Hooligans "Wir sind keine Verbrecher"

Rund 350 Hooligans haben am Samstag in Berlin gegen die geplanten Reisebeschränkungen für Randalierer während der Euro 2000 im Juni demonstriert. Nach Polizeiangaben kam es dabei zu keinen größeren Zwischenfällen.


Ein Recht auf Randale: Hooligans bei der Demo in Berlin
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Ein Recht auf Randale: Hooligans bei der Demo in Berlin

Berlin - Zum Champions-League Spiel von Hertha BSC bei Sparta Prag wollte er reisen, doch statt im Fußball-Stadion fand sich Dirk bei der Polizei wieder. "Wir haben Meldeauflagen bekommen und konnten dann nicht zu dem Spiel", erzählte der junge Mann erbost. Der Berliner ist bei der Polizei als gewaltbereiter Fußballfan bekannt. Er war einer der 350 so genannten Hooligans, die am Samstag in der Hauptstadt friedlich demonstrierten. Die überwiegend jungen Menschen protestierten gegen Pläne der Bundesregierung, mit einem neuen Passgesetz die Reisefreiheit von Hooligans zur Europameisterschaft in den Niederlanden und Belgien einzuschränken.

Nachdem deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der Weltmeisterschaft 1998 in Lens fast tot prügelten, läuten die Alarmglocken besonders laut: Die Bundesregierung will polizeibekannte Rowdies im Juni/Juli zur EM unter Strafandrohung an der Ausreise hindern. Bislang wurden Verstöße wie beispielsweise gegen Meldeauflagen lediglich als Ordnungswidrigkeit geahndet. Die Szene sieht sich pauschal verurteilt.

Der Bremer Cletus Casady hatte die Demonstration zusammen mit zwei Freunden angemeldet, was in Berlin die Kritiker auf den Plan rief. 70.000 Mark an Steuergeldern soll der Polizei-Einsatz gekostet haben. Casady bezeichnete seine Mitstreiter als "erlebnisorientierte Fußballfans", die nach dem Fußballspiel in der "dritten Halbzeit" den Spaß mit Freunden suchen. Er weiß, dass sie damit eine Minderheit ohne Lobby sind.

Die Szene habe auf das angekündigte Gesetz verunsichert reagiert, sagte Ralf Busch, Sozialpädagoge beim Fan-Projekt-Berlin. "Die Leute sind sich bewusst geworden, welche Strafen ihnen drohen." Doch er bezweifelte, dass sich die Probleme mit härteren Gesetzen lösen lassen: "Das ist eine jugendliche Subkultur, die ihren festen Platz hat." In Deutschland gibt es rund 8000 Hooligans. Etwa 3000 sind namentlich registriert.

Zur Demonstration waren Fußballfans aus dem ganzen Bundesgebiet nach Berlin gereist. Im Vorfeld der Veranstaltung hatten die Berliner Polizei und die Fußballvereine Hertha BSC, 1. FC Union und BFC Dynamo die Teilnehmer zur Gewaltfreiheit aufgerufen. Eigene Ordner schritten sofort bei Rangeleien ein. Die Polizei, die den Zug mit 250 Beamten begleitete, nahm zwei Hooligans fest unter anderem wegen Beleidigung. "Wir sind keine Verbrecher", hallte es durch die Berliner Innenstadt. Nur wenige Schaulustige zeigten Verständnis. "Ich weiß nicht richtig, was die eigentlich wollen", sagte die Berlinerin Claudia Reuter. "Die brauchen doch nur friedlich zu sein."



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