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Fotostrecke: Der feige Mordversuch an Daniel Nivel

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Hooligan-Angriff auf Polizist Nivel "Das Leben dieses Mannes wurde zerschmettert"

Die Bilder schockierten die Welt: 1998 verletzten deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel bei einem feigen Überfall schwer. Über ein Jahr fahndete die Polizei nach dem Haupttäter - bis ein anonymer Zeuge den entscheidenden Hinweis gab.
Von Tibor Meingast

Am 30. April 1999 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Essen. Saal 101 im zweiten von fünf Stockwerken ist der größte Verhandlungsraum, annähernd so groß wie der Strafraum auf einem Fußballplatz. Acht Meter hoch, mit hellbrauner Holzvertäfelung, rechts eine Front mit fünf hohen Fenstern. Sieben Sessel stehen an der Seite hinter dem Richtertisch, ähnlich viele sind es an der Fensterseite für die Anklagevertretung, mehr als doppelt so viele links für Angeklagte und Anwälte.

"Sie handelten aus Lust an einer körperlichen Misshandlung", wirft Staatsanwalt Joachim Lichtinghagen dem Quartett auf der Anklagebank vor. "Sie fügten ihrem Opfer ohne jeden Anlass schwerste Verletzungen zu, die in der Vernichtung eines menschlichen Lebens enden sollten." Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Mordversuch, schwere Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch.

Tobias R. und Frank R. gestehen sofort teilweise ihren Tatbeitrag, sie und Christopher R. entschuldigen sich bei dem Opfer. Frank R. gibt zu Protokoll, er sei "wie elektrisiert" gewesen. Er habe zugetreten "wie gegen einen Fußball". Allerdings gehen die Geständnisse nicht sehr weit; die Angeklagten geben nur wenig zu. Anders als in ersten Aussagen gegenüber der Polizei belastet niemand einen Mitangeklagten, auch Daniel F., gegen den später in Bochum verhandelt wird, trägt als Zeuge nichts zur Wahrheitsfindung bei. Er verweigert die Aussage.

Nivel für immer ein Pflegefall

"Ich vertrete einen Mann und eine Familie, deren Leben in einigen Minuten völlig zerschmettert wurde", sagt Antoine Vaast, der französische Anwalt des Opfers. Nivels Frau Laurette schildert dem Gericht am 15. Juni 1999 die schwerwiegenden Folgen der brutalen Attacken, während der französische Gendarm selbst das Geschehen emotionslos verfolgt, seine Psyche und Physis sichtbar angeschlagen: "Man hat ihm das Wichtigste im Leben genommen - die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren." Die Ehefrau bestätigt den Rechtsanwalt: "An jenem 21. Juni ist unser Leben zerstört worden."

Daniel Nivel kann sich nur mühsam und langsam bewegen, kaum sprechen und seine Umwelt nur noch bruchstückhaft wahrnehmen. Seine Sehfähigkeit auf dem linken Auge ist stark beeinträchtigt, auf dem rechten ist er blind. Nivels Frau berichtet, ihr Mann könne keinen Sport treiben und nicht mehr Auto fahren. "Alles, was er gern tat, kann er nicht mehr tun - lesen, schreiben, zeichnen. Er hat gern gebastelt, heute kann er nicht einmal mehr ein Werkzeug halten." Er bleibt für sein ganzes Leben auf Pflege angewiesen und verliert auch seine Wohnung in der Polizeikaserne in Arras. Die Behörden machen da selbst für ihn keine Ausnahme: Weil er aus dem Polizeidienst ausscheiden muss, steht ihm keine Dienstwohnung mehr zu.

Der Prozess schleppt sich mühsam voran, viele Zeugen erweisen sich als unpräzise. Die Medien berichten regelmäßig, ausführlich vor allem die Zeitungen und Zeitschriften, ob nun "Spiegel" oder "Reviersport", "Faz", "Waz" oder "Ruhrnachrichten". Redakteure rufen immer wieder mal beim Burkard Mathiak, einem Mitarbeiter des Fanprojektes an, das sich um die Schalker Anhänger kümmert. Mathiak wird seit Sommer 1998 häufig in dem Zusammenhang zitiert, mit Einschätzungen oder Hintergrundinformationen. Es ist kein Zufall, dass er so ein begehrter Gesprächspartner ist. Mathiak spricht Deutsch in ganzen Sätzen, formuliert verständlich und redet nicht drum herum.

Dennoch verdächtigt ihn niemand, der entscheidende Belastungszeuge zu sein. Zur konkreten Tat äußert er sich ja nie. Er ist aber über das Geschehen im Landgericht Essen gut informiert. Zum einen kommen in den Fantreff in der Glückaufkampfbahn auch Jugendliche, die dort waren und über den Gerichtsprozess berichten; da schnappt er in seinem Büro einiges auf. Zum anderen liest der Sozialarbeiter jeden Bericht, den er kriegen kann. Durch die früheren Vorlesungen im Rahmen seiner Berufsausbildung ist er in juristischen Fragen nicht ganz unbeleckt. So macht er sich "ab einem gewissen Zeitpunkt Gedanken", und es wird für ihn "absehbar", dass seine Anonymität nicht ewig währen wird.

