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HSV-Trainer seit 1997: Wenig Jahre, viele Trainer

Foto: Sebastian-Schupfner/ BONGARTS

HSV-Trainer Arnesen Mit dem Kopf in Richtung Abgrund

Der Hamburger SV hat einen neuen Trainer - und sucht weiter einen Coach. Der Club konnte sich mit keinem Kandidaten einigen, daher übernimmt Sportchef und Konzeptmacher Frank Arnesen. Die Entscheidung passt in das katastrophale Bild, das der HSV seit Monaten abgibt.

Es ist noch gar nicht lange her, da gab es beim Hamburger SV Hoffnung auf bessere Zeiten. Das war vor rund drei Wochen, als nach dem Rauswurf von Trainer Michael Oenning der erste Saisonsieg unter Interimscoach Rodolfo Cardoso in Stuttgart folgte. Dass der keine langfristige Lösung sein würde, war von Beginn an klar. Ein Retter sollte her. Doch nun folgt die nächste Notlösung.

Sportchef Frank Arnesen suchte einen Trainer, der den Tabellenletzten der Bundesliga vor dem Abstieg bewahrt. Weil er den aber bis heute nicht gefunden hat, macht es der Däne erst einmal selbst. Und die HSV-Fans fragen sich: Kann das gutgehen? Es kann - aber es ist eine sehr gewagte Entscheidung der Club-Verantwortlichen. Arnesen als Trainer zu installieren, birgt jede Menge Risiken.

Dabei sind die Fußball-Fachkenntnisse des Dänen unbestritten. Ehe er zum HSV kam arbeitete der Ex-Profi jahrelang erfolgreich als Sportdirektor bei der PSV Eindhoven in den Niederlanden und beim englischen Spitzenclub FC Chelsea. Nur war er dort jeweils für die sportlichen Konzepte verantwortlich, für das Übergeordnete. Erfahrungen als Trainer hat Arnesen keine, zumindest nicht in hauptverantwortlicher Position. Lediglich als Co-Trainer in Eindhoven (1991-1994) war er ins Tagesgeschäft eingebunden.

Nur Strohmann für Cardoso?

"Ich übernehme die Verantwortung, weil ich sicher bin, dass es die beste Entscheidung für den HSV ist", sagt Arnesen. Damit der 55-Jährige den Club aber vom letzten Tabellenplatz führen kann, muss er sich auf seine Traineraufgabe konzentrieren, wenngleich Cardoso als Assistent an seiner Seite bleibt. Möglicherweise wird der Argentinier, dem die nötige Fußballlehrer-Lizenz fehlt, auch die Fäden in der Hand halten, und Arnesen nur zum Schein Cheftrainer mit dem dafür nötigen Papier. Beim HSV widersprechen sie diesen Spekulationen natürlich.

Ob als Strohmann oder nicht: Arnesen wird weniger Zeit für seinen Job als Sportchef haben, wo er für das Konzept des Clubs verantwortlich ist. Doch genau in dieser Funktion muss der Däne in den kommenden Wochen einen neuen Trainer finden - ein fast aussichtsloses Dilemma. Es droht Stillstand statt Fortschritt.

HSV-Vorstand hat kaum Ahnung vom Fußball

Das Problem der Hamburger: Die anderen Vorstandsmitglieder neben Arnesen haben kaum Ahnung vom Fußballgeschäft, zumindest was den sportlichen Teil angeht. Club-Boss Carl-Edgar Jarchow ist Unternehmer und Politiker, sitzt als Abgeordneter für die FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft, dem Parlament der Hansestadt. Joachim Hilke, verantwortlich fürs Marketing, ist ein Mann der Zahlen. Und Oliver Scheel, der sich um die Belange der Mitglieder kümmert, ist Anwalt, hat sich unter anderem auf Vertrags- und Arbeitsrecht spezialisiert. Auf einen Vorstand bestehend aus ehemaligen Profis wie beim FC Bayern, die sportliche und wirtschaftliche Kenntnisse besitzen, wartet man in Hamburg seit Jahrzehnten vergebens.

Ob der kaum vorhandenen Sport-Expertise seiner drei Vorstandskollegen ist Arnesen gezwungen, die Trainersuche allein voranzutreiben. Aber: Was passiert eigentlich, wenn unter dem Dänen positive Ergebnisse ausbleiben, der Club weiter am Tabellenende darbt? Trennt sich der HSV dann komplett von ihm? Und wenn ja: Wer sucht dann den neuen Trainer?

Interna regelmäßig in der Öffentlichkeit

Fragen, die nicht nur das derzeitige Dilemma das HSV dokumentieren, sondern auch von der - positiv formuliert - unglücklichen Vorgehensweise zeugen. Denn Arnesens Selbst-Inthronisierung als Trainer ist nur das letzte Puzzleteil eines katastrophalen Bildes, das der Verein in den vergangenen Wochen und Monaten in der Öffentlichkeit abgegeben hat.

Das Hauptproblem des HSV: Fast nichts bleibt intern, fast alles wird öffentlich und gerät anschließend zur Peinlichkeit für den Club. Das war so bei den Absagen von Urs Siegenthaler und Matthias Sammer für den Posten des Sportchefs ebenso wie bei fast allen Trainerkandidaten der jüngsten Vergangenheit. Wann immer Hamburg einen neuen Coach sucht, erfahren die Fans aus den Medien zuverlässig, mit wem verhandelt wird und wer gerade mal wieder abgesagt hat. Das war auch zuletzt bei Huub Stevens und Thorsten Fink so. Für die Anhänger - und die Presse - ist das wunderbar, dem Club schadet es immens.

Fink, einst Profi beim FC Bayern und derzeit erfolgreicher Trainer in Basel, ist offenbar Arnesens Wunschkandidat. Das Problem: Der 43-Jährige hat wohl Interesse, will sich aber nicht überstürzt aus der Schweiz verabschieden. Von daher käme eine Verpflichtung frühestens in der Winterpause in Frage.

Arnesen scheint bereit zu sein, so lange auf Fink zu warten. Dazu passt die Aussage des Dänen, dass die Trainersuche "auch bis zum Winter dauern kann". Allerdings ist mehr als unwahrscheinlich, dass Fink schon jetzt für die Rückrunde zusagt und damit das Risiko eingeht, möglicherweise ein Bundesliga-Schlusslicht zu übernehmen, das Richtung Abgrund taumelt. "Ich bleibe solange, bis wir einen neuen Chefcoach gefunden haben", kündigte Trainerneuling Arnesen an.

Die Hoffnung beim Hamburger SV auf bessere Zeiten dürfte erst einmal dahin sein.

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