HSV-Gegner Aston Villa Angriff auf die großen Vier

Der Hamburger SV trifft im letzten Spiel der Gruppenphase des Uefa-Cups auf den englischen Club Aston Villa. Der hat eine traditionsreiche Geschichte, Erfolge aber liegen weit zurück. Mit einem US-Investor will Villa nun in die Spitzengruppe um Arsenal und ManU vorstoßen.

Von Philip Oltermann


Joe spielt seit Jahren in Clapham Fußball. Joe ist Stammspieler; nicht besonders filigran, aber schnell und robust, ein klasse Ballweggrätscher – ein typisch britischer Spielertyp eben. Lange Zeit arbeitete Joe als Rechercheur für eine lokale Politikerin der Labour-Partei in einem Londoner Vorort, ein scheinbar undankbarer Job: Kurz vor Anpfiff zog Joe meist noch gestresst an seiner selbstgedrehten Zigarette, und nach dem Spiel trank er oft zwei Bier mehr als wir.

Aston Villas Gardner: Tolle Saison in der Premier League
AFP

Aston Villas Gardner: Tolle Saison in der Premier League

Joe ist Aston Villa-Fan, und irgendwie passte das. "The Villa", wie Joe seinen Club aus dem Vorort von Birmingham immer nannte, ist einer der weniger Gründungsmitglieder der "Football League" von 1888, die sich seitdem mehr oder weniger konstant in der ersten englischen Liga halten konnten – ein Liga-Urgestein, ähnlich wie der Uefa-Cup-Gegner aus Hamburg. Und ähnlich wie der HSV hatte Villa seine größten Erfolgsmomente Anfang der Achtziger: In der Saison 1980/1981 gewann Villa zum letzten Mal den englischen Titel, in der folgenden Saison schaffte man es zum Europapokalgewinn der Landesmeister (1:0 im Finale gegen Bayern München) – die Hamburger legten ein Jahr später eine ähnliche Serie hin.

Mit der Hansestadt teilt Villa aber auch einen Hang zum Mittelmaß: Man stieg nie ab, gewann aber auch selten etwas. Die markanten Trikotfarben – purpurrot mit himmelblauen Ärmeln, denen von West Ham United zum Verwechseln ähnlich – symbolisierten für rund 20 Jahre Ligadurchschnitt. Trotzdem herrschte um den Verein eine paradoxe Selbstzufriedenheit: Man hatte schließlich Tradition! Und welches Kind weiß nicht, das Birmingham die zweitgrößte Stadt Englands ist?

Einer der traditionellsten Fangesänge im Villa-Park-Stadion ist eine rührende Ballade über den ehemaligen irischen Villa-Verteidiger Paul McGrath, zur Melodie des amerikanischen Gospelsongs "Kumbaya". Das Lied handelt zum einen von McGraths schwerem Alkoholismus ("Noch eine Runde, my Lord, noch eine Runde"), endet aber in einem Schmähgesang über die gegnerischen Fans ("Shit support, my Lord, shit support"). Diese Mischung aus Arroganz und Galgenhumor war typisch für Villa – und eben für Joe.

Seit ein paar Monaten ist aber alles anders. Joes Chefin wurde überraschend zur stellvertretenden Parteiführerin erhoben, und seitdem erscheint er Sonntags oft im Anzug und steht manchmal das ganze Spiel über neben dem Tor und führt wichtige Gespräche auf seinem Handy.

Auch Villa hat sich plötzlich gewandelt. Der Club aus Birmingham spielt diese Saison wahnsinnig gut: Als erster Verein nach langer Zeit hat Villa eine echte Chance, die Dominanz der "Big Four" – also Arsenal, Chelsea, Liverpool und Manchester United – zu brechen, liegt zurzeit auf Rang vier. Kein Zufall, das David Cameron, der Oppositionsführer der Konservativen Partei, sich vor kurzem als Fan outete.

Das liegt an der Struktur der Vereins: Wie die meisten englischen Erstligavereine gehört Villa zwar einem schwerreichen ausländischen Investor, dem Amerikaner Randy Lerner, allerdings führt dieser den Verein auf verantwortungsvolle Weise: Anders als ManU zum Beispiel sitzt Villa nicht auf einem riesigen Schuldenberg. Unter dem Amerikaner bekam Aston Villa zudem als erster englischer Verein einen nicht-kommerziellen Shirt-Sponsor: Wie in Wolfsburg trägt man neuerdings das Logo einer Wohltätigkeitsorganisation für Kinder auf der Brust.

