Huub Stevens als Trainer bei Schalke 04 Die nächste Panik kann kommen

Trainer Manuel Baum muss nach zehn sieglosen Spielen gehen, Huub Stevens soll Schalke 04 retten, zum vierten Mal. Die Rochade ist Ausdruck der desaströsen Bilanz von Vorstand Jochen Schneider.
Huub Stevens bei seinem bislang letzten Engagement bei Schalke 04 2019

Huub Stevens bei seinem bislang letzten Engagement bei Schalke 04 2019

Foto: Martin Meissner / AP

Jochen Schneider darf nun als Routinier bezeichnet werden, selbst für Schalker Verhältnisse. Seit März 2019 arbeitet er für den Fußballklub aus Gelsenkirchen, am 18. Dezember 2020 moderierte der »Vorstand Sport und Kommunikation« nun schon den vierten Trainerwechsel. Dabei war ihm die Kommunikation wieder mal entglitten, denn die Freistellung von Manuel Baum und die Bestellung von Huub Stevens war schon Stunden vor der offiziellen Mitteilung des Vereins bekannt geworden. 

Der Schritt mutet wie eine panische Reaktion an, die nach Baums verheerender Serie von zehn Bundesligaspielen ohne Sieg bei vier Unentschieden allerdings nachzuvollziehen ist. Den Fehler, zu lange an einem erfolglosen Trainer festzuhalten, wollte Schneider nach den schlechten Erfahrungen mit David Wagner vermeiden.

Fehlgriffe von Schneider

Geduld zeigt der Aufsichtsrat hingegen bei Schneider, denn die Verpflichtung von Baum war ein weiterer Fehlgriff des Sportvorstands, der ein paar Wochen zuvor schon den Technischen Direktor Michael Reschke freigestellt hatte, der in der Kosten-Nutzen-Rechnung ähnlich miserabel wie Baum abschneidet. Die Außendarstellung des Klubs, für die er als Kommunikationsvorstand ebenfalls die Verantwortung trägt, entwickelte sich in der vergangenen Monaten zu einem Desaster. Schneider bezeichnete es selbst als »verheerend«, dass interne Angelegenheiten zügig den Weg in die Öffentlichkeit fanden.

Auch deshalb betonte Schneider wohl während einer digitalen Medienkonferenz, dass die Abstimmung mit dem Aufsichtsrat über die Personalie Baum »intern offen, extern mit maximaler Vertraulichkeit« geführt worden sei. Er gestand eine »kontroverse Diskussion« ein. Dass die Trennung von Baum am Ende eines »Prozesses über Wochen und Monaten« gestanden habe, erstaunte. Manuel Baum nahm am 30. September seine Arbeit auf Schalke auf. Der Frage, wann ihm Zweifel an dem Trainer gekommen seien, wich Schneider aus.

Der Sportvorstand schloss erneut aus, dass er freiwillig seinen Job aufgeben wird. Er sei niemand, der wegrenne: »Wenn der Aufsichtsrat es sagt, dann gehe ich nach Hause.«

Stevens zum vierten Mal Schalker Coach

Stevens wird zum vierten Mal Trainer des FC Schalke 04. Seine Aufgabe ist theoretisch einfach definiert, die Umsetzung in der Praxis dürfte schwieriger werden: Am Samstag spielt der FC Schalke 04 als Tabellenletzter gegen Arminia Bielefeld und sollte gewinnen, um die Hoffnung auf den Klassenerhalt zumindest ins neue Jahr zu retten. Dann wird ein neuer Retter kommen. Nach dem Pokalspiel gegen den Viertligisten SSV Ulm wollen die Schalker den Namen bekannt geben.

Domenico Tedesco, Stevens’ Vorgänger bis März 2019, wird als Kandidat gehandelt, auch wieder Dimitrios Grammozis. Dazu kommen klassische Retter wie Friedhelm Funkel und Peter Neururer

Schneider und Stevens wechseln nun zum zweiten Mal in weniger als zwei Jahren die Rollen. Die meiste Zeit über war es die Aufgabe des 67 Jahre alten Niederländers, Schneiders Arbeit als Mitglied des Aufsichtsrates zu kontrollieren und zu bewerten. Stevens, von den Fans zum »Jahrhunderttrainer« gewählt, galt als Vertreter für sportliche Kompetenz in einem Gremium, das jahrzehntelang als Hofstaat von Clemens Tönnies wahrgenommen wurde. Er soll dort durchaus seine Stimme erhoben haben, beispielsweise gegen eine Verpflichtung von Sebastian Rudy im Sommer 2018, der noch von Schneiders Vorgänger Christian Heidel geholt worden war. Sie hörten nicht auf Stevens, der sich öffentlich als Aufsichtsrat nur sehr selten äußerte.

Das letzte Mal war nicht das letzte Mal

Es ist beinahe ein Vierteljahrhundert her, dass Schalke zum ersten Mal Huub Stevens als Trainer vorstellte. Seine erste Zeit war geprägt vom Gewinn des Uefa-Cups, zwei Pokalsiegen und der herzzerreißenden Meisterschaft für vier Minuten 2001. Die zweite Zeit endete im Dezember 2012 mit einer Freistellung als Tabellen-7. 

»Das war definitiv das letzte Mal«, sagte Stevens im Frühjahr 2019, nachdem er Schalke als Nachfolger von Tedesco als Tabellen-14. übernommen und nach zehn Spielen auch dort wieder abgegeben hatte. Dass er zwischenzeitlich mit einem Derbysieg Borussia Dortmund im Meisterrennen entscheidend zurückwarf, war ein hübscher Nebeneffekt.

Das »definitive« Karriereende als Trainer war bereits sein zweites. Auch im Februar 2016, nachdem er wegen Herz-Rhythmusstörungen bei der TSG Hoffenheim aufgehört hatte, verkündete er es.

Stevens »brennt« und kokettiert

Nun ist er wieder als Retter erschienen. In dieser Rolle sammelte er Erfolge beim Hamburger SV, den er vom letzten Tabellenplatz in den Uefa-Pokal führte. Zweimal holte ihn der vom Abstieg bedrohte VfB Stuttgart, zweimal hielt Stevens die Klasse dank eines pragmatischen, teilweise zynischen Fußballs. 

Die Mission Schalke 2020 ist in der Bundesliga auf 90 Minuten plus Nachspielzeit begrenzt. »Ich brenne«, sagte Stevens auf die Frage nach seiner Motivation. Er grinste dabei, genau wie bei der Frage, ob definitiv dieses Mal wirklich definitiv bedeute: »Lass dich überraschen.« Die nächste Panik auf Schalke kann kommen.