HSV-Transfer van Nistelrooy Kniefall vor der Tormaschine

Ganz Hamburg freut sich über den größten Fußballtransfer in der Stadtgeschichte: Der niederländische Topstar Ruud van Nistelrooy wechselt zum Hamburger SV. Der 33-Jährige schießt seit zehn Jahren Tore in Europas Top-Ligen - wenn denn das Knie hält.

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Weltstar Ruud van Nistelrooy: "Van the Man" kommt an die Elbe
1996 wurde dem damaligen Trainer der PSV Eindhoven, Dick Advocaat, ein junger Bursche für dessen Mannschaft angeboten. 300.000 Euro Ablösesumme sollte der 19-jährige Stürmer des FC Den Bosch aus der tiefsten niederländischen Provinz kosten. Ein schlacksiger Kerl, ein bisschen ungelenk - keiner, der seinen Weg machen würde, befand Advocaat, ganz uninteressant für PSV. Wobei sich der Starcoach durchaus im Irrtum befand. Ruud van Nistelrooy, der neue Stürmerstar des Hamburger SV, stieg in der Folgezeit zu einem der weltweit besten Angriffsspieler auf - und schon 1998 blätterte Eindhoven 6,4 Millionen Euro hin, um den Mann zu verpflichten.

Ablöse muss der HSV für van Nistelrooy, der mit sofortiger Wirkung an die Elbe wechselt, jetzt nicht bezahlen. Den Norddeutschen ist der Transfercoup des Jahres gelungen.

Am Samstagabend nach der 0:1-Niederlage bei Borussia Dortmund meldete der HSV den Wechsel offiziell als perfekt. Van Nistelrooy erhält einen Vertrag bis 2011. "Ein echter Top-Mann", jubelt HSV-Trainer Bruno Labbadia. Auch van Nistelrooy selbst gab die Honeurs, wie es sich gehört, artig zurück. "Ich bin glücklich, dass alles geklappt hat."

Rutgerus Johannes Martinus van Nistelrooy - die Fans nannten ihn angesichts so eines Namenungetüms denn auch lieber "Van the Man" oder "Van Goal". Der 33-Jährige darf sich mit dem Rekord schmücken, in drei europäischen Ligen Torschützenkönig geworden zu sein - in den Niederlanden mit der PSV, in England bei Manchester United und bei Real Madrid. Aber hier wollte man ihn zuletzt nicht mehr. Raul, Higuain, Cristiano Ronaldo, Benzema, Kaká - zu viel exklusives Stürmerpersonal, um einem Mann noch eine Chance zu gewähren, der durch Verletzungen über Monate zurückgeworfen wurde. Die Chance für den Hamburger SV zuzugreifen.

Van Nistelrooy hat sich schon mehrfach nach einer schweren Knieverletzung wieder ganz nach oben gekämpft. 2000 - sein Wechsel zu Manchester United war schon beschlossene Sache - verdrehte er sich das Knie und fiel über Monate aus. Die Europameisterschaft im eigenen Land hat er im Reha-Zentrum verfolgen müssen - trotzdem vertraute ManU-Coach Alex Ferguson seinem Instinkt und zog den Van-Nistelrooy-Transfer gegen zahlreiche Widerstände im Club durch: Für einen verletzungsanfälligen Spieler 28,5 Millionen Euro auszugeben, schien selbst beim damals reichsten Club der Welt ein Risiko zu sein.

"Der beste, den wir je hatten"

Van Nistelrooy zahlte jeden Euro mit Toren zurück: 95 Tore in 150 Spielen in der Premier League, dazu Torgarant in der Champions League - die ManU-Fans hatten nach Eric Cantona wieder einen, dem sie ein Denkmal gebaut hätten. "Ruud ist der beste, abgebrühteste Stürmer, den wir je hatten", sagt Ferguson - und er hat viele Stürmer in seiner langen Trainerlaufbahn gesehen.

"Hier in Manchester werde ich bleiben und dereinst meine Karriere beenden", sagte der Niederländer 2005, und ein Jahr später war er weg. Ferguson setzte auf den jungen Cristiano Ronaldo - und van Nistelrooy musste sich nach einem anderen Arbeitgeber umschauen, wenn er weiter die erste Geige spielen wollte.

Bayern Münchens Boss Karl-Heinz Rummenigge verkündete damals schon siegestrunken, van Nistelrooy wolle nur zu den Bayern. Anschließend durfte er mit ansehen, wie der Niederländer bei Real Madrid unterschrieb. Sechs Millionen Euro Jahresgehalt kassierte van Nistelrooy seitdem, schoss den damaligen Krisenclub Real zu den Meistertiteln 2007 und 2008 und setzte seine Torproduktion unvermindert fort - bis sich die Geschichte wiederholte. Wieder eine Knieverletzung, wieder besetzte Cristiano Ronaldo seinen Platz im Sturm, wieder sieht sich van Nistelrooy gezwungen, den Verein zu wechseln.

