Brasilianische LGBT-Liga "LiGay" "Hier muss ich niemanden anlügen"

In Brasilien ist Homophobie weitverbreitet. Josué Machado ist Präsident einer Fußballliga, die Homosexuellen einen sicheren Raum bieten will. Hier spricht er auch über die Verantwortung von Präsident Bolsonaro.

Josué Machado (knieend, 2.v.l.) mit seiner LiGay-Mannschaft
LiGay

Josué Machado (knieend, 2.v.l.) mit seiner LiGay-Mannschaft

Ein Interview von Jonas Hüster


Josué Machado ist seit diesem Jahr Präsident der LiGay, einer Liga für LGBT-Fußballer und -Fußballerinnen in Brasilien; LGBT kommt aus dem englischen Sprachraum, das Akronym steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender. Machado trainierte in den Jugendteams der Erst- und Zweitligisten Cruzeiro sowie Vitória. Als Profi spielte Machado in den unteren Ligen von Brasilien und Argentinien. Zu seiner Homosexualität bekannte er sich nach seiner Karriere. Derzeit spielt Machado für Bharbixas, eines der Teams in der LiGay. Machado nahm mit seiner Mannschaft auch am Meisterschaftsturnier "Champions LiGay" teil, das am 15. und 16. November in Belo Horizonte stattfand.

Homosexualität ist in Brasilien ein polarisierendes Thema. Die Gesetzgebung gilt einerseits als liberal, andererseits kommt es immer wieder zu Angriffen. Laut der brasilianischen Organisation "Grupo Gay da Bahia" wurden vergangenes Jahr 420 LGBT-Menschen in Brasilien getötet. Auch der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro sorgte mit homophoben Aussagen für Aufsehen. In einem Interview mit dem Playboy sagte er: "Ich könnte keinen schwulen Sohn lieben. Ich hätte lieber, dass er bei einem Autounfall sterben würde."

In Brasiliens Fußballstadien gibt es regelmäßig homophobe Beleidigungen und Gesänge. Der Verband wurde im Juni zu einer 15.000 Dollar-Strafe verurteilt, weil Zuschauer beim Eröffnungsspiel der Copa América homophobe Lieder anstimmten.

SPIEGEL: Herr Machado, welche Erfahrungen haben Sie in brasilianischen Fußballstadien gemacht?

Machado: Ich bin früher sehr gerne zu Spielen gegangen, aber wegen der homophoben Gesänge habe ich damit aufgehört. Da wird der Torwart beim Abstoß als 'Bicha' beleidigt und ein Spieler, der nicht trifft, ist ein 'Viado' (beide Begriffe sind abwertende Bezeichnungen für Homosexuelle, d. Red.). In einem Ligaspiel von Palmeiras wurde ein schwules Paar von Fans aus dem Stadion vertrieben und beleidigt. Leider passiert so etwas in allen brasilianischen Stadien, darum werden sie von vielen LGBT-Menschen gemieden.

SPIEGEL: Einer, der versucht hat, dieses Verhalten zu unterbinden, war der Schiedsrichter Anderson Daronco. Im August unterbrach er ein Spiel zwischen Vasco da Gama und São Paulo, weil Zuschauer homophobe Gesänge anstimmten.

Machado: Das war eine persönliche Entscheidung dieses Schiedsrichters. Es gibt viele andere Fälle, in denen nichts passiert ist. Es gibt Regeln gegen Diskriminierung, aber sie werden nur selten beachtet. Trotzdem ist es ein gutes Zeichen für uns als schwule Spieler. Es zeigt, dass es Leute gibt, denen die Situation nicht egal ist.

SPIEGEL: Gibt es keine Unterstützung vom Verband oder anderen Klubs?

Machado: Der Verband tut wenig. So ist es auch bei den Klubs. Manche Teams posten zu besonderen Anlässen eine Regenbogenfahne in ihren sozialen Netzwerken, was ich aber für wirkungslos halte.

SPIEGEL: Welche Maßnahmen halten Sie bei homophoben Vergehen in Stadien für wirkungsvoll?

Machado: Am effektivsten wären wohl Punktabzüge oder sogar Zwangsabstiege, wenn sich das Verhalten häuft. Richtig wäre es, diese Zuschauer zu identifizieren und vor Gericht zu stellen. Der Oberste Gerichtshof hat erst dieses Jahr Homophobie zur Straftat erklärt. Ich denke nicht, dass Geldbußen effektiv sind, weil die meisten Teams millionenschwere Sponsorings haben.

Josué Machado im Trikot seiner Mannschaft Bharbixas
LiGay

Josué Machado im Trikot seiner Mannschaft Bharbixas

SPIEGEL: Das betrifft die Vereine.

Machado: Ich glaube fest daran, dass die Menschen durch Bildung ihr Verhalten ändern können. Postings auf sozialen Netzwerken, Stellungnahmen nach homophoben Vergehen oder das Zeigen der Regenbogenfahne muss aber immer stattfinden. Auch in Trainingszentren oder in den Stadien.

SPIEGEL: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Homophobie?