Am meisten hat Aston Villa Erfolg und Image allerdings seinem Trainer zu verdanken. Der Nordire Martin O'Neill hatte schon als Coach von Celtic Glasgow großen Erfolg, bewarb sich dann für den englischen Nationaltrainerjob, der dann allerdings an Steve McClaren ging – mit den bekannten katastrophalen Folgen (verpasste EM-Qualifikation). 2006 löste er bei Aston Villa seinen Vorgänger David O'Leary ab und profiliert sich seitdem als einer der charismatischsten und klügsten Köpfe der englischen Liga.

Unter O'Neill entwickelten sich Spieler zu Leistungsträgern, die bei den "Big Four"-Clubs meist enttäuschten. Rotschopf Steve Sidwell konnte Michael Ballack seinen Stammplatz im Chelsea-Mittelfeld nie streitig machen – bei Villa bildet er mit Nationalspieler Gareth Barry, Martin Laursen und Nigel Reo-Coker den harten Kern des Teams.

Auch die beiden neuesten Villa-Stars sind Produkte des Systems O'Neill. Stürmer Gabriel Agbolnahor ist eigentlich ein typischer Kick-and-Rush-Spieler: Wahnsinnig schnell und robust, aber scheinbar ohne Fähigkeit zum Gang- und Richtungswechsel – er demonstrierte das zuletzt bei seinem Länderspieldebüt gegen Deutschland, als er erst Simon Rolfes über den Haufen rannte nur um den Ball dann hirnlos ins Seitenaus zu spielen. Für Villa aber glänzt Agbonlahor nicht nur als Torschütze, sondern auch als Vorbereiter.

Uefa Cup
Getty Images
Auf nach Istanbul: Am 20. Mai 2009 wird in der größten türkischen Stadt das Finale des Uefa Cups angepfiffen. Den Sieger ermitteln der ukrainische Club Donezk und Werder Bremen, das sich im Halbfinale gegen den HSV durchgesetzt hat. Titelverteidiger Zenit St. Petersburg war im Achtelfinale ausgeschieden.
O'Neills Lieblingsspieler jedoch ist der gerade einmal 23-jährige offensive Mittelfeldspieler Ashley Young. Als der Verein 2007 eine Rekordablöse von 9,5 Millionen Pfund für das Talent an Watford überwies, runzelte manch ein Fan skeptisch die Stirn – mindestens seit dem vorletztem Wochenende jedoch ist Young sein Geld wert. Es war die 90. Minute des Spiels gegen Everton, Villa führte 2:1, Young hatte das zweite Tor geschossen. Dann, Sekunden vor Abpiff, fiel der Ausgleich für Everton.

Die gegnerischen Fans lagen sich noch in den Armen, als Young sich direkt nach Wiederanpfiff den Ball schnappte, Torschütze Jolyeon Lescott umkurvte und mit einem Flachschuss das 3:2 für Villa erzielte. Martin O'Neill nennt Young seitdem "meinen Lionel Messi". Wer weiß, vielleicht treffen sich die beiden Spieler in der nächsten Saison in der Champions League – Joe würde es zweifellos gefallen.



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Seite 1
Schwabenpower 31.10.2008
1.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Auf jeden Fall mehr Kommerzialisierung. Trotzdem muss der Fan dadurch nicht der leidtragende sein.
sifro 31.10.2008
2.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Wer es live sehen will kann ja in`s Stadion gehen oder Pay-TV. Natürlich mehr Kommerzialisierung, was sonst?
sir 31.10.2008
3. Deutscher Sonderweg
So, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Thommy1979 31.10.2008
4. ree
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Da es auch vorher samstags nicht wirklich Spiele live im free-tv zu sehen gab, whats the difference?
melkor23 31.10.2008
5.
Zitat von sirSo, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Stimmt, denn Premiere wird durch die Zersplitterung des Spieltags unattraktiver. Heute habe ich als Premiere-Kunde samstags von 15:30 Uhr 17:30 Uhr eine mehr oder weniger unterhaltsame Konferenz mit allen Samstagsspielen und habe dann Zeit für was anderes. Nächste Saison muss ich dann nochmal 90 Minuten dranbleiben. Auch der Fußballsonntag wird unendlich in die Länge gezogen. Sorry, Premiere: die Kündigung geht am Wochenende raus.
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