HSV-Trainersuche Die Zeitverschwender

Der HSV kommt nicht zur Ruhe: Die Diskussion um Rafael van der Vaarts Trainerkritik lösen die Spekulationen um den Nachfolger von Coach Huub Stevens ab. Die neue Baustelle müsste den Verantwortlichen eigentlich gelegen kommen - sie lenkt von eigenen Fehlern bei der Trainersuche ab.


0:0, 0:1, 0:1, 1:1, 1:1, 1:0. 0:0, diese Zahlenreihe markiert keinen binären Code, sondern die letzten Ergebnisse des Hamburger SV. Dass da eine Diskussion über die wenig angriffslustige Spielweise der Hamburger anbricht, kann eigentlich niemanden überraschen. Offenbar wird über die taktische Ausrichtung - der HSV spielt selbst bei Heimspielen meist nur mit einer Spitze und insgesamt drei Offensiven - auch im Mannschaftskreis debattiert.

HSV-Verteidiger Kompany (r.): Kritik am Spielsystem
DPA

HSV-Verteidiger Kompany (r.): Kritik am Spielsystem

Abwehrspieler Vincent Kompany hat die (intern geäußerte) Kritik an der Spielweise die Nicht-Berücksichtigung beim Hertha-Spiel am vergangenen Dienstag (0:0) eingebracht. Zumindest inhaltlich scheint auch Kapitän Rafael van der Vaart die Kritik an der defensiven Grundformation zu teilen, schließlich fiel seine Kritik an der Maßregelung Kompanys ("Die Entscheidung kann ich nicht verstehen, Vince könnten wir jetzt gut gebrauchen") so deutlich aus, dass heute im Verein über die Aussagen des Kapitäns debattiert wurde. Auch van der Vaart selbst wurde um eine Stellungnahme gebeten. Und das, wo die Angelegenheit doch offiziell ein reines Medienthema ist, wie Pressechef Jörn Wolf betont.

Im Grunde müssten die Verantwortlichen sogar froh sein, dass van der Vaarts offene Trainerkritik die Medien eine Weile beschäftigt, lenkt die Debatte doch vom viel größeren Problem der nach wie vor ungelösten Trainerfrage ab. Schließlich gelang es den Offiziellen zuletzt kaum noch, zu verhindern, dass die endlose Trainersuche auch zum endlosen Thema in den Medien wird. Offenbar nehmen die Gespräche mit Gérard Houllier, derzeit beim französischen Verband angestellt, jedoch jetzt konkrete Formen an. Keinen Tag zu früh, denn der HSV braucht mittlerweile auch einen absoluten Hochkaräter als neuen Trainer, um den Verdacht zu zerstreuen, dass man bislang bei der Fahndung nach dem neuen Mann reichlich unprofessionell vorgegangen ist.

Dass Fred Rutten nach der Slomka-Entlassung eher auf den Trainerstuhl bei den Gelsenkirchenern erpicht zu sein scheint, kann man den HSV-Verantwortlichen nicht ankreiden. Dass sie sich von Slaven Bilic an der Nase herumführen ließen, schon eher. Sollte er nie ernsthafter Kandidat gewesen sein, hätte der Verein Bilics Geprotze dementieren müssen. Sollte er es doch gewesen sein, hätten sie sich von ihm als Vehikel missbrauchen lassen, um nach dem Flirt sein Salär beim kroatischen Verband aufzubessern. Die meisten Fehler wurden jedoch im Umgang mit Jürgen Klopp gemacht.

Es war nicht besonders professionell, dass ihm offenbar monatelang das Gefühl gegeben wurde, eine Art 1b-Trainer auf ihrer Wunschliste zu sein. Das dürfte Klopp, der zumindest bei Uli Hoeneß ernsthaft als Hitzfeld-Nachfolger gehandelt wurde, ebenso missfallen haben wie die Tatsache, dass unter Berufung auf HSV-Scouts öffentlich reichlich ehrenrührige Debatten, beispielsweise über seine Pünktlichkeit geführt wurden, ohne dass das von Vereinsseite dementiert wurde.

So schwieg Bernd Hoffmann bei seinem Auftritt im DSF-"Doppelpass", als er die von einem Journalisten geäußerte Behauptung, Klopp erscheine öfter unpünktlich zum Training, nicht dementierte. Selbst wenn diese Behauptung stimmen würde - zahlreiche Mainzer Spieler behaupten, das sei nicht ein einziges Mal vorgekommen - wenn der Präsident eines Vereines, der einen Trainer sucht, zulässt, dass der öffentlich so angeschossen wird, braucht er sich nicht zu wundern, wenn der das nicht als Appetizer für eine neue Tätigkeit interpretiert. Als Klopp sagte, er habe im Laufe seiner Gespräche "Mainz noch mehr schätzen gelernt", war das durchaus auch eine Spitze Richtung HSV.

Dass sich der HSV bei der Trainersuche nun schon seit fast einem halben Jahr Zeit lässt, mag sachlich gute Gründe haben. Manager Dietmar Beiersdorfer gilt als Freund nachhaltigen Arbeitens und sucht deshalb einen Trainer, mit dem der HSV sich dauerhaft weiterentwickeln kann. Ihm schwebt ein moderner attraktiver Fußball vor, den der Langzeit-Feuerwehrmann Stevens noch in fünf Jahren nicht spielen lassen würde, den aber dessen Nachfolger als Arbeitsauftrag auf den Weg bekommen wird.

Dass die einzelnen Kandidaten da akribisch gescoutet werden, ist deshalb folgerichtig und allemal besser als die von vielen Vereinen praktizierte Vorgehensweise, einfach einen der dann gerade arbeitslosen Kandidaten vom Karussell herunter zu holen. Allerdings stellt sich die Frage nach der Qualität dieser Scouts, wenn sie dem Verein das Klischeebild vom jovialen Kumpeltyp Klopp kolportieren, wo er doch bei Spielern und Weggefährten als extrem durchsetzungsstarker Trainer gilt.

Der HSV mag grundsätzlich auf einem guten Weg sein. Der Vorstand um Präsident Bernd Hoffmann, Marketing-Vorstand Katja Krauss und Manager Dietmar Beiersdorfer tritt ungleich seriöser und störungsfreier auf als die meisten ihrer Vorgänger. Auch deshalb scheint es derzeit zu gelingen, den Verein aus einer grauen Maus, die sich jahrelang an ihrer Vergangenheit berauschte, dauerhaft in die deutsche Top Five zu hieven. Umso unverständlicher ist es, dass beim HSV derzeit alle Energie in eine Trainersuche investiert wird, die schon lange abgeschlossen sein könnte.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.