HSV-Stürmer Guerrero Gnade für den Flaschenwerfer

Team und Fans versöhnen sich, Trainer Labbadia sichert seinen Job - der HSV-Sieg in Lüttich könnte für den Verein zum Wendepunkt in der Krise werden. Vor allem Paolo Guerrero profitierte von dem souveränen Auftritt: Trotz Flaschenwurf-Affäre kann er auf einen neuen Vertrag hoffen.

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Von Jan Reschke


Hamburg - Bis zur 67. Minute am Donnerstagabend in Lüttich galt Paolo Guerreros Karriere beim Hamburger SV als nahezu beendet. Das Viertelfinale der Europa League hätte der letzte Auftritt des Stürmers werden können, die Vorzeichen jedenfalls sprachen für diese These.

Die sich ohnehin schon ewig hinziehenden Vertragsgespräche ruhen seit seinem Flaschenwurf auf einen Zuschauer gänzlich. Der Vereinsvorsitzende Bernd Hoffmann hatte dem "Kicker" noch vor dem Rückspiel gegen Standard Lüttich erklärt, die Kräfte für die kommenden fünf Wochen bündeln zu wollen, um dann das Gesamtpaket Guerrero zu bewerten. Zuvor hatte der Langzeitverletzte die Vorstandsetage mit ambitionierten Gehaltsforderungen gegen sich aufgebracht.

Der Auftritt im internationalen Wettbewerb ist dabei Guerreros einzige Chance, um Argumente in eigener Sache zu liefern. Denn der DFB hatte ihn für seine Aktion für den Rest der Saison gesperrt. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Schlechte Aussichten also für den Peruaner - bis zu jener 67. Minute im Stade Maurice Defrasne.

Da wurde Guerrero für seinen bis dahin überragenden Sturmkollegen Mladen Petric eingewechselt. Und ab diesem Moment schien sich der Ärger um seine Person von Minute zu Minute mehr zu legen, um in der vierten Minute der Nachspielzeit gänzlich verschwunden zu sein. Ein Pass von Mittelfeldmann Zé Roberto hatte den Weg zu Guerrero gefunden. Der beförderte den Ball elegant ins Tor zum 3:1-Sieg. Seine Mannschaftskameraden kamen von allen Seiten des Platzes herangestürmt und nahmen ihn jubelnd in die Arme. Wie groß der Druck war, der zuvor auf ihm lastete, konnte in diesem Moment erahnt werden.

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Im Viertelfinal-Rückspiel gegen Lüttich lief vieles genau umgekehrt als in den Wochen davor - nicht nur bei Guerrero. Anders als beim Heimspiel gegen Hannover, als Hamburgs Fans die Spieler noch gnadenlos ausgepfiffen hatten, suchten Anhänger und Profis nun den Schulterschluss. Nachdem beim Training der HSV-Profis die Fans ihrerseits mit einer Plakataktion ihre Unterstützung deutlich gemacht hatten, waren es diesmal die Spieler, die vor dem Anpfiff mit einem großen Banner "Wir für Euch - Ihr für uns" eine Charmeoffensive starteten.

Stimmung wie beim Tabellenletzten

Die Mannschaft schien zudem mit aller Macht dem Eindruck vorbeugen zu wollen, dass sie gegen Trainer Bruno Labbadia spielt. Sie zeigte eine souveräne Leistung nach zuletzt fünf Pflichtspielniederlagen auf fremden Plätzen in Folge. Denn auch Labbadia musste zuletzt um seinen Posten bangen. Wie sehr, zeigte sich nach dem Abpfiff. "Die größte Krisenmannschaft Deutschlands steht im Halbfinale. Ich weiß gar nicht, ob das jemand merkt. Die Stimmung in Hamburg war wie beim Tabellenachtzehnten", ätzte der Trainer. Dass er anschließend davon sprach, erleichtert zu sein, "auch für Deutschland mit Blick auf die Fünf-Jahres-Wertung", sollte wohl nur seine Personalie aus dem Blickfeld bringen.

Ende der Übellaunigkeit

Vielleicht wird dieses Spiel den HSV-Verantwortlichen später als Wendepunkt in Erinnerung bleiben, wenn die Saison doch noch ein erfolgreiches Ende nehmen sollte. Die Europa League ist in dieser wechselhaften Spielzeit ohnehin schon eine der wenigen konstanten Erfolgsgeschichten des Vereins. Mit einem Sieg im Halbfinale gegen Fulham und dem Finale im eigenen Stadion am 12. Mai könnte sie einen krönenden Abschluss finden. Und auch in der Bundesliga, wo zuletzt in Hamburg kollektive Übellaunigkeit herrschte, wird jetzt wieder davon gesprochen, dass man den Einzug ins europäische Geschäft noch mit Bordmitteln herstellen könne.

