HSV-Nullnummer gegen Fulham Lonesome Labbadia

Die Krise nimmt kein Ende: Das torlose Remis im Europa-League-Halbfinalhinspiel gegen Fulham lässt den HSV weiter leiden. Bruno Labbadia wirkt isoliert, sein Team liefert kaum Argumente, die ihn stützen. Selbst wenn der Club das Finale erreicht, könnte es das letzte Spiel für den Trainer sein.

Von Jan Reschke


Als der Abpfiff ertönt war, stand Hamburgs Trainer Bruno Labbadia noch lange regungslos in seiner Coaching-Zone. Die Hände in den Taschen seines dunklen Mantels vergraben, den Kragen zum Schutz vor der Kälte nach oben geschlagen. Allein. Eine Minute. Zwei Minuten. Als wollte er für sich erst einmal klären, ob das 0:0 im Halbfinalhinspiel der Europa League gegen den FC Fulham nun als Erfolg zu werten ist oder nicht. Später wird er sagen, dass er sich natürlich ein Tor gewünscht hätte, "aber es ist ja nicht so, dass wir in Fulham chancenlos sind. Wir sind auch auswärts immer in der Lage, ein Tor zu machen."

Auf dem Feld waren seine Spieler da noch damit beschäftigt, sich beim Publikum zu bedanken. Anschließend schritt Kapitän David Jarolim als erster vom Feld, direkt in Labbadias Richtung. Von der anderen Seite näherte sich Labbadia im gleichen Abstand das Schiedsrichtergespann um den Dänen Claus Bo Larsen. Als Labbadia sich entscheiden musste, ob er zu Jarolim oder den Unparteiischen gehen sollte, zögerte er kurz, drehte Jarolim dann den Rücken zu und bedankte sich bei den Referees für die Spielleitung. Jarolim schlich kommentarlos hinter ihm vorbei.

Ob Labbadia ihn übersehen hat oder übersehen wollte, darüber kann nur spekuliert werden. Es passt aber genau in das Bild, das er in der Vergangenheit und auch gegen Fulham von sich abgegeben hat. Schon während des kompletten Aufwärmprogramms seiner Mannschaft hatte Labbadia allein am Mittelkreis verharrt und dem Treiben aus der Ferne zugesehen. Im Spiel stand er meist zwei Meter vor der Bank postiert, neunzig Minuten, allein.

Labbadia, der lonesome Rider

Auf die Frage an HSV-Stürmer Mladen Petric, ob das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft zerrüttet sei, antwortet der: "Das ist eine sinnlose Frage, denn kein Spieler würde zugeben, dass das Verhältnis zwischen Spielern und Trainern zerrüttet ist." Ein Bekenntnis zum Trainer hört sich anders an. Im Spiel selbst lieferten die Hamburger Akteure allerdings keine Indizien, dass sie möglicherweise für oder gegen ihren Coach spielen.

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HSV vs. Fulham: Glänzender Pokal, matte Hamburger
Allerdings fielen mehrere Aspekte auf: Die Angst davor, einen Fehler zu begehen, war immer wieder zu erkennen. Risikopässe wurden vermieden. Der Mannschaft war die Verunsicherung durch die Querelen der vergangenen Wochen anzusehen. Der Flaschenwurf Guerreros, die andauernden Diskussionen um Trainer Labbadia und dessen Führungsstil, der bevorstehende Abgang von Jérome Boateng zu Manchester City, der Rücktritt von Torhüter Frank Rost aus dem Mannschaftsrat nach einem unangekündigten Kinobesuch, die Demütigung von Kapitän David Jarolim, der am vergangenen Bundesliga-Spieltag von Labbadia durch den erst 18-jährigen Nachwuchsspieler Sören Bertram ersetzt wurde.

All das kulminierte gegen Fulham zu einer Vorstellung, bei der der HSV zwar drückend überlegen war, jedoch nie ein Mittel gegen die massive Abwehr der Gäste fand, die mit zehn Spielern am eigenen Strafraum verteidigten und das Offensivspiel fast gänzlich verweigerten.

Und noch etwas fiel auf: Viel erschreckender als der Unmut, der aus Mannschaftskreisen über die Art Labbadias kolportiert wird, war gegen Fulham die Tatsache, wie wenig von des Trainers Wirken auf dem Platz zu erkennen war. Einstudierte Laufwege in der Offensive - nicht zu erkennen. Spielerische Mittel wie Doppelpässe, Hinterlaufen oder Pässe in die Tiefe - nicht zu sehen. Gesamtkonzept - Fehlanzeige. Einzig die Defensivarbeit zeugte von etwas, was man Handschrift des Trainers nennen kann.

Fans und Mannschaft haben sich versöhnt

Teilweise kann das durch das große Verletzungspech erklärt werden, wodurch sich das Team nie richtig einspielen konnte. Symptomatische Szene: Bei einem Angriff des HSV in der 82. Minute versucht sich Petric an der Strafraumgrenze freizulaufen, direkt dahinter probiert sein Sturmkollege Ruud van Nistelrooy das gleiche, läuft aber genau parallel hinter Petric. Die Szene hatte etwas von ungewolltem Synchronfußball - ist aber Ausdruck von Planlosigkeit.