Machado: Als ich noch Profi war, habe ich keine direkte Diskriminierung erlebt, aber von mir wurde ein bestimmtes Verhalten erwartet. Jeder Agent rät dir zu einer Familie und Kindern. Sie drängen uns zu einem heterosexuellen Verhalten. Aber es ist nie etwas, dass dir direkt ins Gesicht gesagt wird. Douglas Braga war Profi bei Botafogo und ist jetzt einer meiner Kollegen in der LiGay. Er hat aufgehört, weil er die homophobe und machistische Umgebung des Sports nicht mehr ertragen konnte.

Josué Machado (r.) in einem LiGay-Spiel mit Ex-Profi Douglas Braga
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Josué Machado (r.) in einem LiGay-Spiel mit Ex-Profi Douglas Braga

SPIEGEL: Warum haben Sie sich entschieden, in der LiGay zu spielen?

Machado: Ich liebe Fußball, und durch die Liga will ich versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Hier kann ich den Sport in seiner Vielfalt erleben. In einem LGBT-Team muss ich niemanden anlügen. Ich muss nicht so tun, als ob ich jemand wäre, der ich nicht bin. Als ich Profi war, habe ich meine Sexualität für mich behalten, weil ich die Welt des Fußballs als sehr voreingenommen wahrgenommen habe. Ein Ort nur für "männliche" Männer.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die aktuelle Lebenslage für homosexuelle Menschen in Brasilien?

Machado: Brasilien ist ein Land, in dem es Freiheiten, aber auch Diskriminierung und Vorurteile gibt. Man kann Frauen und Männer sehen, die sich auf der Straße küssen, aber es gibt auch Menschen, die wegen ihrer Sexualität angegriffen oder getötet werden. Unser Präsident Jair Bolsonaro verteidigt Werte wie die traditionelle Familie. Seine "Hate Speech" trägt dazu bei, dass es solche Verbrechen weiterhin gibt. Bolsonaro nimmt die Waffe nicht in die Hand, aber er klopft den Tätern auf die Schulter.

SPIEGEL: Was wollen Sie in solchen Zeiten mit der LiGay erreichen?

Machado: Die Liga soll einen Fußball ohne Diskriminierung ermöglichen. Diese Idee wollen wir weiterverbreiten und den Weg für zukünftige Generationen ebnen. Wir schaffen sichere Räume für Menschen, die unter Vorurteilen leiden mussten. Für die "Gay Games" in Hongkong 2022 wollen wir eine Nationalmannschaft zusammenstellen. Vergangenes Jahr wurde ein Team aus Rio de Janeiro Zweiter, aber 2022 planen wir mit Spielern aus ganz Brasilien anzutreten.

Mannschaftsfotos sind in der LiGay eine Kunstform
LiGay

Mannschaftsfotos sind in der LiGay eine Kunstform

SPIEGEL: Wie groß ist die Liga mittlerweile?

Machado: Die Zahlen steigen stetig. Beim ersten Turnier waren wir acht Teams, in Belo Horizonte haben jetzt 25 LGBT- und drei Frauenteams teilgenommen. Wir wollen wachsen, aber es ist nicht einfach. Derzeit warten etwa 15 Klubs auf einen Startplatz. LGBT-Sport hat ein großes Potenzial in Brasilien. Seit der ersten Ausgabe der LiGay im November 2017 wurden bis heute über 50 Mannschaften gegründet. Mit zunehmender Teilnehmerzahl steigt auch das Publikum. An Wettkampftagen haben wir durchschnittlich 1.500 Menschen auf der Anlage. Bei unserem Turnier in Belo Horizonte kamen schätzungsweise 2.000 Zuschauer pro Tag und 560 Spieler.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Ihre Liga etwas verändern kann?

Machado: Ich denke schon. Anfangs kamen nur Freunde und ein paar Familienmitglieder zu unseren Spielen. Heute sehen wir Familien mit Kindern, die nichts mit den Spielern zu tun haben. Für uns ist es eine Chance weiter Vorurteile abzubauen. Das ist möglich, weil jeder in Brasilien den Fußball liebt - auch Schwule.



insgesamt 2 Beiträge
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tobih 25.11.2019
1.
Gut, daß der Homophobie getrotzt wird, schlimm, daß man ihr überhaupt trotzen muß… Eigentlich unbegreiflich, daß in der heutigen Zeit die Sexualität überhaupt noch ein Thema ist, merke: je mehr Religionen Einfluß auf das tägliche Leben und die Gesellschaft haben, desto intoleranter sind diese Gesellschaften, auch schön bei uns zu beobachten...
widower+2 25.11.2019
2. Erschütternd!
Was für Figuren in eigentlich demokratischen Staaten Präsident werden und bleiben können. Einen schwulen Sohn nicht lieben zu können und ihn, falls er schwul wäre, lieber sterben zu sehen, zeugt von einer unglaublichen charakterlichen Verkommenheit. Leider gibt es immer mehr unfassbar empathielose Psychopathen (nicht alle auch homophob), die in hohe und höchste politische Ämter GEWÄHLT werden. Was sagt das über die jeweilige Wählerschaft und deren Charakter aus? Es ist zum Verzweifeln.
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