Wechselgerüchte um BVB-Profi Gündogan Es tut gleichmäßig weh

Ilkay Gündogan, bei Borussia Dortmund um alte Form kämpfend, steht offenbar vor einem Vereinswechsel. Fußballerisch wäre es ein Verlust. Den könnte der BVB aber besser verkraften als die Abgänge von Götze und Lewandowski.

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Es gibt einen Ort in Deutschland, an dem man sich besonders freuen wird, falls der Fußballprofi Ilkay Gündogan Borussia Dortmund im Sommer verlassen sollte.

In Nürnberg blickt man dieser Tage aufmerksam ins Ruhrgebiet. Vor seiner Zeit beim BVB war der Nationalspieler beim Club aktiv, der klamme Zweitligist wäre bei einem (Weiter-)Verkauf Gündogans an der Ablöse beteiligt. Die "Bild"-Zeitung berichtet von angeblich 15 Prozent. Das würde bei der Lizenz-Erteilung helfen, der Verein muss hier noch finanziell nachbessern.

In Dortmund hingegen blickt man vor dem wichtigen Pokalhalbfinale beim FC Bayern München (20.30 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zunehmend genervt auf die Causa Gündogan. Das liegt auch an den Gerüchten, die es um den 24-Jährigen gibt: Keines davon dreht sich um eine abermalige Vertragsverlängerung. Sein Zögern, ein über 2016 hinaus datiertes neues Arbeitspapier zu unterzeichnen, wird längst als Zeichen eines vorzeitigen Abschieds gewertet.

Ein Verkauf des Nationalspielers in der kommenden Transferperiode steht bevor. Interessiert sein sollen angeblich Premier-League-Klub Manchester United, der italienische Rekordmeister Juventus Turin und Spaniens Meister Atlético Madrid. Zuletzt fiel Gündogans Name auch im Zusammenhang mit dem FC Bayern München.

Gündogan und der BVB - Eine Geschichte des Wartens

Es blieben maximal sechs Pflichtspiele, um den hochtalentierten Profi im Kader von Trainer Jürgen Klopp noch im schwarz-gelben Dress zu bewundern. Diese Rechnung würde ein mögliches Finale im DFB-Pokal schon miteinschließen.

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Ob es so weit kommt, darf aber bezweifelt werden, im Halbfinale wartet schließlich der Titelverteidiger und frisch gekürte Dauer-Meister aus München. Gündogans Einsatz in dem schweren Auswärtsspiel ist wegen einer Rachenentzündung allerdings fraglich. An das Fehlen des in Gelsenkirchen geborenen Mittelfeldspielers hat sich die Borussia zuletzt gewöhnt.

Gündogan und Dortmund, das ist eine Geschichte des Wartens geworden. 14 Monate fehlte er wegen einer 2013 erlittenen komplizierten Rückenverletzung, musste zwischenzeitlich um seine Karriere bangen. Erst am achten Spieltag in Köln (1:2) gab Gündogan sein Comeback. Selten war zuvor ein verletzter Spieler bei Borussia Dortmund so sehr zurückgewünscht worden.

Ein Stratege mit seltenen Fähigkeiten

Gündogan ist der begabteste Fußballer, der im Kader von Trainer Jürgen Klopp verblieben ist. "Ein sehr kluger Spieler mit überragenden technischen Fähigkeiten. Von denen gibt es nicht viele", sagt Michael Oenning SPIEGEL ONLINE, der Gündogan schon in der A-Jugend in Bochum und später bei den Profis in Nürnberg trainiert hatte. Wie sein Vorbild Xavi vom FC Barcelona erkenne auch Gündogan Räume zur Spieleröffnung, nutze sie mit klugen, vertikalen Pässen. "Ein Stratege", sagt Oenning.

Es wäre deshalb leicht, einen Abgang Gündogans in Dortmund gleichzusetzen mit jenen von Mario Götze (FC Bayern) und Robert Lewandowski (FC Bayern), ganz falsch wäre das sicher auch nicht. Und doch gibt es einen großen Unterschied. Diesmal profitiert der BVB von den selbst eingeleiteten Entwicklungen im Klub, selbst wenn er den nächsten Spitzenspieler zum großen Ligakonkurrenten aus München ziehen lassen müsste.

Der Grund heißt Thomas Tuchel.

Es gehört zur oft schwer erklärbaren Wirkung eines Trainerwechsels, und sei er wie in Dortmund nur verkündet, dass einen Fußballverein und seine Fans Aufbruchstimmung erfasst. Selbst dann, wenn einer wie Jürgen Klopp Abschied nimmt, der beim BVB nicht nur durch die errungenen Titel Kultstatus besitzt.

