HSV-Remis gegen Hoffenheim Erstmals erstklassig

Ein Punkt, zwei Tore - und jede Menge neues Selbstbewusstsein: Der Auftritt des Hamburger SV bei 1899 Hoffenheim war der bisher beste des Teams in dieser Saison. Über einige Probleme sollte er aber nicht hinwegtäuschen.

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Aus Sinsheim berichtet


90 Sekunden waren in der Nachspielzeit gespielt, als die gut 3000 Fans des Hamburger SV schlagartig verstummten. Direkt vor ihren Augen war Sandro Wagner an den Ball gekommen, drei Meter vor dem Tor. Doch anstatt den 3:2-Siegtreffer für die Gastgeber zu erzielen, drosch der Hoffenheimer Torjäger den Ball am rechten Pfosten vorbei.

Dass das Tor nicht gezählt hätte, weil der Linienrichter ein Abseits gesehen hatte, ging im allgemeinen Jubel der Gästekurve unter. Denn kurz darauf war Schluss - der HSV hatte ein 2:2 über die Zeit gerettet, das in der gegenwärtigen Situation natürlich als Big point gefeiert wurde. Auch der dritte Punkt im elften Spiel ist schließlich ein Erfolg, wenn man die drei Ligaspiele zuvor verloren hat und dabei elf Gegentreffer kassiert hat. "Die Mannschaft hat heute jeden HSV-Fan mitgenommen", freute sich Coach Markus Gisdol dann auch an alter Wirkungsstätte.

Der ehemalige Hoffenheimer hatte das Team in den vergangenen Wochen ja durcheinandergewürfelt und zuletzt durch die Entscheidung verblüfft, Gotoku Sakai statt Johan Djourou zum Kapitän zu machen. Dass er den Japaner als "zuverlässigen Anführer auf dem Platz" lobte, verstand sich da natürlich von selbst. "Johan und ich sind Freunde", sagte Sakai treuherzig: "Wir haben uns schon früher immer darüber unterhalten, wie man Dinge verbessern kann und werden das auch jetzt tun." Auch Nicolai Müller lobte die "klaren Ansagen des Trainers" und versicherte: "Wir stehen hinter ihm."

Nach einer konfusen Startphase, in der ein Qualitätsunterschied zwischen den gedankenschnellen Hoffenheimern und einer wirren Hamburger Mannschaft zu sehen war, fing sich der HSV und wirkte zum ersten Mal in dieser Saison wie ein Team, das sich nicht nur wehren will sondern das auch eine Idee davon hat, wie das gehen könnte.

Ein weiteres Lebenszeichen folgte nach dem Wiederanpfiff, als der HSV nicht den Eindruck machte, als hätten ihm die beiden Hoffenheimer Tore das Rückgrat gebrochen. Im Gegenteil: Kostic nahm ein Fehlpass-Geschenk von Niklas Süle dankbar an und bereitete zusammen mit Lewis Holtby den Ausgleich durch Müller vor, der nur noch einzuschieben brauchte. Es war eine Co-Produktion der drei auffälligsten Hamburger Spieler.

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Hamburgs Remis in Hoffenheim: Ein Punkt fürs Selbstvertrauen

Die Flügelzange Müller-Kostic funktionierte, Holtby tat dem Team mit seinem Spielwitz und einer Aggressivität im Zweikampf gut, und auch Michael Gregoritsch, den Gisdol in seiner Verzweiflung im Sturmzentrum aufgeboten hatte, rechtfertigte seine Aufstellung. Pierre-Michel Lasogga, der trotz der Sperre von Bobby Wood und der Verletzung von Luca Waldschmidt nur ein paar Minuten am Schluss mittun durfte, dürfte es als schallende Ohrfeige empfinden, dass sein Trainer ihn derzeit offenbar nur als Stürmer Nummer vier sieht.

Doch bei aller Anerkennung für eine insgesamt ordentliche Körpersprache des gesamten Teams - der HSV zeigte auch in Hoffenheim, dass noch viel Arbeit vor Gisdol liegt. Gleich vier, fünf Riesenchancen hatte die TSG im Laufe der Partie, und bei den meisten durfte man sich schon wundern, wie der HSV im Defensivzentrum agierte.

Noch bedenklicher war es, wie hilflos sich das Team auf der linken Seite verhielt, wo Hoffenheims Bester, Pavel Kaderabek, immer wieder zur Grundlinie durchkam und gefährliche Flanken schlagen konnte. Gegen ein Team, das sich vor dem Tor cleverer anstellt als es Wagner, Kerem Demirbay oder Andrej Kramaric an diesem Nachmittag gleich mehrfach taten, hätte es wieder eine hohe Niederlage setzen können.

So aber blieb es bei einem verdienten Remis und einem Schlusswort von TSG-Coach Julian Nagelsmann, das Gisdol gut gefallen haben dürfte. "Der HSV ist besser als es die Tabelle aussagt", sagte dessen ehemaliger Assistent, der mit Hoffenheim auf Platz fünf rangiert und "auch mal mit einem Punkt zufrieden sein" wollte.

Den Eindruck, dass der HSV tatsächlich mehr sein kann als der Abstiegskandidat Nummer eins, hatte man am Sonntag tatsächlich immer wieder mal - zum ersten Mal in dieser Saison.

1899 Hoffenheim - Hamburger SV 2:2 (1:1)
0:1 Kostic (28.)
1:1 Wagner (45.+1)
2:1 Zuber (49.)
2:2 Müller (61.)
Hoffenheim: Baumann - Süle, Vogt (22. Bicakcic), Hübner - Rudy - Kaderabek, Amiri, Demirbay (69. Rupp), Zuber - Kramaric (78. Vargas), Wagner
Hamburg: Mathenia - Diekmeier, Djourou, Gideon Jung, Santos - Gotoku Sakai, Ostrzolek - Nicolai Müller, Holtby, Kostic (90.+2 Hunt) - Gregoritsch (80. Lasogga)
Schiedsrichter: Robert Hartmann
Zuschauer: 29.512
Gelbe Karten: Bicakcic (3) - Gotoku Sakai (4), Nicolai Müller (2)

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 21.11.2016
1.
Ich bin zwar diese Saison schon mehr als einmal enttäuscht worden, hoffe aber trotzdem, dass die Mannschaft gegen Bremen drei Punkte nachlegt.
giorgio2012 21.11.2016
2. Jetzt kommt es darauf an
aus den nächsten 3 Spielen müssen 9 - mindestens aber 7 - Punkte her, dann sehen wir weiter.
exekias 21.11.2016
3. Bremen wird ein Schlüsselspiel
Dann weiß man, wo die Reise hingeht. Bei einer Niederlage wärs das für die Rothosen und Didi. Eine schöne Vorstellung, können dann in der Winterpause in aller Ruhe für Liga 2 planen, wer kann das schon sonst ?
mantrid 21.11.2016
4. Art und Weise
Wichtiger als der Punkt war die Art und Weise, wie der HSV auftrat. Wer so spielt, der macht kurz über lang auch die notwendigen Punkte. Allerdings war auf beiden Seiten die Fehlpassquote erschreckend hoch, wurden Mitspieler einfach zu ungenau angespielt. Von Profis erwarte ich da mehr.
inihnseintor 21.11.2016
5. Ich halte...
... den Artikel grundsätzlich für gelungen. Nur die Passage "rettet der HSV das 2:2 über die Zeit" ist Geschmackssache. Jetzt sollte der HSV Bremen schlagen. Mir der Leistung vim Sonntag ist das möglich.
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