Ohne Zeuge keine Verurteilung - der Prozess gegen den Haupttäter droht zu scheitern.

Ursprünglich soll das Urteil am 2. September 1999 gefällt werden, doch dieser Zeitplan ist nicht einzuhalten. Richter Rudolf Esders versucht, von der Polizei zu erfahren, wer der ihm unbekannte Zeuge ist. Doch sowohl der Polizeipräsident in Hannover, wo die Sonderkommission angesiedelt ist, als auch der in Gelsenkirchen weigern sich, die Vertraulichkeit aufzuheben, und untersagen ihren Beamten, Mathiaks Identität preiszugeben. Auch die entsprechenden Ersuche des Essener Landgerichts an die Innenministerien von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen scheitern.

Im Gericht kündigt Richter Esders an, dass er nun selbst nach dem Unbekannten suchen will. Dass sich auch Burkhard Mathiak unter den mehr als hundert Beobachtern im hinteren Teil des riesigen Sitzungssaals befindet, weiß der Jurist natürlich nicht. Aber eines steht für ihn fest: Die Aussage dieses Zeugen ist für eine Verurteilung absolut unerlässlich. Und da dem Richter niemand hilft, ihn zu finden, beginnt er selbst mit seiner Ermittlung.

Als das Gericht die Polizisten vernimmt, geben sie die Identität des verdeckten Zeugen nicht preis - "zu Recht", wie Richter Esders bestätigt. "Sie mussten schließlich das Dienstgeheimnis wahren." Das Gericht weiß aus den Akten, dass es einen solchen Beobachter gibt, und was er ausgesagt hat. Das jedoch genügt der Strafkammer nicht, denn schließlich ist für eine Verurteilung der "volle Beweis" nötig. Esders: "Wir hatten strenge Anforderungen in die richterliche Überzeugung." Eine Verurteilung des Hauptverdächtigen André B. kommt nur in Betracht, wenn sich die Kammer wirklich sicher ist.

Entweder den Zeugen finden oder den Hauptverdächtigen freisprechen

Im August stellt der Verteidiger von B., Rechtsanwalt Wolfgang Weckmüller, im Gerichtssaal noch die Behauptung in den Raum: "Bis heute gibt es keinen konkreten Beweis dafür, dass es sich bei der Person, die sich über Nivel beugt, um Herrn B. handelt." Denn niemand sieht sich in der Lage, B. als den Mann zu identifizieren, der dem französischen Polizisten die schlimmsten Verletzungen zugefügt hat. Auf dem entscheidenden Foto nur von hinten zu sehen, vom Kopf nur ein Ohr und ein paar Haare, kein Gesicht - das macht eine Zuordnung zu B. sehr schwer möglich. Und auch sonst erhält Esders keine Hilfe: "Die übrigen Angeklagten wussten ja auch, dass es B. war, aber keiner hat es gesagt."

Deshalb müssen Richter und Schöffen einfach mehr über die Aussage wissen, die den Hauptangeklagten entscheidend belastet. Doch schon auf die Frage an die Polizisten, warum sie nicht wenigstens das Notwendigste über den Belastungszeugen sagen können, antworten sie: "Das ist nicht möglich, sonst würden wir schon zu viel über ihn verraten." Auch eine audio-visuelle Vernehmung Mathiaks kommt nicht in Betracht. Dann wäre er zwar (beispielsweise hinter einem Sichtschutz) nicht zu sehen, doch schon die Antwort auf die Frage, wie er zu seinen Erkenntnissen gelangt sei, hätte sofort zu seiner Person geführt.

Eine schwierige Situation. B. selbst verweigert jede Aussage, das Gericht glaubt aber, dass er das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen hat. In einem Zwischenfazit hat die Strafkammer die Überzeugung gewonnen, dass nur mit Mathiaks Aussage eine Verurteilung möglich wäre. "Uns war klar, wir mussten diesen Zeugen kennenlernen", sagt Esders im Rückblick. "Entweder wir suchen den Zeugen oder wir sprechen B. frei." Zumindest was den schwersten Anklagepunkt betrifft: den Mordversuch. Eine Perspektive, die niemandem behagt, denn die ganze Welt blickt auf den Prozess - und dann womöglich ein Urteil aus Mangel an Beweisen. Esders: "Stellen Sie sich vor, wir sprechen diesen hoch verdächtigen Angeklagten frei!"