Dortmund vor dem Umbau

Mit der Verkündung von Tuchels Verpflichtung hat Dortmund das Signal zum Umbau gegeben. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc haben einen Umbruch im Kader mehrfach ausgeschlossen, doch die Definition des Wortes Umbruch ist subjektiv. Veränderungen wird es geben, beim Spielstil, aber eben auch beim Personal. Borussia Dortmund in der Saison 2015/2016, das ist die große Unbekannte, mit viel Raum für Neues.

Schon schwirren die Namen möglicher Kandidaten für das defensive Mittelfeld, Gündogans Position, umher: Johannes Geis von Tuchels Ex-Klub Mainz 05, zum Beispiel. Oder Gonzalo Castro von Bayer Leverkusen. Die Borussia wird künftig anders daherkommen, die Millionen aus einem Gündogan-Verkauf wären dabei sicher nicht hinderlich. Das mag arg geschäftlich klingen, doch viel emotionaler geht es in diesem Fall nicht zu.

Als Götze den Verein verließ, entbrannte im Fanlager beinahe Hass, bei Lewandowski herrschte zwar Enttäuschung, aber es überwog der Respekt vor der Einstellung des Polen, der auch in seinem letzten BVB-Jahr Topleistungen zeigte, obwohl er bereits da für den FC Bayern spielen wollte. Sportlich, das sollte sich bald herausstellen, konnte die Borussia beide Abgänge nicht adäquat auffangen.

Durchwachsene Saison

Einen Abschied Gündogans würde man in Dortmund bedauern. Lieder wie bei Shinji Kagawa würden wohl eher wenige geschrieben werden. Für den Japaner "komponierte" ein Fan öffentlichkeitswirksam einen Song ("Shinji's Coming Home"), um den Rückkehrer willkommen zu heißen. Wer möchte, kann bei Gündogan eine Textzeile aus Herbert Grönemeyers "Mensch" zitieren: "Es tut gleichmäßig weh."

Das hat auch sportliche Gründe. Gündogan spielt nach seiner Rückkehr eine durchwachsene Saison, eine logische Folge nach seiner langen Phase der Rekonvaleszenz. Als er im Oktober 2014 am dritten Gruppenspieltag der Champions League bei Galatasaray Istanbul (4:0) nach seiner Einwechslung in der 69. Minute am Ball war, interpretierte mancher zu früh zu viel in seine Darbietung. Seine Drehungen, seine Torvorlage, das sah wie die rasche Einlösung eines Versprechens aus.

Seither gibt Gündogan mal den Mitläufer, mal spielt er überdurchschnittlich. Die ganz großen Auftritte fehlen naturgemäß noch, er weiß das selbst. Von seinen Leistungen aus besten Tagen ist er noch weit entfernt. Damals, im Juni 2013, als er "in Top-Form war. Und auch viele Begehrlichkeiten geweckt habe", wie er im ZDF sagte. Der FC Barcelona, vielleicht auch Real Madrid, das waren die Sphären, in denen sich potenzielle neue Arbeitgeber bewegten. Auch dort wird anno 2015 gerätselt, ob Gündogan die alte Klasse jemals wieder erreicht.

Eine belastbare Aussage zu seiner Zukunft vermeidet der Spieler bisher, eine "zeitnahe Entscheidung" wurde immerhin von Vereinsseite verkündet. Nicht nur in Nürnberg schaut man in diesen Tagen wieder besonders aufmerksam hin, wenn das Rätsel um Ilkay Gündogan aufgelöst wird.

insgesamt 72 Beiträge
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Grafsteiner 28.04.2015
1. Begrenztes Potential
Er ist sicherlich ein guter Fussballspieler. Aber auf der Position braucht man einen, der alleine ein Spiel entscheiden kann. Wie Ballack. Oder Ibrahimovic. Oder Messi. :-)
raihower 28.04.2015
2. Achso
Na dann ... und ich hab immer geglaubt, dass der BVB kaputt gekauft worden ist, dass er zerstört werden sollte usw Das ist doch das Mantra der BVBler und ihre Erklärung für den Misserfolg. Dachte ich bis jetzt. Danke für die Rückmeldung.
spaas11 28.04.2015
3. Es
steht im Artikel, dgar nicht drin, dass Bayern den Spieler kauft. Das mit dem lesen müsse wir nochmal üben. Aber dieser auswendig gelernte Satz ist in Dortmund anscheinend schon hinte der Netzhaut eingebrannt.
gigi76 28.04.2015
4. ablösefrei 2016
Gündigan ist aktuell schwer einzuschätzten, ob er je wieder die alte Form erreicht? Macht viel mehr Sinn, ihn noch ein Jahr beim BVB zu beobachten, als jetzt unnötig Geld auszugeben.
cava63 28.04.2015
5. wie bei Reus
Der Spielerberater, ein Sensationsreporter oder der Schwager vom Platzwart lancieren erstmal das Gerücht, dass der Spieler zu Bayern gehen könnte. Das erhöht die Ablöse, und gleichzeitig kann man die Mär vom "Leerkaufen" wieder anheizen. Also, einfach mal abwarten.
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