Horror-Fußballspiele "Was für ein Haufen Müll"

Das Weltpokalfinale 1967 war ein brutales Gemetzel und eine Schande für den Fußball. Es gab aber noch andere grausame Spiele, wie das Magazin "11 FREUNDE" dokumentiert. Zu einem der müden Kicks trug Jupp "Häuptling Silberlocke" Derwall entscheidend bei.

Von Johannes Scharnbeck


Frankreich – England 0:0 (EM-Vorrunde 1992)
"Wenn die Zuschauer Unterhaltung wollen, dann sind sie hier falsch", keifte Englands David Platt nach dem Spielende. Das gesamte Stadion hatte die Leistung beider Mannschaften mit einem gellenden Pfeifkonzert und den Rufen "Was für ein Haufen Müll" quittiert. Selbst für neutrale Beobachter waren die mit dem Label "Fußballspiel" versehenen 90 Minuten eine einzige Zumutung. Der selbst ernannte EM-Favorit England schoss auch im zweiten Spiel des Turniers kein Tor, von Frankreichs Zauber war nichts zu sehen. Es gab nur eine einzige Torchance: Der glücklose Gary Lineker stürzte aussichtsreich zum Ende der rund zehnminütigen englischen Auftaktoffensive in den gegnerischen Strafraum, passte zu Alan Shearer, doch der vertändelte den Ball. Welch ein Spitzenspiel.

Buenos Aires – Celtic Glasgow 1:0 (Weltpokal-Finale 1967, Entscheidungsspiel)
Die englische Zeitung "News of the World" schrieb in die Autorenzeile über dem Spielbericht: "Von unserem Fußball-Kriegsberichterstatter aus Montevideo". In der Tat glich das Verhalten der Spieler beim Weltpokalfinale zwischen Racing Buenos Aires und Celtic Glasgow einem Kettensägenmassaker. Vier Schotten und zwei Argentinier wurden vom Platz gestellt, allerdings weigerten sich Carlos Rulli und Bertie Auld zu gehen. Trotz einschlägiger Attacken sah der Schiedsrichter daraufhin von weiteren Platzverweisen ab. Schließlich verletzte ein Zuschauer noch den Celtic-Torwart Ronnie Simpson mit einem Metallgeschoss am Kopf. Diese Partie gab für die folgenden Vergleiche zwischen Südamerika und Europa die Marschrichtung vor: Für mehr als ein Jahrzehnt hatte der Weltpokal das Image eines Amoklaufs. "News of the World" forderte daher vollkommen zurecht: "Schafft dieses interkontinentale Gemetzel ab oder bewaffnet die Spieler, gebt ihnen Gewehre und legalisiert das Kriegführen im Sport."

Leverkusen – Hertha-Amateure 1:0 (DFB-Pokal-Finale 1993)
Ein einmaliges Ereignis in der Fußballgeschichte: 76.391 Zuschauer bejubelten ein Spiel, das viel schlechter nicht hätte sein können. Der Masse war's egal, denn fast alle hofften auf einen Sensationstriumph der Hertha-Bubis um die mitreißenden Carsten Ramelow und Christian Fiedler. Die Berliner Amateure zerstörten das Spiel der Werkself mit unglaublich brachialer Vehemenz und die Leverkusener hatten so große Angst vor einer Blamage, dass sie erst in der 77. Minute einen Abpraller des Hertha-Torwarts zum 1:0 nutzen. Schmerzhafter als das Spiel war nur der Discosong der Amateure: "Schuss, Tor, Hurra – wir holen den Pokal." Manchmal ist man froh, dass es keine Überraschungssiege gibt.

Bundestrainer Derwall: Keine Linie, keine Tore
DPA

Bundestrainer Derwall: Keine Linie, keine Tore

Deutschland – Portugal 0:0 (EM-Vorrunde 1984)
Eigentlich waren die Rollen klar verteilt: Der Titelverteidiger Deutschland traf auf den EM-Neuling Portugal. Doch die Mannschaft von Trainer Jupp Derwall brachte nur wenig Aufregendes zustande. "Rückfall in schlimmste Zeiten", titelte der "Kicker" und es war wirklich nicht der Hauch einer spielerischen Linie zu erkennen. Noch dazu traute sich kein einziger Nationalspieler, den Ball über einen längeren Zeitraum über den Platz zu bewegen. Wer den Ball hatte, versuchte ihn schnellstmöglich wieder loszuwerden. Schon in der ersten Halbzeit machten die deutschen Fans ihrem Ärger mit einem wütenden Pfeifkonzert Luft. Als Hauptschuldiger dieser Enttäuschung darf Derwall bezeichnet werden: Er setzte Karl-Heinz Rummenigge als Spielmacher ein, was gründlich misslang, und beorderte den starken Ballverteiler Uli Stielike auf die Liberoposition.

Nantes – FC Bayern 0:1 (CL-Zwischenrunde 2001/2002)
Die Strategie, mit der Bayern München antrat, war ein Beweis für die große taktische Genialität von Trainer Ottmar Hitzfeld. Er gab seinen Jungs allen Ernstes im Jahr 2001 die Marschrichtung vor: Spielt mit langen hohen Bällen auf unsere riesigen, kopfballstarken Stürmer Carsten Jancker und Claudio Pizarro. Schlecht nur, dass Nantes zwei riesige, kopfballstarke Innenverteidiger hatte. So dauerte es unendliche 20 Minuten, bis es zum ersten Eckball kam. Auch sonst wurde der Ball sensationell unmotiviert hin- und hergeschoben. Irgendwie köpfte Paulo Sergio noch das Siegtor. Hitzfeld, der geniale Meistertrainer, strahlte, doch selbst der "Kicker" urteilte messerscharf: "Öde, fad, ohne jeglichen Esprit."



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