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HFC Falke: Alles auf Anfang

Foto: Axel Heimken/ dpa

Amateurklub HFC Falke Romantik in der Kreisklasse

Enttäuschte Fans des Hamburger SV haben einen Verein gegründet, der einen Gegenentwurf zum Kommerzfußball der Bundesliga darstellen soll. Nun ist der HFC Falke in seine erste Saison gestartet. Ein Besuch in der Kreisklasse fünf.

Kann man aufhören, Fan zu sein? Kann einem der Fußballverein, den man jahrelang unterstützt hat, für den man nach Freiburg, München und Dortmund gefahren ist, der einem das Wochenende versüßt oder verdorben hat - kann einem dieser Verein plötzlich egal sein?

Tamara Dwenger sagt, sie sehe das wie bei einer Beziehung: "Auch wenn ich jemanden über alles liebe, kann irgendwann der Punkt kommen, an dem es nicht mehr geht."

Dwenger, 29 Jahre alt, dunkle Haare, dunkle Sonnenbrille, sitzt am Samstag am Rand eines Sportplatzes im Nordwesten Hamburgs, Stadtteil Stellingen. Das Stadion des Hamburger SV ist nur zweieinhalb Kilometer entfernt und doch Lichtjahre weit weg.

Dwenger war lange Fan des Klubs, zu Hause und auswärts dabei, engagiert bei den sogenannten Supporters. Als die Mitglieder im vergangenen Jahr die Ausgliederung der Profi-Abteilung beschlossen und den Weg für Investoren freimachten, war für Dwenger der Punkt gekommen, an dem es nicht mehr ging. Trotz der unendlichen Liebe.

HFC-Präsidentin Dwenger: Früher Bundesliga, jetzt Kreisliga

HFC-Präsidentin Dwenger: Früher Bundesliga, jetzt Kreisliga

Foto: Axel Heimken/ dpa

Sie wandte sich ab vom HSV aber nicht vom Fußball. Mit anderen Fans gründete sie einen eigenen Verein, den HFC Falke, und ließ sich zur Präsidentin wählen.

Falke ist ein Gegenentwurf zum Hamburger SV und zum Fußball der Gegenwart an sich, in dem Eintrittskarten und Fanartikel immer teurer werden und viele Fans den Eindruck haben, dass sie keine Fans mehr sind, sondern Kunden.

Die Bundesliga hat Dwenger gegen die Kreisklasse fünf getauscht. Auf dem Sportplatz in Stellingen läuft das erste Saisonspiel, das das erste Ligaspiel überhaupt ist für den HFC Falke, der deshalb ganz unten anfangen muss. Gegner ist die dritte Mannschaft von Grün-Weiß Eimsbüttel. Alles passiert in diesen Tagen zum ersten Mal. Es gab das erste Trainingslager der Vereinsgeschichte, das erste Testspiel, das erste Pflichtspiel, ein 3:0 im Pokal gegen den SV West-Eimsbüttel.

Während Dwenger erzählt, schießt Stürmer Angelo Litrico das 7:0, sein zweites Tor an diesem Mittag. "Der erste Doppelpack der Vereinsgeschichte", sagt Dwenger. Am Ende wird es gegen Grün-Weiß Eimsbüttel 9:0 stehen. Der HFC Falke ist keine Spaßtruppe. Das Ziel ist die Oberliga.

Für die Kreisklasse ist der Verein schon jetzt zu groß, nicht nur sportlich, auch vom Drumherum. 630 Zuschauer sind da. Beim Pokalspiel neulich waren es über 700, beim Einlauf gab es eine Choreografie. Der HFC Falke verkauft eigene Fanartikel. Ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Premierensaison" kostet 15 Euro, ein Trikot 49 Euro. Für 30 Euro gibt es eine Dauerkarte, 120 Stück hat der Verein bisher verkauft. Nach dem Spiel, nach dem Sieg bei der Liga-Premiere, werden die Spieler mit den Zuschauern "Uffta, uffta, tätarä" singen. Ein bisschen wie bei den Profis.

"A special Welcome!"

Neben blauschwarzen Fahnen des HFC Falke ist auf dem Stellinger Sportplatz auch ein rotgelbes Banner zu sehen, ein Banner des FC United of Manchester, dem Vorbild des HFC Falke. Als 2005 ein amerikanischer Investor bei Manchester United einstieg, stiegen ein paar Fans aus. Sie gründeten ihren eigenen Klub, der mittlerweile in der sechsten englischen Liga spielt und ein Stadion mit 4400 Plätzen hat.

Stuart Dykes, Mitbegründer des FC United of Manchester, war bei der Gründungsversammlung des HFC Falke zu Gast, berichtete, wie man das macht: einen Verein aufbauen. Eine Delegation aus Hamburg besuchte ein Spiel in Manchester, für Falkes Liga-Premiere sind fünf Fans aus Manchester zum Sportplatz nach Stellingen gekommen. "A special Welcome!", ruft der, nun ja, Stadionsprecher in sein Mikrofon.

Um die Mannschaft zusammenzustellen, hat Falke eine Art Casting gemacht, ein Sichtungstraining. Spieler aus verschiedenen Amateurligen bewarben sich und spielten vor. Doppeltorschütze Litrico ist der einzige im Team, der aus der Ultra-Szene des Hamburger SV kommt, er war sieben Jahre lang Mitglied der Ultra-Gruppe Chosen Few. Nach der Ausgliederung löste sie sich auf.

Kein Trikotsponsor - Falke will sich nicht abhängig machen

Nach dem 9:0 zum Saisonstart sitzt Litrico auf einer Holzbank am Spielfeldrand und lässt sich ein Bier im Plastikbecher reichen. "Hamburg ist meine Stadt, der HSV ist mein Verein. Das wird immer so bleiben", sagt er, trotz der Ausgliederung. Litrico hat immer noch eine Dauerkarte, geht zu den Heimspielen und war am Ende der vergangenen Saison beim Relegationsrückspiel in Karlsruhe. Der HSV solle eine vernünftige Saison spielen, sagt er, und er wolle das Gleiche mit Falke machen.

Die beiden Klubs schließen sich nicht aus, die Initiatoren des HFC Falke wollen nicht, dass es heißt: Entweder wir oder der HSV. Auf dem Sportplatz in Stellingen sind viele Rauten zu sehen, das Wappen des Hamburger Bundesligisten. Auf T-Shirts, Aufnähern, Ansteckern. Ein Zuschauer trägt ein Trikot, auf dem Rücken die Nummer 23, van der Vaart.

Auf den Trikots des HFC Falke steht hinten der Leitspruch des Klubs: "Dankbar rückwärts, mutig vorwärts". Die Brust ist leer, es gibt keinen Hauptsponsor. Der Verein will sich nicht abhängig machen von einem Geldgeber, aber Präsidentin Dwenger weiß, dass das irgendwann Thema werden könnte: "Wenn uns ein Sponsor unterstützen will, muss die Mitgliedschaft entscheiden."

Tamara Dwenger nennt sich selbst eine Fußball-Romantikerin, aber sie weiß, dass es nicht ohne Geld geht - zumindest nicht, wenn man erfolgreich Fußball spielen will.