Homosexualität im Fußball Das Talent, das sich verstecken musste

2. Teil: Angst vor jedem neuen Tag


Das Versteckspiel begann. Er durfte sich nichts anmerken lassen, wenn er die kumpelhaften Umarmungen während des Torjubels oder die Partnerübungen im Training genoss. Es entstand keine erotische Anziehung, so weit war Marcus noch nicht, er sehnte sich nach gewöhnlichen Berührungen, die ihm fehlten. Er kannte keine Zärtlichkeit. Die Spieler kamen sich im Sportleralltag oft nahe, sie gaben sich aufmunternde Klapse auf den Hintern, aber an Homosexualität dachte niemand. Fast niemand.

Unter der Dusche konnte Marcus die Körper seiner Trainer begutachten, er starrte nie, er schaute beiläufig. Er fand das falsch und richtig zugleich und manchmal einfach nur schön. Er fühlte sich zu ihnen hingezogen, aber er war weit davon entfernt, sich das einzugestehen. An jedem Abend, an dem er unentdeckt einschlafen konnte, feierte er innerlich – bis ihn die Angst vor dem nächsten Tag erfasste.

Marcus legte sich eine unsichtbare Maske zu, hinter der ihn niemand enttarnen konnte. Auf dem Spielfeld wurde er ruppiger, aggressiver, aufbrausender. Wenn jemand einen Schwulenwitz erzählte, lachte er mit. Er schubste seine Gegner, beleidigte sie, nannte sie sogar "schwule Sau". Als Prolet konnte kein Verdacht auf ihn fallen, redete er sich ein. So verstrickte er sich in einem absurden Denkmuster, schwärmte von schönen Frauen, um nicht als verrückt durchzugehen.

Einmal brach es aus ihm heraus. In der Straßenbahn, auf dem Weg zum Training, sagte er seinem Mitspieler Simon Steiner* den Satz, der seine Gedanken immer wieder überfallen hatte: "Ich bin schwul!" Simon lachte, er nahm das Gesagte nicht ernst, nicht mal für eine Sekunde: "Ja, ja, guter Witz." Marcus hatte es versucht, er hatte all seinen Mut zusammengenommen. Vielleicht wäre es in der KJS ja doch erlaubt gewesen, schwul zu sein. Eine ernsthafte Antwort erhielt er nicht, und so blieb er mit seinen Gedanken allein. Der Fußballer spielte weiter, als wäre nichts passiert, der Mensch blieb zurück.

Pelé war mit siebzehn zum ersten Mal Weltmeister gewesen, Marcus wusste mit siebzehn nicht, wo ihm der Kopf stand. Der Ball war zu einer Anekdote verkümmert. Herr Schmidt*, einer seiner Trainer, wunderte sich, er sagte zu Marcus: "Hier gibt es so viele Spieler, die hart arbeiten, du hast das Talent und was machst du draus?" Die Clubleitung überlegte sogar, Marcus eine psychologische Betreuung zu ermöglichen. Sie wollten eines ihrer größten und wichtigsten Talente aufbauen. Marcus wollte, aber er konnte nicht, er war ein oft lustloser, weil trauriger Mensch.

Jede Betonung, jeder Augenaufschlag, jeder Händedruck hätte ihn als Homosexuellen bloßstellen können, er aber wollte Profifußballer werden. Das hätte sich widersprochen, ausgeschlossen und seine Chancen auf Ruhm zunichtegemacht. Glaubte er zumindest. Diese Haltung verfolgte ihn wie ein Schatten. Einmal sagte ein Trainer vor der gesamten Mannschaft: "Ihr könnt ruhig Mädchen mit aufs Zimmer nehmen, das ist kein Problem. Alles andere würde mich enttäuschen." Marcus wurde panisch, er fürchtete, sein Kartenhaus wäre eingebrochen. Glaubte sein Trainer, dass er schwul sei, obwohl er nicht mal selbst daran glauben wollte?

Die KJS blieb auch nach der Wende bestehen, er war glücklich, denn er konnte Gedanken an Homosexualität mit Torschusstraining und Schulstress umgehend unterdrücken. Er hatte sein Abitur ohne Mühe erhalten, mit Notendurchschnitt 1,5. Nun feierte er bald seinen zwanzigsten Geburtstag.

Die erste Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt hatte sich nach der Auflösung der Oberliga für die zweite Bundesliga qualifiziert. Die war sein Ziel. Mindestens. Aber hatte er noch die Kraft? Hatte er Lust und Motivation?

Trainer Ralf Scherer* glaubte an Marcus. Als der Trainer im August 1990 von einem Journalisten einer Lokalzeitung nach den aussichtsreichsten Kandidaten für den Sprung ins Profiteam gefragt wurde, nannte er auch seinen Namen. Marcus stand auf dem Sprung in die zweite Liga. Er hatte so viele Jahre dafür gekämpft, nun war sein Ziel endlich in Sichtweite, aus dem Talent sollte endlich ein gestandener Profi werden.



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Seite 1
DJ2002dede, 11.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
tomandcherry, 12.12.2006
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
jochem 12.12.2006
3.
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
roadrunner1962 12.12.2006
4. Geht doch...
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
Knütterer, 12.12.2006
5.
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
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