Holstein Kiel vor dem Pokalspiel gegen Bayern München Blüte im Brachland

Mit dem jüngsten Trainer des deutschen Profifußballs, spannenden Spielern und einer besonderen Defensivstärke hofft Holstein Kiel auf einen Pokalcoup gegen den FC Bayern – und auf den ersten Bundesliga-Aufstieg.
Fin Bartels spielt eine erfolgreiche Saison mit Holstein Kiel

Fin Bartels spielt eine erfolgreiche Saison mit Holstein Kiel

Foto: Martin Rose / Getty Images

Fin Bartels kennt das Holstein-Stadion gut. Der 33-Jährige ist gebürtiger Kieler, zwischen 2002 und 2007 legte Bartels an der Förde den Grundstein für eine Profikarriere mit 170 Bundesligaspielen. Nach 13 Jahren kehrte der Außenstürmer im Sommer zurück an die alte Wirkungsstätte, an der jenseits des Standorts wenig an früher erinnert. »Hier hat sich einiges getan. Es ist alles professioneller geworden«, so Bartels gegenüber dem SPIEGEL. Die Entwicklung merke man überall, »beim Gang durch den Kabinentrakt, über das Trainingsgelände, ins Stadion«.

Lange galt Schleswig-Holstein als fußballerisches Brachland, in der Fußball-Bundesliga spielte seit der Gründung 1963 noch keine einzige Mannschaft aus dem hohen Norden. Holstein Kiel, bis ins Jahr 2013 hinein noch Regionalligist, könnte das bald ändern. In der Saison 2017/2018 scheiterten die »Störche« als Aufsteiger nur knapp am Durchmarsch ins Oberhaus, in der Relegation war gegen den VfL Wolfsburg Schluss. »Der Verein hat sich wahnsinnig entwickelt, natürlich auch in der Wahrnehmung nach draußen«, findet Bartels.

In der zweiten DFB-Pokalrunde steht für die Kieler das größte Spiel seit den damaligen Relegationspartien an. Der FC Bayern ist am Abend zu Gast (20.45 Uhr, Liveticker: SPIEGEL.de, TV: ARD/SKY). Bartels wird wohl in der Startelf stehen. Mit fünf Assists ist er der beste Vorbereiter des Klubs. Nach einem Achillessehnenriss Ende 2017 und zahlreichen Folgeverletzungen ist er endlich wieder in Bestform: »Ich fühle mich aktuell topfit«, sagt Bartels. Das mit seinem Jugendklub könnte eine größere Erfolgsgeschichte werden.

In der 2. Bundesliga stehen die Kieler derzeit auf dem dritten Platz, sind im Aufstiegsrennen voll mit dabei. Die Defensive ist mit nur 14 Gegentoren sogar Liga-Spitze. Dabei steht Kiel nicht für gelungenes Einigeln, sondern vor allem für Spielkultur und -kontrolle: Kein anderes Team in der Liga ist so passsicher, keines foult so selten.

»Grundsätzlich wollen wir den Ball haben und uns aus einer guten Struktur heraus spielerisch Chancen erarbeiten«, beschreibt Cheftrainer Ole Werner den Anspruch seiner Mannschaft gegenüber dem SPIEGEL. Gegen den Ball sei »hohes und aggressives Pressing« das Ziel. Werner ist 32 Jahre alt, ein Jahr jünger als Spieler Bartels und damit aktuell der jüngste Trainer im deutschen Profifußball. Seit 2013 arbeitet Werner in Kiel, erst als Jugendtrainer, dann als Chefcoach der U23. Im September 2019 löste er André Schubert bei den Profis ab.

Kiel steht für einen klaren Stil

Seine Einflüsse zieht sich Werner nicht zuletzt aus der Arbeit der eigenen Vorgänger. »Ich habe als U23-Trainer jahrelang von der engen Zusammenarbeit mit den Trainern der ersten Mannschaft profitiert«, sagt Werner. Das Spiel der »Störche« weist einige Besonderheiten auf, die schon bei früheren Kieler Erfolgstrainern wie Markus Anfang oder Tim Walter zu beobachten waren: Innenverteidiger, die im Aufbau mitunter ins Mittelfeld stoßen. Außenverteidiger, die nicht stur den Flügel halten, sondern mit Ball am Fuß auch mal den schwierigeren Weg ins Zentrum suchen. Und ein Positionsspiel, in dem jeder weiß, was er zu tun hat. 

»Einer der Schlüssel ist, dass wir im Sommer nicht wie in den vergangenen Jahren viele Leistungsträger verloren haben«, sagt Werner. Zuletzt hatten immer wieder Leistungsträger den Klub als Sprungbrett genutzt: Dominick Drexler, Marvin Ducksch und Rafael Czichos hatten den Verein 2018 verlassen, Kingsley Schindler, David Kinsombi und Atakan Karazor gingen 2019.

Im Sommer 2020 aber gelang es den Kielern, den Kern ihrer Mannschaft beisammenzuhalten. Im Abwehrzentrum ist weiter Kapitän Hauke Wahl für Spieleröffnung und defensive Organisation zuständig, im Sturm ist Janni Serra weiter der Fixpunkt. Selbst Lee Jae-sung konnte gehalten werden. Dabei galt 2018 bereits die Verpflichtung des koreanischen Nationalspielers, der in der Regel als offensiverer Achter in der Kieler 4-1-4-1-Grundordnung spielt, als Coup. Seitdem ist Lee einer der besten Zweitligaspieler.

Lee Jae-sung (r.), hier im Laufduell mit Sebastian Kerk vom VfL Osnabrück, zählt in Kiel zu den Schlüsselspielern

Lee Jae-sung (r.), hier im Laufduell mit Sebastian Kerk vom VfL Osnabrück, zählt in Kiel zu den Schlüsselspielern

Foto: Michael Taeger / imago images/Jan Huebner

»Er kann den Unterschied machen«, sagt Werner, »er erkennt Dinge auf dem Platz vor allen anderen Spielern.« Lees Qualitäten allmählich erkannt haben auch andere Vereine, im Sommer soll der Hamburger SV an einer Verpflichtung interessiert gewesen sein. Zum Saisonende laufen die Verträge von Lee und Serra aus – es gilt als wahrscheinlich, dass Kiel dann der nächste personelle Umbruch bevorsteht.

Neu in der Underdog-Rolle

Bis dahin gehört Holstein Kiel in Liga zwei zu den Mitfavoriten im Kampf um den Aufstieg. Die Rolle des Underdogs, wie sie im Pokal gegen den FC Bayern nicht zu vermeiden ist, kennt die Mannschaft aus dem Alltag kaum. Spielerisch möchte man sich darauf vorbereiten, aber trotzdem an den eigenen Markenzeichen festhalten: »Wir werden auch in diesem Spiel nicht unseren Matchplan über den Haufen werfen«, sagt Werner.

Bartels spricht von einem »Highlight«, einem »Zusatzspiel«, das man ganz ohne Glück wohl nicht gewinnen könne. Den übrigen Beitrag zu einem möglichen Pokalcoup traut der Flügelstürmer seinem Team allerdings zu. Der Zeitpunkt dafür scheint günstig: Seit dem 2:1-Auswärtssieg beim 1. FC Köln Ende Oktober hat der FC Bayern kein Ligaspiel mehr bestritten, ohne irgendwann in Rückstand zu geraten.

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