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28. November 2015, 21:35 Uhr

HSV-Sieg in Bremen

Hoch und Tief im Norden

Von , Bremen

Gegensätzliche Stimmung bei den Nordklubs: Die Fans des Hamburger SV träumen nach dem 3:1 im Derby vom Europapokal, Werder Bremen dagegen rutscht weiter ab - und will eine Trainer-Debatte verhindern.

Natürlich hat auch Lewis Holtby die Rufe gehört, die in den Schlussminuten des Derbys zwischen seinem Hamburger SV und Werder Bremen aus Richtung Gästeblock durch das Weserstadion gezogen waren. "Europapokal! Europapokal!", sangen die Hamburger Fans, denn mit dem 3:1-Auswärtserfolg über den Bremer Nord-Rivalen sprang der HSV vom zehnten auf den sechsten Platz, liegt zwei Punkte hinter Hertha BSC und Mönchengladbach, drei hinter Wolfsburg.

Wie alle Mitglieder der Hamburger Delegation mahnte Holtby dazu, den Tabellenstand nicht überzubewerten und Ruhe zu bewahren, kleidete seinen Appell allerdings in einen besonders skurrilen Satz: "Demut kommt vor dem freien Fall. Oder wie heißt das?" Gelächter in der Runde.

Dann verbesserte sich Holtby: Hochmut.

Zweimal nacheinander sind die Hamburger fast abgestiegen, retteten sich erst in der Relegation, und das mit Glück. Deshalb wollen sie nicht gleich andere Ziele formulieren als den Klassenerhalt, nur weil sie in der aktuellen Saison deutlich stabiler sind als in den Spielzeiten zuvor und nach dem 3:1-Erfolg gegen Borussia Dortmund in der Vorwoche auch das aus emotionaler Sicht wichtige Spiel in Bremen gewannen.

"Die Tabelle interessiert mich nicht so sehr, eher unsere Punkte", sagte Trainer Bruno Labbadia. Eher die Tatsache, dass die Hamburger in 14 Spielen schon 21 Zähler erwirtschaftet haben, was mehr als die halbe Miete ist im Kampf gegen den Abstieg (und gegen den Relegations-Hattrick).

Der Aufschwung des HSV hat viele Gesichter

"Es geht viel besser als in den vergangenen zwei Jahren, aber wir müssen ruhig bleiben", sagte Kapitän Johan Djourou nach einem Spiel, das von strengen Sicherheitsvorkehrungen begleitet worden war. Bei der Anreise der Fans und im Stadion blieb es nach Polizeiangaben weitgehend friedlich. Hinterher gab es Ausschreitungen zwischen Ultras beider Teams auf halber Strecke zwischen Stadion und Hauptbahnhof, die Scheiben einer Straßenbahn gingen zu Bruch.

Das sportliche Hoch des HSV hat viele Gesichter. Vor allem Trainer Labbadia, der die Mannschaft in den finalen Wochen der vergangenen Saison zu einer Einheit verschweißt hat; Torwart René Adler, der schon gegen Dortmund stark hielt und im Derby jede Flanke aus der kühlen Bremer Luft fischte, als seien seine Handschuhe mit Magneten versehen; Ivo Ilicevic, der mehrmals abgeschrieben war, in der aktuellen Saison Stammspieler ist und gegen Werder das 1:0 in der dritten Minute mit einem sehenswerten Schlenzer selbst schoss und das 3:1 in der 68. Minute mit einem langen Ball vorbereitete; Nicolai Müller, Schütze des finalen Treffers, der nach lang anhaltenden Startschwierigkeiten beim HSV angekommen ist.

Auch Holtby erlebt einen persönlichen Aufschwung, leistete in Bremen die meisten Torschussvorlagen, hatte die meisten Ballkontakte - und würdigte sein Team nach getaner Arbeit in den höchsten Tönen: "Wir sind eine echte Truppe. Das haben wir uns erarbeitet und erkämpft."

Einziger Wermutstropfen: Pierre-Michel Lasogga kugelte sich die Schulter aus. Weil das schon zum zweiten Mal passiert ist, konnte die ärztliche Abteilung die Schulter nicht einfach wieder einrenken. "Es sieht nicht gut aus", sagte Labbadia, der von einer nötigen Operation ausgeht: "Wenn das der Fall wäre, würde das drei Monate Pause für ihn bedeuten." Umso höher sei jedoch die Leistung der Stammspieler der Mannschaft zu bewerten.

"Zweite Liga, Bremen ist dabei"

Von einem solchen Lob hätte man im Frühjahr nicht ausgehen können: Im April hätte man nicht gedacht, dass es das Nordderby in dieser Saison überhaupt geben würde. Der HSV war Tabellenletzter und schien nach einer 0:1-Niederlage bei Werder durch einen Elfmeter kurz vor Schluss endgültig dem Sturz in die Zweitklassigkeit geweiht. Seitdem haben sich die Rivalen aus dem Norden gegensätzlich entwickelt. Während die Hamburger Fans schon wieder vom internationalen Wettbewerb träumen, prognostizieren sie dem SV Werder den Abstieg: "Zweite Liga, Bremen ist dabei!", sangen sie beim Sieg im Weserstadion.

So dramatisch ist es zwar noch nicht, doch nach der sechsten Niederlage im siebten Heimspiel verschärft sich Werders Lage. Die Mannschaft ist 15. und könnte am Sonntag noch auf den Relegations-Rang rutschen. Gegen den HSV waren die Bremer in der ersten Halbzeit erschütternd passiv und wurden mit Pfiffen in die Kabine verabschiedet. Aus der Halbzeit kehrten sie allerdings mit Schwung zurück und kamen nach einer guten Stunde zum verdienten Anschluss durch Anthony Ujah. Es machte sich die Hoffnung breit, dass es noch zu einem Punkt oder mehr reichen könnte.

Dazu hätte die Mannschaft von Trainer Viktor Skripnik allerdings die Konter des HSV besser unterbinden müssen. Einen dieser Gegenstöße nutzte Müller "zum bescheuertsten Zeitpunkt" zum dritten Hamburger Treffer, wie Werders Sportchef Thomas Eichin klagte. Er möchte allerdings verhindern, dass die Adventszeit mit Debatten um Skripnik beginnt: "Wir fangen überhaupt keine Trainerdiskussion an", sagte Eichin, auch nicht im Falle einer Niederlage beim VfB Stuttgart in der kommenden Woche. "Lassen Sie uns die kommenden drei Spiele abwarten", empfahl Eichin.

Die drei Spiele bis zum Ende der Hinrunde. Dann wollen die Bremer ein Fazit ziehen.

Werder Bremen - Hamburger SV 1:3 (0:2)
0:1 Ilicevic (3.)
0:2 Gregoritsch (27.)
1:2 Ujah (62.)
1:3 Nicolai Müller (68.)
Bremen: Wiedwald - Gebre Selassie, Lukimya, Vestergaard, Santiago Garcia - Bargfrede, Junuzovic - Bartels (84. Eggestein), Grillitsch - Pizarro (77. Öztunali), Ujah
Hamburg: Adler - Gotoku Sakai, Djourou, Cleber, Ostrzolek - Gideon Jung, Holtby - Nicolai Müller (82. Olic), Gregoritsch, Ilicevic (90. Arslan) - Lasogga (25. Schipplock)
Schiedsrichter: Knut Kircher
Zuschauer: 42.100 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Bartels (2), Lukimya (3) - Gotoku Sakai

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