Hooligan-Attacken Dritte Halbzeit im Abseits

HSV-Hooligans überfallen aus Freiburg kommende St. Pauli-Fans, Kölner Chaoten verletzen Unbeteiligte schwer, Nürnberger Randalierer verwüsten eine Autobahnraststätte. Gewalt von Hooligans findet längst abseits der Stadien statt, die Täter setzen auf den Überraschungseffekt.

Aggressive Fans: Schauplätze der Gewalt zunehmend außerhalb des Stadions
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Aggressive Fans: Schauplätze der Gewalt zunehmend außerhalb des Stadions

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"Los" - ein Wort, das große Wirkung entfaltete. Am Samstagabend griffen HSV-Hooligans St. Pauli-Fans am Bahnhof Altona an, die vom Auswärtsspiel ihres Teams aus Freiburg zurückkamen. Die rund 15 teilweise vermummten Täter gingen dabei laut Augenzeugen konzertiert und mit äußerster Brutalität vor - auch gegen Frauen und Kinder. Die Tat, die von allen Seiten scharf verurteilt wurde, und für die sich der HSV am Montag entschuldigte, bestätigt den gegenwärtigen Trend in Sachen Fußballgewalt. Diese findet nicht mehr rund um die Stadien statt, sondern abseits.

Es war der vierte Übergriff auf Anhänger des FC St. Pauli innerhalb der vergangenen zehn Monate. Im Oktober 2009 stürmten vermutlich Rostocker Anhänger das wöchentliche Treffen der Fangruppe Ultra St. Pauli (USP) in deren Räumlichkeiten im Hamburger Karolinenviertel. Die teilweise vermummten Angreifer attackierten mit Steinen und Flaschen. Der Angriff war ebenso kurz wie heftig. Obwohl die Polizei kurze Zeit später mit 20 Einsatzwagen am Tatort war, konnten die Randalierer flüchten.

Vor wenigen Wochen griffen erneut Rostocker eine Freizeitveranstaltung zweier St. Pauli-Fanclubs an. Die rund 50 teilweise vermummten Hooligans rannten mit Knüppeln bewaffnet auf einen Sportplatz, auf dem die Fans von St. Pauli ein Freundschaftsspiel ausrichten wollten. Sie warfen mit bengalischen Feuern, Tischen und Stühlen. Außerdem stahlen sie ein Transparent - ein wichtiges Ritual für die von Machogehabe geprägte Ultra-Szene. Ein Angreifer konnte vor Ort von den Besuchern gestellt werden, der Rest entkam.

"Der Trend ist nicht zu leugnen"

Zudem wurden jüngst zwei 13-Jährige St. Pauli-Fans in einer Seitenstraße auf dem Hamburger Kiez von HSV-Fans brutal abgezogen, wie man es in der Szene ausdrückt, wenn man dem Gegner dessen Fanutensilien abnimmt. Am vergangenen Wochenende folgte der nächste Übergriff außerhalb eines Stadions. "Der Trend ist nicht zu leugnen", sagt Dieter Bänisch SPIEGEL ONLINE. Bänisch ist Geschäftsführer vom "Verein Jugend und Sport", dem Träger beider Hamburger Fanprojekte.

Auf einer gemeinsamen Besprechung bezüglich des Hamburger Derbys, das am dritten Septemberwochenende stattfindet, habe er sich mit den beiden Fanvertretern der Hamburger Clubs über diese Häufung von Übergriffen außerhalb der eigentlichen Sportveranstaltungen ausgetauscht, damit die traditionelle Rivalität "nicht in Hass umschlägt". Nach den Angriffen vom Wochenende seien laut Bänisch selbst die erfahrenen Fanprojektler vom Hamburger SV "total platt".

Justus Peltzer, Mitarbeiter im Fanladen St. Paulis, findet die "Dimension des Überfalls erschreckend, weil es völlig normale Leute getroffen hat. "Wir haben uns bereits am Sonntag mit dem HSV-Fanprojekt ausgetauscht", sagt Peltzer SPIEGEL ONLINE. Dort wolle man die Angreifer nach dessen Identifizierung mit Stadionverboten belegen.

