HSV Wer sucht, der findet nicht

Der HSV lässt sich ungewöhnlich viel Zeit bei der Trainersuche. Nachdem sich Jürgen Klopp für Mainz entschieden hat, wird die Suche nicht einfacher. Gewollt wird ein Trainer, der so erfolgreich ist wie Huub Stevens. Und der dennoch ganz anders ist.

Von Martin Sonnleitner


Eine überhastete Personalpolitik kann man dem HSV wirklich nicht vorwerfen. Seit dem 19. November sucht der Tabellen-Zweite nun einen neuen Trainer. Es war der Tag, an dem Huub Stevens verkündete, sein Amt beim HSV zum Sommer niederlegen zu wollen und Coach in seiner niederländischen Heimat, beim PSV Eindhoven, zu werden. Mittlerweile steigt der Druck auf die Verantwortlichen, Hamburg hat die ins Kraut schießenden Spekulationen satt.

HSV-Trainer Stevens: Erfolg - und dennoch einige Mängel
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HSV-Trainer Stevens: Erfolg - und dennoch einige Mängel

Dabei geht es bei der Frage, wer Stevens in der kommenden Saison beerben soll, auch um Grundsätzliches. Welchen Trainer-Typus traut und mutet man der Medienmetropole zu?

Wenn man ihn nach dem Anforderungsprofil des großen Unbekannten fragt, formuliert HSV-Präsident Bernd Hoffmann auf SPIEGEL ONLINE gewohnt kaufmännisch: "Bei der Trainerverpflichtung achten wir drauf, dass die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, viele Spiele zu gewinnen." Ach ja? Dass zwischenzeitlich so abenteuerlustige Fahrensmänner wie Slaven Bilic die Agenda diktierten, kann dem HSV jedenfalls nicht gelegen kommen. Gut möglich, dass der kroatische Nationaltrainer sich nur deshalb auf der Tribüne der Hamburger WM-Arena fotografieren ließ, um das Angebot des kroatischen Verbandes in die Höhe zu treiben.

Indes sickerte trotz der selbstauferlegten hermetischen Nachrichtensperre der HSV-Offiziellen durch, dass Mainz-Trainer Jürgen Klopp lange Zeit als Favorit des gewandten Präsidenten Bernd Hoffmann galt. HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer würde hingegen wohl eher einen europäischen Top-Trainer verpflichten. Beiersdorfer verbündete sich eng mit Stevens' Vorgänger, dem Kumpeltyp Thomas Doll, und hielt ihm, auch als Dolls Zeit in Hamburg längst abgelaufen war, noch die Treue, was ihm fast selber zum Verhängnis geworden wäre. Diesen Fehler will Beiersdorfer nicht noch einmal machen, deshalb die Präferenz für einen international renommierten Coach. Nachdem sich Klopp für Mainz 05 entschieden hat, ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Stevens Nachfolger keinen deutschen Pass besitzen wird.

Für Klopp hätte hingegen dessen Charisma gesprochen. Besonders Hoffmann, der als Marketing-Profi das mediale Selbstverständnis des lange Zeit darbenden Traditionsvereins in neues Fahrwasser geführt hat, suchte einen kommunikativeren Trainer. Der HSV ist schließlich wieder wer. Überregional präsent, beliebt, attraktiv und vor allem modern. Ein jugendlicher Übungsleiter wie Jürgen Klopp schien Hoffmann da gut ins Konzept zu passen. Durchaus auch als Gegenentwurf zu Stevens.

Denn der Niederländer vertritt den sich weltoffen gerierenden Großstadtverein nicht adäquat nach außen. Dabei sind es nie seine "Jungs", die extern den Dampf des bisweilen unwirschen Stevens abbekommen. Hinter sie stellt er sich stets schützend. Auf den Pressekonferenzen nach den Spielen donnert es dann aber häufig gewaltig. Der 54-Jährige bügelt alle kritischen Fragen der Journalisten weg. Er keift, ätzt und motzt. Versucht dabei aber stets, den aufkeimenden Wutanfall unter Kontrolle zu halten. "Huub Stevens ist ein Trainer mit Ecken und Kanten, authentisch, gradlinig. Das wussten wir, als wir ihn verpflichtet haben", sagt Hoffmann.

Doch bei der Trainersuche spielt natürlich nicht nur die Außendarstellung des Clubs eine Rolle – selten wurde so viel um die taktische Ausrichtung des HSV diskutiert wie seit der Amtsübernahme von Huub Stevens. Solange die Ergebnisse stimmten, wurde seine krude Taktik noch kritiklos akzeptiert. Doch nach mittlerweile mageren 17 Punkten aus den letzten 13 Partien stellt sich die Systemfrage, mit der doppelten Sechs als zentrale Absicherung der Viererkette, mehr denn je. Ein Murren zieht zwar durch die Stadt, doch niemand hebt wirklich die Hand. Auch ein seit Wochen formschwacher Spielmacher Rafael van der Vaart wispert nur leise ins Mikrofon, dass seine Lieblingsposition das zentrale Mittelfeld sei. Dieses wird aber komplett der "Stevensive" geopfert. Darüber, wie ein versierter Fußballkenner wie Beiersdorfer die fußballerische Stagnation des HSV bewertet, lässt sich nur spekulieren. Der Sportchef lässt sich nicht in die Karten schauen.

Stevens Fußball gilt als unattraktiv, ein moderner Kommunikator ist er auch nicht, doch das scheint seiner Popularität an der Basis nicht geschadet zu haben. "Wenn du nach dem Spiel nicht grantig bist, bist du kein guter Trainer", springt Holli, stadtbekannter Sport-Kolumnist und Wirt der HSV-Gaststätte "Zur Ente", Stevens zur Seite. Holli klopft auf den Holztresen: "Erfolg ist das beste Rezept. Gewinnt ein Klopp die ersten vier Spiele, ist seine Leichtigkeit der richtige Weg, gelingt dies einem van Gaal, braucht die Mannschaft die Peitsche." Auch Franko Kroschewski, regelmäßiger Stadiongast seit 1978, differenziert: "Die einen Fans mögen Stevens' Typ nicht, andere hingegen finden seine Art ehrlich und direkt." Doch selbst er bestätigt, dass es an der Basis seit Wochen viel Wirbel gibt. So langsam sollte er dann eben doch mal präsentiert werden, der neue Trainer.



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