HSV-Krise Der fliehende Holländer

Die Laune ist auf dem Nullpunkt: Nach dem trostlosen Kick in Budapest liegen bei den HSV-Verantwortlichen und den Spielern die Nerven blank. Auslöser ist das Wechseltheater um Rafael van der Vaart. Negativer Höhepunkt der Krise: Kapitän Frank Rost ging auf Mohamed Zidan los.


Poker ist ein Spiel, bei dem man viel riskiert und sich schwer verzocken kann. Sicher ist nur, wer am besten zu bluffen weiß, hat die größten Gewinnchancen. Genau nach diesen Spielregeln verläuft derzeit beim ambitionierten Fußballbundesligisten Hamburger Sport-Verein (HSV) das Gezerre um die Zukunft von Rafael van der Vaart. Geht er nun nach Valencia oder geht er nicht?

"Ich liebe es, für den HSV zu spielen". Das war gestern. "Ich will weg", sagt der niederländische Nationalspieler heute, unbedingt und jetzt. Van der Vaart bleibt, sagen die Verantwortlichen des HSV und geben sich ganz cool: "Rafael wird sich damit abfinden". So cool, dass der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann, Krise hin oder her, buchstäblich auf Mallorca abgetaucht ist und seine Kollegen das bitterböse Spiel ausreizen lassen.

Die tun das nach außen hin mit erstaunlicher Gelassenheit. "Das halten wir durch", sagt Aufsichtsratsvorsitzender Horst Becker nach dem Uefa-Cup-Spiel in Budapest, als seien es nur die Temperaturen über 30 Grad, die ihm noch nachts den Schweiß auf die Stirn treiben: "Noch 16 unruhige Tage". Dann ist es geschafft. "Wir sind ganz ruhig und gelassen", sagt auch Vorstandsfrau Katja Kraus. Wenngleich das nicht für alle gilt. "Mir ist das inzwischen scheißegal", sagt ein anderer aus der Führungsetage, der, natürlich, nicht genannt werden will.

Und HSV-Kapitän van der Vaart lässt Taten statt Worte sprechen. Der saß beim Uefa-Cup-Hinspiel gegen Honved Budapest nur auf der Tribüne, putzmunter aber schwer verletzt. "Verhoben", lautete die Diagnose, beim Spielen mit seinem einjährigen Sohn. "Wenn die Ärzte das sagen", sagt Aufsichtsratsboss Becker und lässt das Satzende in der Luft hängen, der deutsche Fußball ist um eine Kuriosität reicher.

Die PR-Maschine läuft

Natürlich spielt Geld für van der Vaarts Wechsel-Motive keine Rolle, wie auch, wo es doch um Millionen für Spieler und Verein geht. "Rafa" ist Familienmensch, wie das Missgeschick mit Sohn Damian nur zu deutlich beweist. Er will Oma und Opa einen Gefallen tun, die da unten leben, und wer weiß schließlich, wie lange noch. Und nun hat auch Frau Sylvie noch "Angst um mein Kind". Die PR-Maschine läuft.

Van der Vaart, der "kleine Engel" mit der Rückennummer 23, ist Herz und Seele des HSV-Spiels. Wer je daran gezweifelt hat, sah sich durch Hamburgs Angsthasen-Fußball in Budapest bestätigt. Ideenlos, Leidenschaftslos, ohne Selbstvertrauen, Angst fressen Seele auf. Und es zeigte noch eins: Das Spiel der Mannschaftskameraden war eine Abstimmung mit den Füßen. Sie ärgern sich, aber die Mannschaft will ihn, die Mannschaft braucht ihn.

Äußerlich gelassen, intern brodelt es. Vor allem sein Trainer und heimlicher Ziehvater Huub Stevens ist total verärgert. Dass der "einen Hals" hat, wie ein Aufsichtsratsmitglied sagt, kann jeder sehen in den Katakomben des Budapester Stadion. Zornige Blicke, giftige Kommentare, wild gestikulierende Körpersprache. "Rafael spielt auch Sonntag gegen Bayer Leverkusen nicht", beschreibt der Aufsichtsratsmann die Gemütslage des Trainers.