Immerhin hat der Abend eine Sache gezeigt: Fans und Mannschaft haben sich versöhnt. Kein Pfiff war zu hören, die Stimmung war trotz fehlender Tore prächtig. Schon lange vor dem Anpfiff hatten sich die Anhänger auf das Duell eingestimmt. Am Rathausmarkt hatten sich etwa 1500 Fans unter dem Motto "HSV ins Finale - Raute dich beim geilsten Chor der Stadt" versammelt, um gemeinsam mit Lotto King Karl die Stadion-Hymne "Hamburg, meine Perle" anzustimmen.

Schon seit Wochen organisiert der HSV Supporters Club die "Operation Rathausmarkt" mit T-Shirts und Aufklebern, auf denen zu lesen ist: "13. Mai, wir sind dabei". Am 12. Mai findet in Hamburg das Finale um die Europa League statt. Sollten die Hamburger den Pokal holen, würde die Mannschaft ihn am folgenden Tag auf dem Balkon des Rathauses präsentieren.

Auch beim HSV hat man das Finale im Blick. Vor der Geschäftsstelle läuft auf einer überdimensionalen Anzeigetafel ein Countdown. Er zählt die Tage, Stunden und Minuten, bis das Finale der Europa League angepfiffen wird.

Es könnte auch der Countdown für Labbadias letzten Auftritt beim HSV sein.

insgesamt 5 Beiträge
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langenscheidt 23.04.2010
1. Er wird gehen müssen
Dass Labbadia zum Saisonende beim HSV ausgeträumt hat ist doch logische Konsequenz. Selbst ein Cupgewinn wird daran nichts ändern. Er ist ausgebrannt, ausgelutscht. Die Spieler leer und unzufrieden. Unzufrieden auch mit ihrem Trainer.
glen13 23.04.2010
2. ...
Das HSV Präsidium hatte große Ambitionen. Deshalb habe ich nie verstanden, warum Labbadia verpflichtet wurde. Welche Erfolge oder Eigenschaften befähigen ihn, einen Verein, wie den HSV in die Champions - League zu bringen, denn da sollte der HSV ja laut Vorstand hin. Nur ein international erfahrener Trainer, der mit Weltstars und vor allen Dingen mit Druck, Presse und Fans umgehen kann, wird auf Dauer den Erfolg bringen können. So ein Trainer wird aber wiederum Spieler verlangen, die den Etat des HSV sprengen werden. Und so wird die Geschichte weitergehen. Nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass", wird entweder beim Trainer oder bei den Spielern gespart und weiterhin der Schuldige dort gesucht, wo der Vorstand sich nicht befindet.
sergio56 23.04.2010
3. Immer der Trainer Schuld ?
Jedes Jahr das gleiche , bei wichtigen Spiele die HSV versagt , Labbadia kann man für dieses Jahr verantwortlich machen , legittim , aber wer machen wir verantwortlich für die Jahren davor ?, fest steht das Phänomen tritt immer wieder vor bei entscheidende Spiel die Mannschafft schafft es nicht ,und das oft gegenüber Mannschafften die ganz unten in der Tabelle sind . Dann frage ich mich wer ist für manche Entscheidungen verantwortlich , dáß Beierdorfer gehen darf oder muss , daß Olic abziehen kann , daß Van Boyten ebenfalls , jetzt ist Boateng dran , und dann wundern Sie sich daß grosse Spieler nicht nach Hamburg kommen, wie auch ? Wenn Hamburg eine grosse Rolle spielen möchte müssen sie im laufen der Jahre eine Stabilität erreichen sowohl in der Organisation als auch in dem Kader , die Spieler die nach Hamburg kommen müssen sich wohl fühlen , für die HSV stolz spielen zu dürfen und wenn sie weggehen ,aus Ihrer Erfahrung in der Hansestadt positiv erzählen können , Mundpropaganda ist das beste was es gibt. Ich weiss es nicht ob einen Trainer jedes Jahr zu feuern den richtigen Weg ist ? doch ich weiss es , es ist nicht Im vergangenen Jahr waren so begeistert über Labbadia , und jetzt plötzlich nicht mehr , viel schlechter hat Labbadia bis jetzt nicht abgeschnitten . Vielleicht sollte man die Fehler auch mal irgenwoanders suchen.
Dr. Socrates, 23.04.2010
4. Hau Es Flau
Eins muss man dem HSV lassen: Mit Jerome Boateng wird einer der am meist überschätzten Spieler für gutes Geld verkauft. Das hätte "Dukaten-Didi" nich' besser machen können. Und Labbadia? Solange der Präsi Hoffmann heißt, wird sich dieser Verein stets verzocken, egal ob Trainer oder Spieler, iss' so. Positiv einzig: Lotto King Karl. Und der angenehmere Fussball wird künftig eh am Millerntor gegeben.
saul7 23.04.2010
5. ++
Zitat von sysopDie Krise nimmt kein Ende: Das torlose Remis im Europa-League-Halbfinalhinspiel gegen Fulham lässt den HSV weiter leiden. Bruno Labbadia wirkt isoliert, sein Team liefert kaum Argumente, die ihn stützen. Selbst wenn der Club das Finale erreicht, könnte es das letzte Spiel für den Trainer sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,690730,00.html
Der Sponbeitrag hat einen entscheidenden Haken, denn der HSV wird auch das Rückspiel in England nicht gewinnen können. Labbadia's Tage in HH sind gezählt, mit Recht.
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