Der Boulevard freut sich zu früh

In Hamburg wird seit Tagen ausschließlich vom Mega-Transfer, vom größten Coup der Vereinsgeschichte geschwärmt, der Boulevard schreibt nur noch über den "van-tastischen" Ruud, auch die seriösen Blätter räumen ihre vorderen Seiten für Elogen über die Tormaschine aus Holland frei. Welch hohes Risiko der HSV mit dem Transfer eingeht, geht dabei im Rausch unter. Der Trainer der Tottenham Hotspurs, die in der Öffentlichkeit stets als HSV-Konkurrent um die Gunst van Nistelrooys gehandelt wurden, hat rasch abgewunken. "Es ist sehr die Frage, ob er noch einmal zu seiner alten Form zurückfindet", hat Tottenham-Coach Harry Redknapp schwere Bedenken angemeldet. Einen Spieler zu verpflichten, der mit seinem Spitzengehalt das Clubbudget belastet, ohne zu spielen, bringe nur Unruhe ins Team. Franck Ribéry lässt grüßen.

Offiziell ist van Nistelrooy fit. Er hat den obligatorischen medizinischen Test bereits bestanden. Er hat zudem gezeigt, dass er nach Verletzungen zurückkommt. Ob er dies mit 33 Jahren so gut wegstecken kann wie mit 23, ist eine Frage, die sich die HSV-Verantwortlichen offenbar schon beantwortet haben. Sie sind bereit, das Risiko zu tragen - durch den Trikotverkauf wird in jedem Fall einiges refinanziert. Kein HSV-Fan wird es sich nehmen lassen, künftig mit dem nächsten "van" auf dem Rücken im Stadion aufzutauchen. Van der Vaart ist endgültig out.

Rafael van der Vaart und seine Frau Sylvie waren die Lieblinge des Hamburger Boulevards. Mit ihnen ließ sich immer eine Geschichte machen. An van Nistelrooy werden sich die Reporter dagegen die Zähne ausbeißen. Keine Skandale, keine Märchenhochzeit im Fernsehen, keine Homestorys - was den Glamourfaktor angeht, ist van Nistelrooy der kleine Junge aus der niederländischen Provinz geblieben.

Aber van Nistelrooy muss auch nur seinen Job machen. Demnächst zum Beispiel in der Europa-League. Der Gegner für den HSV: PSV Eindhoven.

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Stramonium, 23.01.2010
1. Ruud ist ein fußballerischer Augenschmaus, auch mit 33 noch
Zitat von sysopGanz Hamburg freut sich über den größten Fußball-Transfer in der Stadtgeschichte: Der niederländische Topstar Ruud van Nistelrooy wechselt zum Hamburger SV. Der 33-Jährige schießt seit zehn Jahren Tore in Europas Topligen - wenn denn das Knie hält. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,673663,00.html
Ich freu mich auch auf ihn, werde das zum Anlass nehmen, nach langer Zeit mal wieder Fußball zu gucken.
hopper77, 23.01.2010
2. .
Zumindest ein namhafter Transfer, der anscheinend auch nicht soo viel gekostet hat. Ich bin gespannt, ob er nach fast 1,5 Jahren ohne regelmäßges Spielen noch einmal zu alter Form zurückfindet. Bei eher mäßg begabten Abwehrspielern wird er sicherlich für Angst und Schrecken sorgen.
Zero Thrust 23.01.2010
3. Man darf gespannt sein
Tja, abgesehen von seiner körperlichen Fitness wird halt die Frage sein, wie sehr er sich noch motivieren kann. Ist meiner Meinung nach immer so'ne Sache, bei Leuten, die ein Niveau erreicht haben, wie Van Nistelrooy, bei Real Madrid, aber insbesondere in seiner Manchester-Zeit: Weltbeste Nationalliga + Champions League, größte Fußballbühne als Normalität. Und dann? Zum Hamburger Sportverein? Bundesliga-Alltag und Europaliga? Nun ja. Das kann gut gehen, aber in der Vergangenheit, so ich mich recht entsinne, sind derartige Experimente überwiegend schiefgegangen. Das scheint vor allem Tottenham Hotspur sehr genau zu wissen. Der HSV möglicherweise nicht ganz so genau. Oder man fühlt sich genötigt, dieses Risiko einzugehen, um irgendwie da oben dran zu bleiben - anstatt, dass man es macht (machen kann?), wie Werder Bremen und (noch) weniger bekannte, aber dafür hochtalentierte und hungrige Spieler entdeckt (Beispiel: Diego), geht man eben diesen Weg. Ich muss sagen - bin da mehr als skeptisch, auch und gerade, was diese Verpflichtung jetzt betrifft, doch vielleicht werd' ich ja Lügen gestraft. Ich glaub aber nicht 'dran.
horstieeee 23.01.2010
4. Ganz Hamburg?
Ganz Hamburg? Nein, eine kleiner Stadtteil leistet nach wie vor dem Millionenwahn heftigen Widerstand. Dank einer hervorragenden Mischung talentierten Jugendnationalspielern und anderen bezahlbaren Spielern, die der Druide Stanislawskix zusammengestellt hat, sind die Dorfbewohner praktisch unbesiegbar. Und eines Tages sah selbst der HSV ein, dass er mit Gehalt allein bei so manchem Hamburger keine Begeisterungsstürme auslösen konnte...
horstieeee 23.01.2010
5. Ganz Hamburg?
Ganz Hamburg. Nein, eine kleiner Stadtteil leistet nach wie vor dem Millionenwahn heftigen Widerstand. Dank einer hervorragenden Mischung talentierten Jugendnationalspielern und anderen bezahlbaren Spielern, die der Druide Stanislawskix zusammengestellt hat, sind die Dorfbewohner praktisch unbesiegbar. Und eines Tages sah selbst der HSV ein, dass er mit Gehalt allein bei so manchem Hamburger keine Begeisterungsstürme auslösen konnte...
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