Wenn Richter recherchieren: Trotz intensiver Geheimhaltungsversuche steht lang anonym gebliebene Zeuge kurz vor der Enttarnung

Das Gericht hat sich in den Wochen vorher schon vergeblich um den unsichtbaren Zeugen bemüht. Verdeckte Aussagen sind auch für Richter Esders "etwas ganz Normales. In Drogensachen kommt das ständig vor." Wie in solchen Fällen auch haben sich die Essener Richter zunächst bei den zuständigen Polizeipräsidien um eine uneingeschränkte Aussagegenehmigung für die Polizisten bemüht - hier allerdings ohne Erfolg. Was für Rudolf Esders nicht ganz nachvollziehbar ist: "Es handelte sich ja nicht um professionelle Kriminalität, sondern um eine Tat, die aus der Gruppendynamik entstanden war."

Auch der spätere Versuch, von den Innenministerien eine Aufhebung der Anonymität von Mathiak zu erreichen, scheitert. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich, denn aus der Sicht der Polizei ist ein derartiger Schutz von Informanten unerlässlich, um auch in Zukunft auf die Hilfe solcher Quellen zählen zu können. Würde sich herumsprechen, dass die Zusage der Vertraulichkeit der Aussage vor Gericht nicht standhält, würden sich kaum mehr Menschen finden, die in solchen ohnehin heiklen Situationen die Arbeit der Polizei unterstützen.

Deshalb wird auch das Landgericht Essen 1999 bei der Suche nach dem anonymen Beobachter ganz konsequent "von Polizei und Staatsanwaltschaft im Stich gelassen" (Esders). Also ermittelt die Strafkammer selbst, lädt verschiedene Zeugen, die den Weg zu dem Unbekannten ebnen sollen.

Die Polizeibeamten aus Hannover überrascht diese Entscheidung, sie halten das Vorgehen des Gerichts für übertrieben. "Warum der Richter das gemacht hat, weiß keiner so genau", sagt Hauptkommissar Hans-Hermann Tilmans. Es gehe Esders wahrscheinlich darum, sein Urteil besonders revisionssicher zu machen

Nach Ansicht der Polizei ist das aber auch möglich, ohne die Identität des von ihr geschützten Zeugen aufzudecken. Bei den Akten befinden sich inzwischen - so erinnert sich der Leiter der Ermittlungen - weitere Fotos, "wo man B. ganz deutlich mit dem Gegenstand in der Hand sieht". Vielleicht spielt in diese Wertung mit hinein, dass die Polizei in der Sache natürlich eine andere Absicht als das Gericht hat, in diesem Fall eben, Mathiaks Anonymität zu wahren. Es erschwert ihre Arbeit, wenn die Identität von Zeugen aufgedeckt wird, denen sie Diskretion versprochen hatte.

"Jeder wusste, er ist es gewesen"

Zustimmung findet die Ansicht der Schwurgerichtskammer dagegen beim deutschen Anwalt des Nebenklägers Nivel, dem Essener Harald Wostry. "Der Zeuge Mathiak war für die Verurteilung von entscheidender Bedeutung", urteilt Wostry. "Zu diesem Zeitpunkt bestanden noch große Zweifel, ob B. mit dem Gewehraufsatz zugeschlagen hat." Die Fotos hätten ihn nur von hinten gezeigt, die für die Bestrafung wegen Mordversuchs elementaren Schläge mit dem Gewehraufsatz - "genau dieser Tatbeitrag" - sei B. nicht zuzuordnen gewesen. Wostry empfindet die Situation als geradezu grotesk: "Jeder wusste, er ist es gewesen, aber der Beweis war nicht erbracht." Ohne die Aussage Mathiaks, glaubt Rechtsanwalt Wostry, "wäre eine Verurteilung von B. wegen versuchten Mordes in der Revision aufgehoben worden".

Es ist auf jeden Fall ein schwieriges Spannungsfeld. Der Gelsenkirchener Hauptkommissar Ralf Theile gibt Einblick in das aufgeregte Klima, in dem das Verfahren damals stattfindet: "Es herrschte bald ein gewaltiger, auch politischer Druck."

Richter Esders befragt auf der Suche nach dem Unbekannten mehrere Zeugen und wertet Zeitungsartikel und Aufsätze in wissenschaftlichen Publikationen aus. Teilweise vernimmt er auch Autoren solcher Aufsätze. Dabei kommt er zu der Vermutung, dass einer der drei bei Schalke 04 angestellten Fanbetreuer der Gesuchte sein könnte. Die hatten schließlich außer den Hooligans der Gelsenszene, die nichts Verwertbares aussagen, den engsten Kontakt zu B. Sie kennen ihn teilweise schon jahrelang - besser als alle Ermittler.

Der Richter lässt es auf einen Versuch ankommen. Er lädt alle drei Mitarbeiter des Schalker Fanprojekts für den 1. Oktober als Zeugen vor das Landgericht. Er hat ja nichts zu verlieren. Mehr als die Falschen können es nicht sein - und die Strafkammer hat im Laufe des nun bereits fünf Monate andauernden Prozesses schon viele unergiebige Zeugen gehört.

Lesen Sie im nächsten Teil: Aussagen oder nicht - die Gewissensnöte des Kronzeugen Burkhard Matiak.