Homosexualität im Fußball Das Talent, das sich verstecken musste

3. Teil: Allein unter Machos


Die älteren Mitspieler stachelten sich mit Geschichten gegenseitig an. Sie wollten den Jüngeren zeigen, wo diese in der Hierarchie stehen: ganz unten. Marcus war schockiert. Was würden sie mit ihm machen, wenn seine Neigung auffliegen würde? Wie würden sie reagieren, wenn herauskommen würde, dass er Männer attraktiver fand als Frauen? Er war noch immer ein schmächtiger Junge, unauffällig, nicht schwerer als siebzig Kilo, schweigsam. Er dachte, dieses Machoheer würde ihn demütigen, verletzen.

Im Frühjahr 1991 bestritt Marcus mit seiner Erfurter Mannschaft ein Spiel beim FC Sachsen Leipzig. Er war noch immer ein Künstler auf dem Rasen, aber er spielte zunehmend lustlos. Er trabte behäbig. Im Mittelfeld prallte er mit einem Gegenspieler zusammen. Marcus stürzte zu Boden, krümmte sich, musste ausgewechselt werden. Die spätere Diagnose: Knorpelschaden im rechten Knöchel. Marcus musste sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er kein Profi mehr wird.

Die Verletzung machte ihm zu schaffen, die Erinnerungen an seine Kindheit hingen wie ein schwerer Anker an ihm, die Homosexualität machte ihn zum einsamsten Menschen und auch die gravierenden Veränderungen, die das neue Gesellschaftssystem nach der Wende mit sich brachte, lasteten auf ihm.

Spieler seines Alters, die er aus dem Internat kannte, wie Thomas Linke, oder gegen die er in Jena oder Leipzig gespielt hatte, wie Bernd Schneider, Robert Enke oder Frank Rost, sollten den Aufstieg in die Bundesliga schaffen und beeindruckende Karrieren machen. Marcus jedoch blieb zurück, obwohl er sich in den achtziger Jahren als Teenager mit ihnen auf Augenhöhe bewegte. Er hatte nicht die Kraft, alles auszublenden, was nicht mit Fußball zu tun hatte.


*Namen vom Autor geändert



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Seite 1
DJ2002dede, 11.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
tomandcherry, 12.12.2006
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
jochem 12.12.2006
3.
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
roadrunner1962 12.12.2006
4. Geht doch...
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
Knütterer, 12.12.2006
5.
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
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