"Das Derby findet definitiv am Millerntor statt"

Das große Zittern vor dem Derby hat begonnen, die Hamburger Polizei verbreitet dennoch Gelassenheit. Über einen Umzug vom kleinen Millerntor-Stadion in den großen Volkspark habe man dort ebenso wenig nachgedacht wie über einen Ausschluss der Gästefans. "Solche Maßnahmen würden lediglich in die Karten der Angreifer spielen, das Derby findet definitiv am Millerntor statt", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Man wolle die Erkenntnisse des neuerlichen Überfalls allerdings in die Einsatzplanung mit einfließen lassen. Das heißt im Klartext, dass noch mehr Beamte die brisante Partie bewachen werden.

Obwohl die Polizei sogenannte szenekundige Beamte in die Fangruppen eingeschleust hat, könne man solche Übergriffe nicht verhindern, so der Polizeisprecher. Bänisch sieht Effekthascherei als einen der treibenden Hintergründe für solche Überfälle: "Das ist nicht nur die übliche Ultra-Geschichte", sagt Bänisch. Vielmehr verleite der Aufstieg des FC St. Pauli "diese Schwachköpfe, immer noch einen oben drauf zu setzen." Hinzu käme die nicht vorhandende Polizeipräsenz bei solchen Überfällen abseits von Großveranstaltungen, sagt Bänisch.

Das sieht Sven Brux etwas anders. "Diese Entwicklung ist sicher auch der Radikalisierung übertriebener Ultra-Rivalitäten zuzuschreiben", sagt der ehemalige Fanbeauftragte und heutige Sicherheitschef des FC St. Pauli. Er blickt mit gemischten Gefühlen auf das Derby.

Bei der neuerlichen Verschärfung der Gewalt durch Fußball-Anhänger handelt es sich keineswegs um ein reines Hamburger Phänomen. Immer öfter kam es in der jüngsten Vergangenheit zu Übergriffen fernab der Fußballstadien. Als unrühmlicher Vorreiter gelten die Anhänger der beiden verfeindeten Leipziger Clubs FC Sachsen und 1. FC Lok. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Fans auf offener Straße attackiert und verletzt. Trauriger Höhepunkt war der bewaffnete Überfall 2007 auf eine Weihnachstfeier im Vereinsheim des FC Sachsen.



