Gräfes Freistoßentscheidung Gegen die Hand

Hat Schiedsrichter Manuel Gräfe dem HSV zum Klassenerhalt verholfen? Der unterlegene KSC ist der Meinung, die Freistoßentscheidung in der 91. Minute sei nicht korrekt gewesen. Wie viel Raum zur Interpretation lässt das DFB-Regelwerk?
Referee Gräfe (r.), KSC-Spieler: "Nur einer hatte was dagegen, das war der Schiedsrichter"

Referee Gräfe (r.), KSC-Spieler: "Nur einer hatte was dagegen, das war der Schiedsrichter"

Foto: Marijan Murat/ dpa

Helfer des Karlsruher SC hatten schon Kisten mit Sekt bereitgestellt und die vorgedruckten Aufstiegs-T-Shirts unter den Ersatzspielern verteilt. Dann traf Marcelo Díaz in der 91. Minute per Freistoß. Es war der 1:1-Ausgleich des Hamburger SV im Relegationsrückspiel, der Bundesligist rettete sich so in die Verlängerung und am Ende auch den Klassenerhalt. Die KSC-Betreuer mussten den Schaumwein wieder einpacken, es gab keine Party mit Sektdusche, dafür jede Menge Frust.

Doch der Groll der Unterlegenen traf nicht den HSV, der es wieder irgendwie geschafft hatte. Die KSC-Verantwortlichen und -Spieler waren sauer auf Schiedsrichter Manuel Gräfe, weil er ihrer Ansicht nach mit seiner Freistoßentscheidung in der 91. Minute das Spiel zugunsten der Hamburger beeinflusst hatte. Karlsruhes Jonas Meffert habe den Schuss von Slobodan Rajkovic weder aktiv mit dem Arm abgefangen noch die Körperfläche vergrößert - beides Indikatoren für ein absichtliches Handspiel.

Der Karlsruher Präsident Ingo Wellenreuther sagte deshalb, er fühle sich "beschissen". Er glaubt, sein Klub hätte den Aufstieg verdient gehabt, "nur einer hatte was dagegen, das war der Schiedsrichter. Ich muss sagen, es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie man in der 90. Minute, wenn man den Ball aus einem Meter Entfernung an den Körper geknallt bekommt, Freistoß pfeifen kann". Einige KSC-Fans sahen das - naturgemäß - ähnlich, sie bewarfen Gräfe und sein Team mit Getränkebechern.

Lag der Referee mit seiner Entscheidung richtig?

Im Regelwerk des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist diese Aussage zum Handspiel zu finden: "Dem gegnerischen Team wird ein direkter Freistoß zugesprochen, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand spielt (gilt nicht für den Torwart im eigenen Strafraum)."

Auch der frühere Profi-Schiedsrichter Peter Gagelmann sagt in einem Interview auf dfb.de : "Die Absicht eines Handspiels ist das Kriterium, ob ich als Schiedsrichter das Spiel unterbrechen muss oder nicht." Diese Regel lässt einigen Spielraum für subjektive Interpretationen.

Aus seiner etwas verdeckten Perspektive dürfte es für Gräfe schwierig zu sehen gewesen sein, ob Meffert seinen rechten Arm bewusst in Richtung des Balls bewegt hatte. Doch die Grundlage für die Beurteilung eines Handspiels ist laut DFB einzig und allein die persönliche "Wahrnehmung durch den Schiedsrichter". Wäre Gräfe der Meinung gewesen, Meffert habe seinen Arm unabsichtlich zum Ball geführt, hätte er also keine Strafe aussprechen dürfen. War er aber nicht.

Stattdessen berief er sich auf die Anhaltspunkte, die der Weltverband Fifa den Schiedsrichtern an die Hand gibt, um über die Absicht einer Spieleraktion zu entscheiden. So soll man darauf achten, ob der Spieler die Körperfläche vergrößert hat (die Regel gilt seit 2011/2012) und ob die Bewegung von der Hand zum Ball verlief oder umgekehrt. Auch die Entfernung des Fußballers zum Ball ist demnach wichtig, weil der Schiedsrichter beurteilen muss, ob der Spieler eine Möglichkeit gehabt hätte, dem Ball auszuweichen.

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Ein weiteres Kriterium ist die Position des Arms oder der Hand: Befand sie sich in einer unnatürlichen Haltung, als sie den Ball berührte? Das trifft laut DFB bereits zu, wenn ein Spieler sich vor einem heranfliegenden Ball zu schützen versucht, etwa in einer Mauer.

Gräfe sah all diese Aspekte als gegeben an: Meffert hatte seinen Arm demnach absichtlich zum Ball bewegt, er hielt ihn leicht angewinkelt und weggedreht. Dazu zeigte Gräfe Meffert die Gelbe Karte, weil er die Aktion des 20-Jährigen als "unsportlich" einstufte. Als unsportlich gilt ein Handspiel laut DFB dann, wenn es verhindert, "dass der Gegner in Ballbesitz kommt".

Gagelmann bestätigt, dass ein Schiedsrichter Gelb geben könne, "wenn ein Verteidiger mit seinem absichtlichen Handspiel eine gute Angriffssituation unterbindet" - und das kann man in der Situation zwischen Meffert und Rajkovic durchaus so sehen.

Man kann verstehen, dass KSC-Manager Jens Todt "kotzen" mochte in Anbetracht dieser Situation, vor allem der Zeitpunkt des Ausgleichs kurz nach Ablauf der regulären Spielzeit war aus Karlsruher Sicht mehr als unglücklich. Lutz Hangartner, der Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, sagt SPIEGEL ONLINE: "Für mich war es ebenfalls kein Handspiel, weil Meffert sich wegdrehte und die Körperfläche nicht vergrößerte. Doch wenn Gräfe das aus seiner Perspektive so sah, ist seine persönliche Entscheidung richtig."

Zudem war Díaz' Freistoß gekonnt ausgeführt; das darf man ruhig anerkennen, HSV-Dusel hin oder her.

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