HSV-Aus gegen Bremen "Das Papier stand doch im Abseits"

Der HSV ist fast 122 Jahre alt, aber so was hat er noch nicht erlebt: Eine Papierkugel auf dem Spielfeld ist mitverantwortlich für das Uefa-Cup-Aus gegen Werder Bremen. Ursprünglich wohl Teil einer Fan-Choreografie, wird sie jetzt Kult - Folgen für die verantwortlichen Anhänger hat das alles nicht.
Von Frieder Schilling

Hamburg - Phrasen gehören zum Fußball wie die Stadionwurst. Eine oft zitierte ist diejenige, die von den berühmten Kleinigkeiten erzählt, die Spiele zwischen gleich starken Teams entscheiden. Auch Donnerstagabend wird sie oft gefallen sein, an Bierständen und in Wohnzimmern - vor der Partie jedoch anders interpretiert als nach Abpfiff.

Denn es war letztlich eine Kleinigkeit, die die Begegnung zwar nicht entschied - aber ihren Teil dazu beitrug, dass der HSV im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Werder Bremen ausschied.

Eine Papierkugel.

Eben noch unschuldig und unbekannt, nun Teil der fast 122-jährigen Vereinshistorie des Hamburger SV.

Etwas mehr als 80 Minuten waren gespielt, als die "Papierkugel Gottes" (Internet-Spott) ins Spiel eingriff. HSV-Verteidiger Michael Gravgaard wollte rund zwei Meter vor der eigenen Torauslinie einen Querpass in Richtung seines Torhüters Frank Rost spielen. Ein Pass, der jedem Drittliga-Akteur im Schlaf gelingt. Doch Sekundenbruchteile, bevor der Däne den Ball spielen wollte, rollte dieser über das unscheinbare Hindernis, stieg leicht in die Luft. Gravgaard, mitten in der Bewegung, traf den Ball unkontrolliert mit dem Schienbein und verursachte eine Ecke .

Unter dem hämischen Jubel der Werder-Anhänger - die, ebenso wie die meisten Stadionbesucher, den Grund der technischen Unzulänglichkeit nicht gesehen hatten - drehte Gravgaard sich genervt um. Warf einen bösen Blick Richtung Corpus Delicti, bedachte es aller Wahrscheinlichkeit nach mit dänischen Schimpfwörtern und kickte die Papierkugel mit der Hacke vom Spielfeld - wo sie wenig später von einem Mitarbeiter einer TV-Anstalt aufgesammelt und für die Nachwelt gerettet wurde.

Ihre eigentliche Bedeutung gewann die Papierkugel jedoch durch den folgenden Eckball. 1:2 stand die Begegnung aus Sicht des HSV, bei einem Unentschieden wären die Hamburger zum Uefa-Cup-Finale nach Istanbul gefahren. Alles war noch drin.

Dann Eckball Diego, Kopfball Almeida, Parade Rost, versuchter Befreiungsschlag Trochowski, Kopfball Baumann, Tor.

Entsetzen.

Es war das erste Gegentor für den HSV nach einer Ecke in der laufenden Saison. Im 49. Pflichtspiel. Wegen einer Papierkugel.

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung war die Kugel ein Teil der stadionweiten Fan-Choreografie vor dem Anpfiff. Geplant wurde diese durch die "Chosen Few", eine Ultrabewegung unter den HSV-Fans. Das bestätigte Thorsten Eikmeier vom HSV-Fanprojekt SPIEGEL ONLINE. "Insgesamt wurden 45.000 Pappen in den Vereinsfarben verteilt", so Eikmeier. Ob die Kugel aus einer dieser Pappen bestand, konnte er nicht sagen.

Auch wenn die Kugel tatsächlich Teil der Choreografie gewesen sein sollte, Folgen wird das für die Fans nicht haben: "Wir weisen unsere Zuschauer grundsätzlich darauf hin, dass sie nichts aufs Spielfeld werfen sollen", sagte HSV-Pressesprecher Jörn Wolf SPIEGEL ONLINE. "Dass bei diesem Spiel dann in der Szene eine Papierkugel auf dem Spielfeld lag, ist ein unglücklicher Umstand gewesen, der aber nicht zur Folge haben wird, dass in Zukunft keine Choreografien in der Arena stattfinden können."

Im Internet hat die Reise der Papierkugel gerade erst begonnen. Ein Video von der Szene auf YouTube kommentieren die Nutzer mit Sprüchen wie: "Das Papier stand doch im Abseits" oder: "Warum hat die Papierkugel eigentlich keine Gelbe Karte bekommen? Ach ne, sie hat ja nur den Ball gespielt."

Auf Ebay wurde die Kugel gleich mehrfach angeboten  - wahlweise mit HSV-Aufkleber oder Werder-Wimpel. Allesamt Fälschungen. Denn das Original war mittlerweile bei Sat.1-Moderator Oliver Welke angekommen, der es Werders Sportdirektor überreichte. "Das nehme ich mit. Die Kugel kommt ins Werder-Museum. Da wird sie einen besonderen Platz erhalten", so Klaus Allofs.

Welkes Sender Sat.1 will die Papierkugel übrigens am 10. Mai um 23 Uhr auf der eigenen Internetseite für einen guten Zweck versteigern - nach dem erneuten Zusammentreffen von Werder und dem HSV (17.30, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in der Bundesliga.

Auch die Domain Papierkugel.de  könnte auf Ebay einen wirklicher Erfolg werden, ist aktuell ein paar Euro wert.

Auch in HSV-Foren wird die Papierkugel bereits diskutiert: "JoernIII" fordert für den Fall, dass die Kugel von einem Bremer geworfen wurde, einen Protest bei der Uefa. Und eine Neuansetzung der Partie.

"Darklord303" prophezeit: "Warte mal ab, wie viel Papierkugeln am Sonntag aus dem Werder-Block geflogen kommen."

Frank Rost wird am Sonntag wieder im Tor des HSV stehen, wenn dieser zum Bundesligaspiel in Bremen antritt und damit den norddeutschen Derby-Wahnsinn der vergangenen Wochen beendet. Und auch dann wird wieder gelten, was er Donnerstagabend sagte: "So ist das eben in solchen Spielen. Die Kleinigkeiten entscheiden."

Mit Material von dpa
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