Rost geht auf Zidan los

"Der Verein hat klar gesagt, was läuft", sagt Vize-Kapitän Frank Rost und verlangt, "dass wir uns jetzt als Team präsentieren. Wenn der eine oder andere drei Wochen schmollt, ist das seine Sache". HSV-Star van der Vaart hat es sich buchstäblich verhoben, auch im Verhältnis zu seinen Kollegen. Und wenn Engel fallen, fallen sie tief.

Dabei ist der Poker um die Zukunft des Holländers längst nicht mehr die einzige Baustelle des Clubs. Nachdem Nationalmannschaftskollege und Zimmergenosse Joris Mathijsen trotz der Geburt seines Kindes am Mittwoch gleich ganz in Hamburg blieb, unkten selbst HSV-Repräsentanten über einen drohenden gemeinsamen Wechsel der fliegenden Holländer. Schließlich war da doch mal was. Hatte nicht Valencia vor längerer Zeit schon Interesse an dem niederländischen Abwehrass gezeigt? "Da ist nichts dran", sagt Aufsichtsratsboss Becker, "ganz sicher". Und ganz gelassen. Noch.

Und die Spieler? Lockerheit und mentale Stärke sieht anders aus als das, was die Mannschaft in Budapest präsentierte. Die hatte nur Rost, vor allem nach dem Spiel. "Lauf nicht immer bei der Presse rum, lauf lieber auf dem Platz", polterte der Torwart im Kabinentrakt, als er nach dem Auslaufen den enttäuschenden Stareinkauf Mohammed Zidan im Gespräch mit Journalisten sah. Und als der sich schüchtern zur Wehr setzte, schnauzte Rost noch heftiger: "In Bremen hast Dus nicht geschafft, in Mainz bist Du abgestiegen und hier läufst Du nicht, aber erzählst allen, wie es geht". Rumms, das hatte gesessen, Teamgeist sieht anders aus. Wie ein begossener Pudel hockte Zidan danach abseits der anderen und wartete auf die Abfahrt des Busses.

"Vom Erzählen ist noch niemand Meister geworden", sagt Rost, "Respekt holt man sich durch Tore auf dem Platz. Dann tragen wir ihn auch auf Händen". Aber nur dann, und das weiß jetzt auch Zidan.

