus", die alles nur schlecht reden würden. Der niederländische Coach Dick Advocaat spricht mit den Berufskritikern gar nicht mehr, seit die an der Algarve jede Nacht Taktik, Aufstellung und Einsatzwillen des "Oranje"-Teams in Frage stellen.

Von Till Schwertfeger


TV-Sendung "Villa BvD" (Screenshot): "Jantje! Jantje! Jantje!"

TV-Sendung "Villa BvD" (Screenshot): "Jantje! Jantje! Jantje!"

Olhos d'Agua - "Ihr hab doch eure Professoren und Doktoren immer im Studio sitzen. Wozu habt ihr meine Antworten überhaupt noch nötig?", schnaubte Advocaat genervt und verweigerte fortan die Aussage. Was Völler vergangenen September in Reykjavik nach einem miserablen EM-Qualifikationsspiel auf die Palme brachte ("Ich kann den Scheißdreck nicht mehr hören") und was der Anfang vom Ende seiner Karriere als Teamchef war, ist für den Bondscoach eine permanente Plage. Während der Europameisterschaft in Portugal nehmen in der "Villa BvD" Hollands schärfste Kritiker jeden Abend seine "Elftal" verbal auseinander.

"BvD" steht für Frits Barend und Henk van Dorp, sie sind die Gastgeber des EM-Stammtischs, der täglich von 22.45 bis 23.45 Uhr live im niederländischen Privatsender RTL 4 übertragen wird. Seit sie sich als junge Journalisten auf das berühmte Bankett nach dem WM-Finale 1974 zwischen Deutschland und Holland schmuggelten, urteilen Barend und van Dorp als Experten über den Zustand des "Oranje"-Teams. Als Talkmaster hat das Duo die Aufgabe geteilt: van Dorp differenziert, Barend polarisiert. Wegen seiner Frisur und den scharfen Kommentaren hat sich Barend den Spitznamen "Mecki Messer" erarbeitet. Das Publikum am Strand von Olhos d'Agua liebt ihn.

Bereits 90 Minuten vor Sendebeginn pilgern in orange gekleidete Menschen die abgesperrte kleine Hauptstraße von Olhos d'Agua zur sandigen Bucht mit den rotbrauen Kliffs hinunter. Seinen Reiz als ursprüngliches Fischerdorf hat der Ort weitgehend verloren, trauerte ein Reiseführer schon vor vielen Jahren. Die Speisekarten in den Pubs und Cafés sind mittlerweile viersprachig: portugiesisch, englisch, deutsch und niederländisch. Während ein paar junge Männer, die orange Bademäntel als Garderobe gewählt haben, in der Snackbar "Isaurinda" bei Sagres-Bier und lauwarmen Hamburgern das EM-Viertelfinale Dänemark gegen Tschechien am Fernseher verfolgen, sichern sich viele ihrer Landsleute schon einen weißen Plastikstuhl vor der improvisierten "Villa BvD", in die diesmal Basketball-Coach Ton Boots, der erfolgreichste Titelsammler des Landes, Bartina Koeman, die Gattin von Ajax-Trainer Ronald Koeman, sowie Jan Mulder, der Günter Netzer der Niederlande, geladen sind.

Mulder senior - sein Sohn Youri stürmte einst für den FC Schalke - war als Fußballer nie die ganz große Nummer; seit er als Kritiker tätig ist, feiern ihn die Fans. Nachdem die "Elftal" vor anderthalb Wochen trotz einer 2:0-Führung gegen die Tschechen mit 2:3 verlor, nannte Mulder prompt den Schuldigen dafür: Dick Advocaat. Den defensiven Mittelfeldmann Paul Bosvelt für den herausragenden Außenstürmer Arjen Robben ins Spiel zu bringen, sei die "Einwechslung des Jahrhunderts" gewesen, ätzte Mulder. "Jantje! Jantje! Jantje!", feuern ihn seine Fans in Olhos d'Agua an. Der so Gelobte winkt ihnen in den Werbepausen zu.

Weil es die Holländer nach dem verkorksten Auftakt ins Halbfinale geschafft haben, halten sich die Stimmungsmacher am ovalen Glastisch, an dem reichlich Rotwein ausgeschenkt wird, in der Angelegenheit Advocaat mittlerweile zurück. Die blonde Frau Koeman, deren Mann als nächster Bondscoach gehandelt wird, beantwortet lächelnd zweideutige Hintergrundfragen ("Wie merken Spielerfrauen, wie nötig es ihre Männer haben?"), ansonsten geht es um das sensationell gewonnene Elfmeterschießen gegen Schweden.

Advocaat: "Einwechslung des Jahrhunderts"
DPA

Advocaat: "Einwechslung des Jahrhunderts"

Die Stimmung unter den rund 500 Live-Gästen ist ausgelassen, was auch ein Verdienst von Lee Towers ist. Mit Fönfrisur, die Haare graumeliert, und dem knallroten Tuch in der Brusttasche seines schwarzen Anzugs gibt er einen volkstümlichen Gassenhauer ("Alle Hand in Hand für Oranje") nach dem nächsten zum Besten - ein Entertainer auf Butterfahrtniveau. Aber als er zum siebten Mal "You'll never walk alone" anstimmt - die Sonne ist längst im Atlantik versunken - schunkelt auf und vor der Freilichtbühne die gesamte holländische Kolonie.

Nur Advocaat im einige Kilometer von hier gelegenen Mannschaftsquartier in Albufeira geht seinen Weg allein. Jan Mulder fordert in der "Villa BvD" für das Halbfinale gegen Portugal am Mittwoch den Einsatz des 20-jährigen Wesley Sneijder. Laut einer Umfrage haben sich am Ende der Sendung 76 Prozent der Niederländer dieser Meinung angeschlossen. Das ist ein Ergebnis nach "Meckie Messers" Geschmack. "Wir werden Advocaat morgen auf der Pressekonferenz informieren, dass das Volk Sneijder will", droht Barend genüsslich. Und Towers schmalzt: "It's gonna be a bright sunny day." Advocaat weiß es besser: "Morgens begrüßen sie dich freundlich, am Abend rammen sie dir das Messer in den Rücken."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.