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DFB-Trainer Hrubesch Silber an der Angel

Das Finale verloren, dennoch viel für das Ansehen der deutschen Olympiafußballer getan: Horst Hrubesch hat mit seiner Elf für echte Begeisterung gesorgt. Die Spieler loben ihn in höchsten Tönen.

Die Seleção kam tanzend zur Siegerehrung ins Maracanã, die deutschen Spieler trotteten mit hängenden Köpfen hinterher. Niemand lächelte, zu frisch war noch das vor wenigen Minuten mit 5:6 nach Elfmeterschießen verlorene Finale dieses olympischen Fußballturniers.

Einen jedoch gab es, der richtig Spaß zu haben schien. Einige Meter rechts neben dem Holzpodium mimte Horst Hrubesch eine La Ola in Richtung seines Trainer- und Betreuerstabes. Der 65-Jährige, der soeben seine Karriere als Coach beendet hatte, ging auf jeden Einzelnen zu, verteilte Handshakes und innige Umarmungen.

Der große Blonde geht, großartige Erinnerungen bleiben. Erinnerungen an den Mann, der als Spieler nur "Kopfball-Ungeheuer" genannt wurde und der nach großartigen Erfolgen als DFB-Coach zum Abschluss seiner Laufbahn nun "drei traumhafte Wochen" in Brasilien erlebt hat.

Hrubesch hat in kürzester Zeit ein Team geformt

Dabei hatte die Olympiamission keinen guten Start. Daheim gab es wenig Begeisterung für dieses Fußballturnier, an dem der DFB erstmals seit 1988 wieder vertreten war. Klubs verweigerten Spielern die Freigabe, Spieler betonten, dass sie keine Lust auf ein Event hätten, das im Fußball keinen relevanten Stellenwert besitzt. Gerade einmal vier Tage vor dem Auftaktmatch hatte Hrubesch sein Team zusammen. Die erste und einzige gemeinsame Trainingseinheit in Vorbereitung auf das erste Spiel gegen Titelverteidiger Mexiko gab es 24 Stunden vor Anpfiff.

Ein letzter Gruß an die Fans

Ein letzter Gruß an die Fans

Foto: Soeren Stache/ dpa

Doch Hrubesch, dieser ruhige Typ, der am liebsten irgendwo am Ufer sitzt und angelt, sorgte innerhalb von drei Wochen dafür, dass Deutschland während des Endspiels mit seiner Olympia-Mannschaft mitfieberte wie nie zuvor. "Mit Leib und Seele stand er hinter dem Turnier, hätte am liebsten selbst noch einmal auf dem Platz gestanden, Tore geschossen", beschreibt Julian Brandt den Coach.

Hrubesch, so der Offensivspieler von Bayer Leverkusen, sei einfach "ein geiler Mensch, ein sehr spezieller Mensch. Ein Mensch, den man selten treffen wird in der Zukunft". Abwehrkollege Matthias Ginter betonte, dass man auch für den Trainer gespielt habe und Hrubesch "unbedingt einen krönenden Abschluss bescheren" wollte. Und Kapitän Max Meyer umreißt Hrubesch als jemanden, der die Spieler verstehe, der "einfach ein überragender Typ" sei, zu dem man immer gehen könne.

Er könnte der Großvater der Profis sein

Es sagt einiges über Horst Hrubesch aus, wenn Akteure, die mehr als 40 Jahre jünger sind als er, so sehr von ihm schwärmen. Hrubesch könnte der Großvater der Profis sein - und dennoch passte der 65-Jährige mit seiner Art so wunderbar zu diesen "Spielen der Jugend", als die Olympia gilt. "Jeder fühlt sich wohl bei ihm, er ist wie ein Vater. Wir wollten ihm Gold schenken - das hat leider nicht geklappt", sagte Meyer.

DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte sich nach dem Schlusspfiff bei Hrubesch bedankt. "Ich glaube, es war für viele beeindruckend, wie er hier aus dem Nichts ein Team geformt hat, das von Spiel zu Spiel besser geworden ist. Und vor allem ist er jemand, der hohe nicht nur fachliche, sondern auch soziale Kompetenz hat", so Grindel. Er sei sich sicher, dass man "den einen oder anderen Spieler von heute Abend in der A-Nationalmannschaft wiedersehen" werde, betonte der DFB-Chef.

Rio als Hrubeschs Abschiedsstation

Rio als Hrubeschs Abschiedsstation

Foto: Soeren Stache/ dpa

Vielleicht wird eines Tages über diese Olympia-Equipe ähnlich lobend gesprochen wie über Hrubeschs Malmö-Mannschaft von 2009. Jenes Team mit Manuel Neuer, Sami Khedira, Benedikt Höwedes, Mesut Özil, Jérôme Boateng und Mats Hummels, die bei der U21-Europameisterschaft unter Hrubesch in so überzeugender Manier und mit bis dahin kaum gekanntem Spaß- und Kombinationsfußball den Titel holte. Fünf Jahre später gehörte das Sextett zum Stamm beim deutschen WM-Triumph in Brasilien.

Er habe Fußball immer genossen, egal, ob er gewonnen oder verloren habe, sagte Hrubesch. In seinem schwarzen T-Shirt und schwarzer Trainingshose saß er auf der Pressekonferenz, schwärmte vom olympischen Dorf, davon, dass sich dort "Wildfremde" in Mensa, am Pool, beim Volleyball- oder Fußballspielen treffen würden und es einfach Spaß mache. Trotz der tollen Erlebnisse stellte er klar, dass er künftig keine Mannschaft mehr trainieren werde. Aber vielleicht bleibe er dem DFB in anderer Funktion erhalten.

Neben vielen lobenden Worten fand Hrubesch in der Stunde des größten Olympiaerfolges deutscher Fußballer seit 40 Jahren auch kritische Töne. Deutschland habe in der Vergangenheit nicht viele Anstrengungen unternommen, mit einer Fußballmannschaft bei Sommerspielen vertreten zu sein. Es sei jedoch wichtig, dass man künftig bei diesen Turnieren spiele.

Als er die Pressekonferenz verließ, nahm er einen Schluck aus einer Cola-Flasche. Das sollte sich im Verlauf des Abends nach Angaben von Brandt noch ändern. Der 20-Jährige wurde gefragt, ob der Trainer mitfeiere, unter anderem war ein Besuch im Deutschen Haus vorgesehen: "Ich werd' es nicht zulassen, dass er jetzt um Mitternacht ins Bett geht."

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