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Tomislav, 15.08.2007
1.
Zitat von sysopImmer mehr Stars tricksen sich aus gültigen Verträgen, um zu einem anderen Verein zu wechseln. Sind Sie der Meinung, dass die Manager wieder verstärkt auf die Einhaltungen der Verträge pochen sollten? Welche Möglichkeiten oder Sanktionen gibt es dafür? Oder gilt bei Ihnen eher das Motto "Reisende soll man nicht aufhalten"?
Reisende sollte man wirklich nicht aufhalten. Jemand der unter "Zwang" für einen Verein spielt, bringt sowieso nicht mehr seine 100%-ige Leistung. Abgesehen davon, wird es doch andersrum auch oft so betrieben. Spieler die man nicht mehr haben will schiebt man ab, mobbt sie raus, etc.
JustusJonas, 15.08.2007
2. Typisch HSV
Seit Netzer nicht mehr beim HSV ist (okay, die Zeiten sind auch insgesamt anders) hat es der HSV nie mehr geschafft, ein Team aufzubauen. Jedesmal, wenn man mal in der oberen Tabellenregion war, wurde sofort den Verlockungen des Geldes nachgegeben und die Spieler waren weg. Ob Kovac, Salihamidzic, Butt, Ujfalusi, van Buyten, Boulahrouz - immer ließ man wichtige Spieler ziehen und damit zerfiel die Mannschaft. Ganz fatal ist das dann, wenn das nicht zu Saisonende, sondern wie jetzt am Beginn passiert. Das Signal ist doch klar, jeder talentiertere Spieler wie Kompany, Trochowski oder Feilhaber wird den Verein verlassen. Dann ist wieder Geld in der Kasse, aber keine Mannschaft. Meiner Meinung nach sollte der HSV nun mal Stärke zeigen und Van der Vaart nicht ziehen lassen, gegen Budapest auf den Platz tragen, dann ist das Kapitel Champions League mit Valencia erledigt. Er hat einen Vertrag, den muss er erfüllen, er ist dem HSV und den Fans auch etwas schuldig, schließlich hat er ihn von der Bank aus Amsterdam weggeholt und ein Podium gegeben. Wenn er dann aus Trotz schlecht spielt, sollte man ihn einfach bei den Amateuren verhungern lassen, dann wird er sich schon überlegen, ob er die EM aufs Spiel setzen wird. Die Konkurrenz wie Sneijder kann sich derweil bei Real profilieren. Sollte Valencia dann noch mal richtig was draufpacken, so 35 Mio bieten, kann man ihn immer noch ziehen lassen, dann hat man vielleicht noch die Chance, einen adäquaten Ersatz zu verpflichten.
Frau Wutz, 15.08.2007
3.
Mir ist nicht ganz klar, warum die Vereine nicht diese Verträge so gestalten, dass ein Spieler wie nun in Hamburg regressflichtig gemacht werden kann. Denn er schadet dem Verein, auch wirtschaftlich. Klar würde Hamburg eine ordentliche Ablöse bekommen, doch damit hätte der HSV noch lange keinen spielerisch gleichwertigen Ersatz. Ansonsten: Spieler solchen Charakters sollte man so schnell wie möglich loswerden. Sie schaden dem gesamten Mannschaftsgefüge.
seifertinho 15.08.2007
4. von mehreren Faktoren abhängig
So wie die Spieler auch bei sportlichem Versagen auf ihre Millionenverträge pochen, sollten die Clubs bei sportlichen Topleistungen eines Spielers auf Vertragserfüllung bestehen. Dazu gehört jedoch der entsprechende Hintergrund: Zunächst in finanzieller Dimension, denn die Ablöse darf nicht zum Einlenken verlocken. Ferner auch und besonders hinsichtlich der Verträglichkeit für die Gruppe. Das Management muss abwägen, ob der Spieler noch tragbar ist und Leistungsbereitschaft aufbringt. Letzteres wird Werder Bremen dazu bewogen haben, Miro Klose an die Bayern zu verscherbeln. Nun hat sich Raffael van der Vaart beim Hochheben seines Sohnes am Rücken verletzt und der Verdacht liegt nahe, dass er sich damit eine Europacupteilnahme mit dem FC Valencia offenhalten möchte (vgl. Khalid Bhoularouz 2006). Wenn es soweit ist, hat ein Verein kaum noch die Wahl und muss den Spieler verkaufen! Gegenbeispiele gibt es ebenfalls. Bei Werder Bremen hatten die Spieler Marco Bode und Dieter Eilts mehrfach lukrative Angebote anderer Clubs, haben jedoch nie ihren Wechsel provoziert. Eilts sagte irgendwann sinnemäß, dass er einfach Pech gehabt habe, dass sein Vertrag nie zum richtigen Zeitpunkt auslief... Fazit: Es hängt ab von im wesentlichen zwei Faktoren - dem Reiz des Geldes - dem Charakter des Spielers
nillivanmilli 15.08.2007
5. Wohl nicht praktikabel, .....
... aber eventuell doch möglich. Verzichtet auf all das Geld und setzt den Kerl auf die Tribüne. Und sei es nur zur Abschreckung für die anderen Geldsäcke. 2010 kann er dann Straßen kehren.
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