Vielleicht bekommt dabei sogar noch einer die Gelegenheit, einen entscheidenden Teil beizutragen, den keiner mehr auf der Rechnung hatte: Paolo Guerrero. Der Hamburger SV hat angekündigt, die DFB-Sperre gegen ihn nicht akzeptieren zu wollen. "Wir werden Einspruch einlegen", so ein HSV-Sprecher am Freitagmorgen kurz vor Ablauf der Widerspruchsfrist. "Es wäre ein Traum, wenn ich vor Saisonende doch noch einmal spielen dürfte", beschreibt der Stürmer seine Hoffnungen.

Das Kapitel Hamburg hat der Südamerikaner nach eigenem Bekunden jedenfalls noch nicht abgehakt: "Ich habe immer gesagt, das ist eine schöne Stadt, super Leute, ich fühle mich gut."

Wie schnell sich doch alles ändern kann.

Mit Material von dpa

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Seite 1
w.r.weiß 09.04.2010
1. Schön das die Welt an manchen Orten noch intakt ist!
Zitat von sysopTeam und Fans versöhnen sich, Trainer Labbadia sichert seinen Job - der HSV-Sieg in Lüttich könnte für den Verein zum Wendepunkt in der Krise werden. Vor allem Paolo Guerrero profitierte von dem souveränen Auftritt: Trotz Flaschenwurf-Affäre kann er auf einen neuen Vertrag hoffen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,688015,00.html
Ich persönlich, schmeiss morgen meiner "muffigen-nörgelnden" Kundschaft auch mal was an die Birne! Mal schauen was dann passiert.
Drschlaumeierxy 09.04.2010
2. keine Gnade
Für mich ist unverständlich, dass der Trainer diesen Spieler jemals und ganz bestimmt nicht so kurz nach dem Vorfall wieder aufstellte. Wer so viel Gehalt bezieht muss auch mal 'Profi' sein und weghören können. Immerhin weiss man doch, dass 70% der Stadionbesucher noch weniger Grips im Kopf haben als die 70% der Spieler ohne Grips. Der DFB war viel zu gnädig und auch die Vereinsstrafe von 100.000€ zahlt der Spieler doch mit einem Monatsverdienst. Dem Fan allerdings (sollte man ihm seine Worte nachweisen können) sollte die Staatsanwaltschaft ebenso eine Anzeige wegen Beleidigung erteilen. Fussball-im-Fernseh-gucken-ist-sicherer-Gruß,
heisenberg, 09.04.2010
3. Meinen Meinung dazu ....
Zitat von sysopTeam und Fans versöhnen sich, Trainer Labbadia sichert seinen Job - der HSV-Sieg in Lüttich könnte für den Verein zum Wendepunkt in der Krise werden. Vor allem Paolo Guerrero profitierte von dem souveränen Auftritt: Trotz Flaschenwurf-Affäre kann er auf einen neuen Vertrag hoffen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,688015,00.html
Bravo! Haben wir nicht alle schon mal Fehler gemacht und uns dann gefreut wenn man uns eine neu Chance gegeben hat? Er wird es durch eine besondere Leistung wieder gut machen. Profitieren wird der HSV davon.
muh-q-wahn 09.04.2010
4. Wie schnell sich doch alles ändert?
Ja, und dazu tragen Sie bei, wenn Ihnen die Tatsache, dass der HSV einen Randalierer nicht nur nicht von sich aus sperrt, sondern jetzt auch noch Einspruch gegen das skandalös milde Urteil des DFB einlegen will. Wie verlogen muss man sein, um das Verhalten des Herrn Guerrero in irgendeiner Form zu bagatellisieren? Wie leicht hätte das im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge gehen können? Wie leicht hätte dieses Wurfgeschoss jemanden völlig Unbeteiligten treffen können? Und dann wäre es immer noch exakt die selbe Motivation und Handlung gewesen. Hätte sich dann auch alles so schnell geändert? Wer jetzt noch zu Heimspielen des HSV geht, bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Aber das ist es ja leider bei jedem "Fan"atiker.
mcwing 09.04.2010
5. Gerechtigkeit sieht anders aus
Und wieviel "Spiele" Sperre hätte ein Fan bekommen, hätte er eine Flasche auf einen Spieler geworfen? Also mindestens ein Jahr hätte sich derjenige bei "SKY" vergnügen können.... Gerecht sieht anders aus.... Und wie will der HSV - der selbst diese lächerliche 5-Spiele-Sperre nicht akzeptiert,es zukünftig begründen, wenn er einem Zuschauer in den nächsten Monaten Stadionverbiot erteilt, weil er etwas auf´s Spielfeld geworfen hat?
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