HSV-Sieg gegen Karlsruhe Mehr Glück als Konzept

Der HSV bleibt nach einer peinlich schwachen Saison erstklassig - auch, weil der Schiedsrichter im Relegationsrückspiel gegen Karlsruhe in der 90. Minute eine Fehlentscheidung traf. Dennoch gibt es Hoffnung, dass es nächste Saison besser wird.

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Nach der verpassten Relegation des Karlsruher SC war Sportdirektor Jens Todt in Gedanken immer noch in der entscheidenden 90. Minute: Schiedsrichter Manuel Gräfe pfeift Freistoß für den Hamburger SV - Marcelo Diaz verwandelt prompt zum 1:1. "Das kann und darf man nicht pfeifen", sagt Todt. "Und ich glaube, man findet so schnell niemanden, der das anders sieht." Frust? Ja, natürlich. Und den kann man durchaus nachvollziehen.

Denn tatsächlich war der Freistoßpfiff eine Fehlentscheidung. Karlsruhes Jonas Meffert ("der Schiedsrichter hat das Spiel entschieden") war beim Schuss von Slobodan Rajkovic weder aktiv mit der Hand zum Ball gegangen, noch hatte er die Körperfläche vergrößert, als ihm der Ball an den Arm sprang.

Die KSC-Spieler fühlten sich nach dem Spiel also nicht ohne Grund um den Lohn von 180 Minuten Relegation gebracht. Denn dass der HSV in den verbleibenden vier Minuten aus dem Spiel heraus noch den Ausgleich erzielt hätte, hielt nach dem Spiel selbst im Hamburger Lager kaum jemand für denkbar. Er habe "in den letzten Minuten vermehrt negative Gedanken" gehabt, sagte Keeper René Adler. Ihm war es dabei wie den 3000 HSV-Fans in der Kurve rechts hinter ihm gegangen. Die Uhr tickte immer schwächer.

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Beim KSC tröstete man sich nach dem starken Hin- und einem ordentlichen Rückspiel damit, dass man die "individuelle Überlegenheit" des etwa zehn Mal so teuren HSV-Kaders durch "Herz, Leidenschaft und unsere Ordnung" wettgemacht habe, wie Trainer Markus Kauczinski betonte.

Beim HSV wertete man das Saison-Finish hingegen als glückliches, aber letztlich auch verdientes Ende einer furchtbaren Saison. Und tatsächlich waren die Hamburger in Karlsruhe die bessere Mannschaft, die den ersten Durchgang klar dominierte und in der Schlussphase - in der 78. Minute hatte Reinhold Yabo das 1:0 für Karlsruhe erzielt - einige richtig gute Gelegenheiten hatte, bei denen es die Karlsruher waren, die das Glück auf ihrer Seite hatten.

Und schließlich und endlich hatte der HSV am Ende einer Spielzeit, an dem das Team sich oft als spielerisch schwächste Mannschaft der ersten Liga präsentiert hatte, sogar noch so etwas wie Spielkultur gezeigt. Statt langer Bälle wurden in Karlsruhe Pässe gespielt. Und solch eine schöne Kombination wie vor dem Hamburger 2:1-Siegtreffer durch Nicolai Müller haben die Fans auch schon lange nicht mehr gesehen.

Und dennoch bleiben nach dieser Saison - und den beiden Relegationsspielen - aus Hamburger Sicht drei Erkenntnisse:

  • Mögen es die 17 Konkurrenten auch in der kommenden Saison bedauern - der HSV hat nun mal das Glück gepachtet: Ohne den irregulären Treffer von Gojko Kacar am 32. Spieltag gegen den SC Freiburg wäre er nicht in der Relegation gelandet, die er ohne den Gräfe-Pfiff wiederum ziemlich sicher nicht für sich entschieden hätte.