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a2m 23.08.2010
1. in allen 3 fällen
gibt es keinen sicheren beleg dafür, daß es sich tatsächlich um hooligans gehandelt hat. denn nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan. taten dieser kategorie stammen erfahrungsgemäß eher aus der ultra-szene, die mit hooligans wenig bis gar nichts zu tun hat. zumindest in den dt.sprachigen ländern. bei vielen vereinen haben hooligans und ultras ein schlechtes verhältnis. die durchschnittlich älteren hooligans haben keine hohe meinung von den ultras, deren choreographien, dauergesängen etc. nochmal zum mitschreiben: nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan.
Thyphon 23.08.2010
2. Kein Verständnis...
Zitat von a2mgibt es keinen sicheren beleg dafür, daß es sich tatsächlich um hooligans gehandelt hat. denn nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan. taten dieser kategorie stammen erfahrungsgemäß eher aus der ultra-szene, die mit hooligans wenig bis gar nichts zu tun hat. zumindest in den dt.sprachigen ländern. bei vielen vereinen haben hooligans und ultras ein schlechtes verhältnis. die durchschnittlich älteren hooligans haben keine hohe meinung von den ultras, deren choreographien, dauergesängen etc. nochmal zum mitschreiben: nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan.
Who Cares? Gewalttäter = Gewalttäter = Idioten = gehören weggesperrt Gerade hab ich hier auf SPON den Artikel über die Heimkehrer aus den sibirischen Arbeitslagern gelesen. Vielleicht wäre sowas für diese Ultras/Hooligans/Schwachköpfe die ideale Strafe. Wenn diese Idioten zu viel Testosteron, Energie und Langeweile haben, sollen sie sich doch 1 oder 2 Jahre in einem Arbeitslager bei schwerer körperlicher Arbeit abreagieren. Dabei würden sie mit Sicherheit erkennen, wie schwachsinnig diese Gewaltorgien sind, die sie under dem Dekmantel des Fussbalsports betreiben und den Wert des Lebens und der Gesundheit zu schätzen lernen.
venividivodka 23.08.2010
3. Na, dann ist die Welt ja in Ordnung!
Zitat von a2mgibt es keinen sicheren beleg dafür, daß es sich tatsächlich um hooligans gehandelt hat. denn nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan. taten dieser kategorie stammen erfahrungsgemäß eher aus der ultra-szene, die mit hooligans wenig bis gar nichts zu tun hat. zumindest in den dt.sprachigen ländern. bei vielen vereinen haben hooligans und ultras ein schlechtes verhältnis. die durchschnittlich älteren hooligans haben keine hohe meinung von den ultras, deren choreographien, dauergesängen etc. nochmal zum mitschreiben: nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan.
[QUOTE=a2m;6089559]gibt es keinen sicheren beleg dafür, daß es sich tatsächlich um hooligans gehandelt hat. denn nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan. taten dieser kategorie stammen erfahrungsgemäß eher aus der ultra-szene, die mit hooligans wenig bis gar nichts zu tun hat.QUOTE] Ich bin bewegt. Und erleichtert. Und ich danke a2m für den erhellenden Beitrag. Die guten Dufte-Kumpel-Hooligans sind's also nicht - sondern - und die Unterscheidung ist total wichtig! - die bösen bösen Ultras. Ich behaupte mal: Es sind nicht die Ultras. Sondern die Mega-Super-Duper-Ultras. Nich jeder Ultra ist ein schlimmer Finger - Nein, Gott bewahre! - sondern nur die Mega-Super-Duper-Ultras. Ehrlich. Wirklich. Ganz bestimmt! Sag mal, a2m - sonst ist aber bei Dir alles klar, oder? Nebenbei: Fussballfans - das sind die Typen, die früher ins Colosseum zum Spiel Löwe vs. Christ gingen. Also die Creme de creme der Gesellschaft... Hm. Hab' noch nie gehört, das Hallenhalma-Fans prügelnd, besoffen, randalierend durch die Gegend zogen. Ich höre das immer nur von Fussballfans, Linken Autonomen und Rechten. Deppen halt. Schön, daß Du, lieber a2m da so toll zu differenzieren weißt. (kicher!)
dayo, 23.08.2010
4. die etwas grösseren auch
Zitat von a2mgibt es keinen sicheren beleg dafür, daß es sich tatsächlich um hooligans gehandelt hat. denn nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan. taten dieser kategorie stammen erfahrungsgemäß eher aus der ultra-szene, die mit hooligans wenig bis gar nichts zu tun hat. zumindest in den dt.sprachigen ländern. bei vielen vereinen haben hooligans und ultras ein schlechtes verhältnis. die durchschnittlich älteren hooligans haben keine hohe meinung von den ultras, deren choreographien, dauergesängen etc. nochmal zum mitschreiben: nicht jeder gewalttäter am und um den fußballplatz ist auch tatsächlich ein hooligan.
interessant, prügeln die auch unterschiedlich? wie wäre es, probeweise mal eine bundesligasaison ausfallen zu lassen, um dann zu sehen, ob sich die lieben kleinen nach einem jahr wieder beruhigt haben?
specchio, 23.08.2010
5. Weicher
Kürzlich habe ich einen rumlaufen sehen, der hatte ein schwarzes T-Shirt an mit der Aufschrift "Hooligan". Aber erstens war er alleine und zweitens so durchtrainiert wie ein Kuchenteig. Davon ging also keine Gefahr aus, wäre aber eine Gelegenheit gewesen, falls er ein paar Teenager erschreckt hätte, zum Bildhelden zu werden. Eigentlich wollte ich sagen, dass ich es, bei allem Respekt gegenüber den Opfern, äußerst befremdlich finde, dass sich stets eine breite Anhängerschaft in der "weichen" Bevölkerung findet für jedwede gewalttätige Gruppe. Vielleicht war das alles, was H. wusste.
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