Fotostrecke

Fotostrecke: Der feige Mordversuch an Daniel Nivel

Foto: DPA

Hooligan-Angriff auf Polizist Nivel "Sie haben sich verhalten wie Monster"

Schutz vor Hooligans: Nach seiner Aussage gegen die Schläger von Lens erhält der Hauptzeuge Burkhard Mathiak Mordankündigungen aus der Szene. Es dauert Jahre, bis er sich nicht mehr bedroht fühlt. Aber nur dank ihm konnte das Gericht die Strafen gegen die Nivel-Schläger aussprechen. 
Von Tibor Meingast

Lesen Sie im ersten Teil, wie das Landgericht Essen mit allen Mitteln versucht, den unsichtbaren Zeugen ausfindig zu machen; im zweiten Teil, wie Burkhard Mathiaks Auftritt vor Gericht vorbereitet wird; und im dritten Teil, wie seine Aussage die Wende im Nivel-Prozess bringt.

Es ist "eine belastende Phase meines Lebens", sagt Burkhard Mathiak. Das ist eine euphemistische Formulierung: Es geht ihm richtig schlecht. Angst und Zukunftssorgen nagen an ihm, denn er ist zunächst ständig mit der Gefährdung konfrontiert. Reinhard Knapp, der für den Zeugenschutz zuständige Beamte aus Hannover, lässt "an seinem Wohnort über die dortige Polizei Schutzmaßnahmen fahren". Er erteilt den "Auftrag, regelmäßig in unregelmäßigen Abständen die Wohnung anzufahren".

Zunächst hat Mathiak fast täglich Besuch von uniformierten Polizisten, die auch mal auf einen Kaffee ins Haus kommen. Denn noch wissen auch die Behörden nicht, auf was sie sich genau einzustellen haben. Knapp und sein Kollege ermitteln in diesen Wochen weiter, suchen Fantreffs auf und hören sich um. In der "Hochphase" der Bedrohung unterbreiten sie dem Zeugen unangenehme Neuigkeiten.

Mathiak erinnert sich: "Auf zwei Partys wurden ganz konkrete Morddrohungen geäußert." Die Hooligans fragen sich, wie sie an ihn herankommen, wann und wo sie zuschlagen können. "Das habe ich nicht gern gehört", sagt der Kronzeuge heute, wieder bagatellisierend. Es wird in diesen Wochen auch das Auto von einem seiner beiden Kollegen im Gelsenkirchener Fanprojekt angezündet. Die Täter werden nie ermittelt; vermutlich aber handelt es sich um einen Racheakt im Zusammenhang mit dem Prozess, möglicherweise wurde auch der Wagen mit dem Mathiaks verwechselt.

Einmal gerät sogar das potentielle Anschlagsopfer selbst in den Fokus der Fahnder. "Ich bin von der Polizei auf dem Heimweg angehalten worden", berichtet Mathiak. Sein Wagen ist in der Werkstatt, und er ist in einem geliehenen Auto mit dem Kennzeichen "GE" für Gelsenkirchen unterwegs. Die Beamten haben Verdacht geschöpft und eingegriffen, eine weitere Kontrolle aber ist natürlich nach Blick in den Personalausweis nicht mehr notwendig.

Maßnahmen für Mathiak werden erst nach vier, fünf Jahren eingestellt

Mehr als ein halbes Jahr dauert die intensive Betreuung, die Beamten geben immer wieder ihre Einschätzung der Lage und halten die Augen offen. "So oft Polizei in dem kleinen Dorf, das ist schon was Besonderes" für die Menschen dort, sagt Mathiak. Das Haus in Kürten ist abgelegen und nur über eine kurvige Straße zu erreichen. So sieht und hört man jedes Auto früh, und besonders in den vielen dunklen Stunden in Herbst und Winter schrecken die Bewohner jedes Mal sorgenvoll auf.

Bis die Polizei endgültig zum Ergebnis kommt, "dass die Hooligans nicht an ihm, sondern nur aneinander interessiert sind", so der zuständige Hauptkommissar Reinhard Knapp, wird noch viel Zeit vergehen. Lange begleiten die Beamten den Zeugen, später reduzieren sie die Kontakte, und dann telefonieren sie nur noch gelegentlich. Die Maßnahmen wird Reinhard Knapp aber erst "2003 oder 2004" ganz einstellen.

Hundertprozentige Klarheit über die persönlichen Schuldanteile aller am 21. Juni 1998 in Lens Beteiligten kann das Gericht indes nicht schaffen, trotz Mathiaks Aussage. Einiges bleibt offen, nicht zuletzt, wer der Mann ist, der Daniel Nivel als Erster zu Boden geschlagen hat. In den Plädoyers spricht der Staatsanwalt von "besonderer Gefühlskälte" und "unglaublicher Brutalität".

Ihr Urteil in diesem Prozess fällt die II. Große Strafkammer des Landgerichts Essen mehr als 500 Tage nach dem Verbrechen am 9. November 1999, dem 32. Sitzungstag. "Die Angeklagte sind keine Monster, aber sie haben sich verhalten wie Monster", sagt der Vorsitzende Richter Rudolf Esders in seiner Urteilsbegründung.

André B. wird wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts hat er mit dem Gasgranatenaufsatz von Daniel Nivels Gewehr mindestens einmal mit solcher Wucht auf den Kopf des französischen Gendarmen eingeschlagen, dass dessen Schädelknochen brach. Tobias E. erhält eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, Frank A. eine von fünf und Christopher H. eine von dreieinhalb Jahren wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.