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Kommentar zum HSV Die Unregierbaren

Der HSV hat mit Mirko Slomka den nächsten Trainer verschlissen. Wer soll sich diesen Job jetzt antun? Ein Konzept ist nicht erkennbar, der Verein bleibt Abstiegskandidat - und das ist eine Frechheit.

Jeder wusste, dass es so kommen würde. Weil es beim Hamburger SV immer so kommt. Nur der Zeitpunkt war noch offen. Doch spätestens nach der Niederlage bei seinem Ex-Verein Hannover 96 muss auch Mirko Slomka klar gewesen sein, dass seine Zeit beim HSV abgelaufen war.

Slomka hat von 16 Ligaspielen als Verantwortlicher beim HSV gerade einmal drei gewonnen, aber zehn verloren. Es gab kein kräftiges Argument mehr, ihn im Amt zu halten. Das hatte Slomka ohnehin ja nur deshalb noch inne, weil in der Vorsaison die direkte Konkurrenz zu dumm war, den direkten Abstieg zu vermeiden. Und der HSV dadurch ohne wirkliches eigenes Zutun die Erstklassigkeit hielt.

Für HSV-Fans ist es mittlerweile eine Art Quizduell, aufzuzählen, welche Trainer den Verein in den vergangenen zehn Jahren trainiert haben und wer von diesem Klub verschlissen wurde. Klaus Toppmöller, Kurt Jara, Thomas Doll, Torsten Fink, Martin Jol, Huub Stevens, Armin Veh, Bert van Marwijk, Bruno Labbadia, Michael Oenning - es sind die denkbar unterschiedlichsten Trainertypen, die nur eines eint: Sie alle sind beim HSV gescheitert. Die meisten dieser Trainer würden auch heute wieder als Slomka-Nachfolger zur Verfügung stehen - weil sie derzeit ohne Beschäftigung sind. HSV-Trainer gewesen zu sein, ist anscheinend ein Killerkriterium für nachhaltige Anschlussjobs.

Der Hamburger SV war mal ein großer Verein, ein sehr großer sogar, er war in den Achtzigerjahren als Antagonist zum FC Bayern das, was heute Borussia Dortmund ist. Man war Europapokalsieger, Ernst Happel war Trainer. Heute wird über den Klub bei Twitter und Facebook kübelweise Häme ausgeschüttet wie sonst nur kaltes Wasser in der Ice Bucket Challenge. Weil es so unglaublich leicht geworden ist, über diesen Verein zu spotten. Es macht eigentlich keinen Spaß mehr, über den HSV Witze zu machen.

Anspruch und Wirklichkeit gehen in Hamburg seit langem in komplett unterschiedliche Richtungen auseinander. Auch die Neustrukturierung der Profi-Abteilung und die Besetzung des Chefpostens mit Dietmar Beiersdorfer, der als Heilsbringer herbeigesehnt worden war, hat daran bislang wenig geändert. Die Transferpolitik ist auch in diesem Sommer ohne erkennbare Struktur geblieben, es wird gekauft auf gut Glück. Ein Konzept? Nicht erkennbar. Der HSV wirkt unregierbar.

0:0 beim Aufsteiger Köln, 0:3 gegen den Aufsteiger SC Paderborn, 0:2 in Hannover- und jetzt wartet der FC Bayern als nächster Gegner. Jenes Team, das den HSV vor nicht allzu langer Zeit 9:2 demütigte. Danach geht es nach Mönchengladbach, wo das Gewinnen tendenziell auch schwierig ist. Das Team sollte sich in seiner Rolle als möglicher Abstiegskandidat einrichten. Eine Rolle, die sich der Verein über die Jahre erarbeitet hat. Eine Rolle, die trotzdem wie eine Frechheit wirkt für einen Hamburger SV.

Die Frage ist: Wer tut sich solch einen Job, den HSV zu retten, tatsächlich an? Der Name Thomas Tuchel wird gehandelt. Der Coach, anerkanntermaßen einer der Experten der Branche, ist nach seinem Ausstieg in Mainz geborener Kandidat für jeden freien Trainerstuhl. Mit jedem Tag scheint Tuchel größer zu werden, der Übertrainer in Deutschland, selbst als Nachfolger für Joachim Löw beim DFB ist er im Gespräch. Er gilt als einer, der einen Krisenklub wie den HSV durch Handauflegen und das Schreiben eines Matchplans glorreichen Zeiten entgegenführen könnte.

Tuchel wäre sehr dumm, sich diesen Ruf durch einen Job beim Hamburger SV zu zerstören. Er sollte auf den Anruf vom FC Schalke 04 warten.