  • Der HSV scheint verstanden zu haben, dass er im zweiten Jahr in Folge mehr Glück als Konzept hatte. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer hat jedenfalls nach der Partie angekündigt, dass man nicht zu business as usual zurückkehren will. Man darf gespannt sein, ob dabei mehr herauskommt als in den letzten Jahren: viele teure Einzelspieler.

  • Der HSV hat den richtigen Coach zur richtigen Zeit verpflichtet: Bruno Labbadia hat dem Team seit dem 15. April 2015 neues Leben eingehaucht. Zudem vertritt er den HSV geschickt, glaubwürdig und sympathisch. Am Montagabend gab es von ihm kein Triumphgeheul, keine großspurigen Ankündigungen. Nur ehrliche Worte, die im tief deprimierten Karlsruhe gut ankamen: "Es ist unglaublich, was ihr uns in den beiden Spielen abverlangt habt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn wir das Spiel nicht gewonnen hätten."

Am Schluss standen Kauczinski und Labbadia noch ein paar Minuten zusammen und unterhielten sich über das Spiel, ehe sie sich zum Abschied umarmten. Die beiden Männer waren sich ganz offensichtlich in vielen Dingen einig. Ziemlich sicher auch über den Pfiff in der 90. Minute.

Karlsruher SC - Hamburger SV 1:2 (0:0, 1:1) n.V.
1:0 Yabo (78.)
1:1 Diaz (90.+1)
1:2 Nicolai Müller (115.)
Karlsruhe: Orlishausen - Valentini, Gordon, Gulde, Max (86. Dennis Kempe) - Krebs (89. Stoll), Meffert - Torres, Yamada (72. Yabo), Nazarov - Hennings
Hamburg: Adler - Diekmeier, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek - Diaz, van der Vaart - Olic (77. Nicolai Müller), Holtby (66. Stieber), Ilicevic (86. Cleber) - Lasogga
Schiedsrichter: Gräfe (Berlin)
Zuschauer: 27.986 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Krebs, Meffert, Gulde, Gordon, Nazarov - van der Vaart, Díaz, Rajkovic, Cléber

insgesamt 311 Beiträge
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reitensamos 02.06.2015
1. das ist nicht alles
bitte den Blickwinkel mal umdrehen: der KSC hat es zweimal nicht geschafft, den HSV zu schlagen.
alexanderschulze 02.06.2015
2. Nochmal :
Ich kann nur hoffen, dass Herr Gräfe sich wenigstens ordentlich vom HSV hat bezahlen lassen. In so einer Situation einen Freistoß zu geben, ist ein Hohn. Dass Gräfe die halbe Miete für den HSV ist, wussten ja tatsächlich schon vorher etliche. Wann kommt endlich, endlich der Videobeweis??
heiko1977 02.06.2015
3.
Es ist endlich an der Zeit die Relegation abzuschaffen. Wer die Saison über beschissen spielt und auf den 16. Platz kommt muss eben, wie früher, in das zweite Haus gehen. Und wer die Saison über im zweiten Haus Leistung zeigte hat das Recht im ersten mitzuspielen. Über was freut sich der HSV nun? Das sie es mal wieder mit Hilfe der Schiedsrichter geschafft haben in der 1. Liga zu bleiben?
Discordius 02.06.2015
4. Wiederholungsspiel
Angesichts der krassen Benachteiligung des KSC durch den Schiedsrichter ist ein Wiederholungsspiel die einzige faire Lösung. Zudem war das Verhalten einiger HSV-Fans unfassbar. Sie selbst schossen mit Pyrotechnik auf KSC-Fans und verbreiteten die Falschmeldung, die KSC-Fans hätten einen HSV-Fan durch Pyrotechnik getötet. Das beste wäre der Zwangsabstieg für einen Verein mit solchen Anhängern.
maxehaxe 02.06.2015
5.
Anzeichen dafür das nächste Saison alles besser wird... Meint der Autor damit, dass sie nächste Saison endlich mal absteigen??
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